Fahndung mit Missbrauchsfotos als letztes Mittel

Das Bundeskriminalamt hat den mutmaßlichen Kinderschänder gefasst, das Kind ist in Sicherheit. Doch der Fall zeigt: Die Täter sind schwer zu fassen, die Kinderporno-Szene taicht ins Darknet ab.

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Auf Darknet-Plattformen wie „Elysium“ werden Kinderpornos angeboten. Im Juli wurden 14 Verdächtige festgenommen.  Foto: 

Es war ein Blitzerfolg: Wenige Stunden nach der Veröffentlichung von Bildern des Opfers hat die Polizei den Missbrauch eines vierjährigen Mädchens offenbar aufgeklärt. Nach zahlreichen Hinweisen von Bürgern nahm die Polizei einen 24-Jährigen aus dem Umfeld des Kinds fest, wie Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk in Frankfurt mitteilte. Der Mann soll das Mädchen neun Mal teilweise schwer missbraucht und Aufnahmen davon im Darknet, dem dunklen Teil des Internets, angeboten haben. Dem Kind gehe es „den Umständen entsprechend gut“, so Ungefuk.

Zum Aufenthaltsort des Mädchens wollte sich Ungefuk, nicht äußern, ebenfalls nicht zur Frage, in welchem Verhältnis der Verdächtige zum Opfer stand. Laut „Bild“ soll es sich bei dem Mann aus dem Kreis Wesermarsch (Niedersachsen) um den Freund der Mutter handeln. Sie habe sich bei der Polizei gemeldet und ihn angezeigt. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung wurden Beweismittel beschlagnahmt.

Dieser Fall steht für viele. Wenn es um sexuellem Missbrauch kleiner Kinder geht, machen Ermittler häufig die bittere und traurige Erfahrung, dass die Spur zu den Peinigern oft in das nahe persönliche Umfeld der Opfer führt. Die Ermittlung der Täter gleicht dennoch oft einer Sisyphusarbeit. Gerade dann, wenn mit dem Missbrauch der kleinen Kinder die Verbreitung von pornografischen Bildern und Videos im Darknet einhergeht.

Die Kinderporno-Szene spielt sich nach Einschätzung der Polizei mittlerweile überwiegend in diesem verborgenen Teil des Internets ab. Um sich dort bewegen zu können, ist eine spezielle Verschlüsselungssoftware nötig. Entsprechend technisch aufwendig und zeitintensiv ist auch die Arbeit der Cybercrime-Experten des Bundeskriminalamtes (BKA) – und stößt, wie bei der Suche nach dem vierjährigen Mädchen und dem Täter, auch an seine Grenzen.

Hinweise auf diesen Fall hatte das BKA zuvor von ausländischen Behörden bekommen: Im Darknet war ein Missbrauchsvideo aufgetaucht, bei dem im Hintergrund der Ton eines deutschen TV-Programms zu hören war. Trotz aller technischer Kniffe gelang es den Experten nicht, eine Spur zum Täter zu finden.

Da man fürchtete, dass das Mädchen weiter missbraucht wird, ordnete das Amtsgericht Gießen die öffentliche Fahndung mit Missbrauchsfotos des kleinen Kindes an. Vorausgegangen war ein intensiver Abwägungsprozess. Und da das gesuchte kleine Mädchen noch sehr jung war, kam auch eine flächendeckende Schulfahndung nicht in Frage. Dabei werden Lehrern Bilder der betroffenen Kinder gezeigt.

Riesige Plattformen im Darknet

Dieses Vorgehen hatte im Juli bei den Ermittlungen gegen die internationale Kinderporn-Plattform „Elysium“ zum Erfolg geführt. Eine Volksschullehrerin aus Wien erkannte ein Missbrauchsopfer. Der Vater des Mädchens wurde festgenommen. Er soll seine Tochter und ihren jüngeren Bruder über Jahre hinweg schwer sexuell missbraucht und dies auch noch gefilmt haben.

Bei diesem Schlag der Ermittler gegen eine der größten internationalen Kinderpornografie-Plattformen im Darknet waren 14 Verdächtige festgenommen worden. Auf der rund 87 000 Nutzer zählenden Plattform „Elysium“ wurden Bilder und Videos ausgetauscht, darunter Aufnahmen schwersten sexuellen Missbrauchs. Die Opfer waren Kinder im Alter von zwei bis acht Jahren. Die Szene, sagen Experten, wird aggressiver und härter.

Wie groß ist das Problem des Missbrauchs Minderjähriger wirklich? Offizielle Statistiken wie die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) berichten seit 2009 von recht stabilen Zahlen – nämlich von jährlich rund 14 000 Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die zu Opfer werden. Für Baden-Württemberg sind für 2016 1174 Fälle des Missbrauchs von Kindern und 89 von Jugendlichen erfasst.Dabei handelt es sich aber lediglich um die bei der Polizei angezeigten Fälle, das so genannte Hellfeld. Die Dunkelziffer ist naturgemäß viel größer – wie groß, ist strittig. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus. Das wären so viele Kinder, wie Menschen insgesamt in der viertgrößten deutschen Stadt – nämlich Köln – leben.

Das Hilfeportal des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, hat das auf die Schulen heruntergerechnet. Demnach sei pro deutscher Schulklasse von ein bis zwei betroffenen Kindern auszugehen. Rörig hat angesichts der Dimension des Problems den neuen Bundestag aufgefordert, noch 2018 ein „Kindesmissbrauchsbekämpfungsgesetz“ zu verabschieden. Sexuelle Gewalt sei „ein permanentes und besonders tabuisiertes Problem unserer Gesellschaft“. Noch immer werde viel zu oft weggeschaut und geschwiegen. hz

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