Ganz viel Mensch

Er war ein Schauspieler von wahrhaft großem Format: Dieter Pfaff. Nun ist der so gewichtige wie einfühlsame Hauptdarsteller von Serien wie "Bloch" und "Der Dicke" 65-jährig einer Krebserkrankung erlegen.

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Êr erlag mit 65 Jahren einer Krebserkrankung: Dieter Pfaff. Foto: dpa

Er stöhnte und schwitzte, quälte sich Stufen herauf und fasste sich auch mal ans Herz. Dieter Pfaff, dieses schauspielerische Schwergewicht, scheute sich in seinen Rollen nie, seine massive, wohl auch belastende Körperlichkeit zu zeigen. Dieter Pfaff aber war, ob als Pater Ludger oder als Kommissar Sperling, ob als Psychotherapeut Bloch oder als "Der Dicke", viel mehr als nur dieser enorme Leib: Er stand für scharfen Geist und tiefgründige Seele, er verkörperte Stärke und Schwäche - Pfaff, der nun im Alter von 65 Jahren an Lungenkrebs gestorben ist, war ganz viel Mensch.

Seine Krebserkrankung war im vergangenen September bekannt geworden, die Dreharbeiten für eine neue Staffel von "Der Dicke" wurden wegen der Chemotherapie verschoben. Anfang Februar freute sich Pfaff in der "Bild am Sonntag", der Krebs sei besiegt, er freue sich wieder aufs Filmen. Doch die Krankheit schlug zurück und besiegte den Mann, der so intensiv gelebt und gearbeitet und auch geraucht hatte - selbst in Interviews hatte er stets zur Schachtel gegriffen.

Dieter Pfaff stand zu seinem gewaltigen Format. Als einer, der mal Psychotherapeut werden wollte, machte er sich nichts vor. Er sei damals, 1969, als sie Zwillinge bekamen, "mit meiner Frau zusammen schwanger geworden", erzählte er. Und er wusste Bescheid, warum er so monumental war, wie er bild.de schilderte: "Das fängt beim Nachkriegskind an, das immer den Teller leer essen muss. Geht weiter zu Mangelsituationen, in denen ich nur ein kleines Stück Schokolade bekam. Außerdem neige ich im Kopf zum Davonfliegen, weswegen ich eine gewisse Schwere brauche, um am Boden zu bleiben. Das schließt mit der Theorie, dass ich mir einen Panzer zugelegt habe, um nicht verletzt zu werden." Doch er habe gelernt, sich zu akzeptieren, in seinem Format, in seiner Fülle.

1947 in Dortmund geboren, entdeckte Dieter Pfaff schon in der Schulzeit seine Liebe zur Schauspielerei. Er studierte aber zunächst Germanistik und Geschichte auf Lehramt, brach 22-jährig das Studium ab und ging als Regieassistent ans Theater Dortmund. In den Folgejahren arbeitete er als Dramaturg, aber auch als Autor und Regisseur an Theatern in Paderborn, Nürnberg, München, am Landestheater Tübingen. Von 1983 an war er sieben Jahre lang Professor für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Graz, startete parallel seine eigene Schauspielkarriere, trat in zahlreichen TV-Krimis auf. Der Durchbruch kam von 1984 an als Polizist und Schnäppchenjäger in "Der Fahnder".

Seit seinem Grimme-Preis 1996 für die RTL-Serie "Balko" - er spielte einen unorthodoxen Kriminaloberrat samt Mops - gehörte Pfaff zur den beliebtesten Charakterdarstellern in Deutschland. Die Zuschauer nahmen ihm Skepsis und Skurrilität, Spür- und Scharfsinn ab. Es folgten Hauptrollen in eigens für ihn geschaffenen Serien: in "Bruder Esel", worin er einen verliebten Mönch darstellte, und als Kommissar Sperling in der gleichnamigen Reihe. Auch für diese beiden Rollen gab es einen Grimme-Preis. Seine größten Erfolge feierte Pfaff als Titelheld von "Bloch". In mehr als 20 Fernsehfilmen spielte er den sensiblen, schlauen, engagierten Psychotherapeuten, einen Detektiv der Seele und einen Analytiker des Verbrechens. Mit Ulrike Krumbiegel gab Pfaff dabei auch eines der glaubwürdigsten Paare in der jüngeren deutschen TV-Geschichte ab.

Die Grenze zwischen Rolle und Darsteller schien bei Pfaff immer wieder durchlässig. Die Bloch-Fälle waren ihm oft nahe, sein Beruf für ihn dabei tatsächlich "eine Art Psychotherapie, weil ich mich beim Spielen selbst erkenne, wie in einem Spiegel. Das kann auch erschreckend sein, dieser Beruf ist nichts für Schwächlinge."

Ein Schwächling war er auch in "Der Dicke" nicht. Als schlitzohriger Rechtsanwalt Ehrenberg, der seine Wirtschaftskanzlei aufgibt und sich für Probleme so genannter kleiner Leute einsetzt, schlug sein soziales Gewissen. Die Serie war für Pfaff "Unterhaltung, wie ich sie mir vorstelle. Unterhaltung mit besonderer Betonung auf ,Haltung, ohne die eine solche Serie nicht gelingen kann, und nicht auf ,Unter."

Der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor würdigte den Schauspieler, der mit seiner Frau, den erwachsenen Zwillingen und deren Familien in einer Hamburger Generationen-WG unter einem Dach lebte, gestern als "wahrhaftig, beharrlich, einfühlsam und von einzigartiger Präsenz". Dieter Pfaff wird den Fernsehzuschauern als einer in Erinnerung bleiben, der über seine Körperlichkeit hinaus Größe vermittelte. Als einer, der eben kein dickes Fell, sondern eine empfindsame Haut hatte. "Wenn ich nicht verletzlich bleibe", sagte er, "kann ich meinen Beruf als Schauspieler nicht mehr ausüben." Bis zuletzt hat Dieter Pfaff das beeindruckend gezeigt.

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