Experten: In Schwangerschaft auf jeden Alkohol verzichten

Knapp jeder fünfte Bürger findet kleine Mengen Alkohol während der Schwangerschaft nicht schlimm. Dabei kann Trinken in diesen neun Monaten beim Kind zu schweren Behinderungen führen.

|

Rund 2000 Kinder kommen jedes Jahr mit massiven Behinderungen zur Welt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken haben. Die Schädigungen erstrecken sich vom Wachstum über das Zentrale Nervensystem bis zu auffälligen Veränderungen im Gesicht, erklärte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), am Dienstag in Berlin.

Schätzungen gehen davon aus, dass pro Jahr rund 10.000 Neugeborene mindestens Teilstörungen erleiden. Alle Formen dieser vorgeburtlichen Schädigungen werden unter dem Begriff FASD (fetale Alkoholspektrum-Störungen) zusammengefasst. Zwar habe das Bewusstsein für die Schädlichkeit von Alkohol für Ungeborene zugenommen. Doch noch immer halten 18 Prozent der Bundesbürger ein gelegentliches Gläschen Sekt oder Bier während der Schwangerschaft für vertretbar, 20 Prozent der Männer und immerhin 16 Prozent der Frauen. Das geht aus einer Umfrage im Auftrag der Privaten Krankenversicherung (PKV) hervor.

Was geschieht mit Ungeborenen, wenn Mütter Alkohol trinken? - Der Alkohol gerät nach den Worten der Vorsitzenden des Vereins FASD Deutschland, Gisela Michalowski, ungefiltert über die Plazenta in den Blutkreislauf des Ungeborenen. Innerhalb weniger Sekunden hat der Fötus den gleichen Promillegehalt wie die Mutter. Das ungeborene Kind kann aber den Alkohol deutlich schlechter abbauen. Es braucht ungefähr zehnmal so lange wie die Mutter, um wieder nüchtern zu werden. Besonders groß sind die Auswirkungen während der ersten drei Schwangerschaftsmonate, weil in dieser Zeit Organe und Gehirn besonders intensiv entwickelt werden.

Was können Folgen des Alkoholkonsums der Schwangeren sein? - Jedes zweite betroffene Baby ist später selbst suchtgefährdet. Außerdem kommen die Kinder häufig zu klein und zu leicht auf die Welt. Kleinwuchs kann die Folge sein. Möglich sind auch Erkrankungen der Organe wie Niere oder Herz. Zudem zeigen sich später geistige Behinderungen. Im Gesicht kann es zu Auffälligkeiten wie eine schmale Oberlippe oder kurze Lidspalten kommen. Die Beeinträchtigungen bleiben in der Regel ein Leben lang.

Weshalb ist das FASD so wenig bekannt? - Selbst Fachärzte wie Gynäkologen oder Kinderärzte, aber auch Hausärzte sind wenig sensibilisiert für das Thema. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Symptome nicht erkannt werden. Oft werden deshalb betroffene Menschen falsch behandelt. Aber auch bei den Eltern ist das Problem noch nicht richtig angekommen.

Wie sollte aufgeklärt werden? - Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), und die FASD Deutschland fordern deutlich mehr Aufklärung in allen gesellschaftlichen Bereichen. So seien weitere Präventionskampagnen und Warnhinweise nötig, die deutlich sichtbar auf allen alkoholischen Getränken stehen. Die Aufklärung sollte auch so früh wie möglich ansetzen, zum Beispiel im Sexualunterricht der 3. Klasse, so die FASD Deutschland.

Wie sieht es mit der Versorgung von Menschen mit FASD aus? - Die Versorgung von Erwachsenen mit FASD sei in Deutschland katastrophal, kritisiert Michalowski. Sie verlangt, dass alle durch Alkohol in der Schwangerschaft verursachten Schäden als Behinderung anerkannt werden. Es sei für Menschen mit FASD wichtig, dass sie sich an Zentren wenden können, wo ihre Behinderung richtig diagnostiziert und therapiert werden kann. Zudem bräuchten sie Hilfe bei banalen Alltagsherausforderungen wie der Beantragung eines Schwerbehindertenausweises, fordert Michalowski. Familien benötigten professionelle Einrichtungen und Unterstützung.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Xinedome-Mitarbeiter in Ulm streiken erneut

Mitarbeiter des Xinedome Ulm legen am Montag erneut ihre Arbeit nieder. Mit ihrem Warnstreik kämpfen sie für eine bessere Bezahlung. weiter lesen