Erste Studie zu Gewalt und sexuellen Vergehen im Klosterinternat Ettal

Eine wissenschaftliche Studie zu Missbrauch und Misshandlung von Kindern im Klosterinternat Ettal bescheinigt den Tätern bis heute mangelnde Einsicht. Äbte und Mönche haben völlig versagt.

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Die Benediktinerabtei Kloster Ettal in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen. Missbrauch und sexuelle Misshandlungen, die hinter diesen Mauern stattfanden, werden nach Jahrzehnten endlich aufgearbeitet. Foto: Andreas Gebert/dpa

Wie konnte es im oberbayerischen Klosterinternat Ettal von etwa 1950 bis 1990 zu solch ungeheuer vielen Fällen von Gewalt und sexuellem Missbrauch kommen? Und warum wurde darüber so lange geschwiegen, bis im Frühjahr 2010 der Skandal mühsam öffentlich aufgerollt wurde? Diesen Fragen widmet sich die gestern in München vorgestellte erste umfassende Studie zu den Vorfällen. Erstellt wurde sie von Forschern des Münchner "Institut für Praxisforschung und Projektberatung" (IPP) auf der Basis von Interviews mit Schülern, Angehörigen und Patres.

Die Forscher sprechen darin Klartext und gewähren den Ettaler Äbten und Mönchen keinerlei Schonung. Sie räumen vor allem mit der in manchen katholischen Kreisen verbreiteten Haltung auf, dass es sich bei Gewalt und Missbrauch um Einzelfälle gehandelt habe, die quasi hinter dem Rücken der Klostergemeinschaft vorgefallen seien und von dieser nicht erkannt werden konnten.

Vielmehr machten die Ettaler Strukturen, die pädagogischen Grundlinien, die Überforderung der Lehrkräfte und die "Tabuisierung der Sexualität" die Taten erst möglich. Diese hätten auch früh aufgedeckt werden können, wenn es denn in Internat und Kloster nicht die für die katholische Kirche so typische "hierarchische Organisationsform" und eine Kultur des Verschweigens gegeben hätte. Es sei so gut wie nie zu "kritischem Nachfragen" gekommen.

Nach Ansicht des Forscherteams um den Sozialpsychologen Professor Heiner Keupp fehlte es in den 50er- bis 80er-Jahren nicht nur in Ettal an einer professionellen Pädagogik. Gewalt wurde als Mittel der Erziehung angesehen, wobei die Grenze "zwischen einer strafenden und einer sadistischen Erziehung" schwierig zu ziehen sei.

Auch sei das Personal nicht ausgebildet und total überfordert gewesen. Die mönchischen Erzieher hätten auf Mittel der "schwarzen Pädagogik" zurückgegriffen, die sie häufig selbst als Kinder erfahren hatten: Schläge, Einschüchterung, Demütigung.

Ohne die Einbindung in das Klosterleben und die katholische Welt könne man aber, so der Bericht, die vielfachen Fälle von sexuellem Missbrauch nicht erklären. Eine "reflektierte Auseinandersetzung mit der Sexualität" werde dort "durch vielfältige Tabus erschwert". Dies gelte besonders für Mönche, in deren Sozialisation das Thema Sexualität ausgeblendet wurde. Funktionierte deren Selbstkontrolle nicht, "bot das Internat genügend Möglichkeiten, sich an Schülern zu vergehen".

Innerhalb des Klosters wiederum habe es, auch durch den Anspruch als Eliteschule, "Ringe des Schweigens" gegeben. Fehlentwicklungen seien vertuscht und verbannt worden, um "die Makellosigkeit der eigenen Fassade zu sichern". Es habe in Ettal "über viele Jahre eine Kultur der Ermöglichung" des Missbrauchs gegeben, so die IPP-Forscher. Dass dagegen nicht eingeschritten wurde, liege an der "institutionellen Unfähigkeit des Klosters".

In Auftrag gegeben worden war das Forschungsprojekt vom Kloster Ettal selbst in enger Abstimmung mit dem "Verein Ettaler Missbrauchsopfer". Dessen Vorsitzender Robert Köhler, selbst als Schüler ein Opfer der Klosterschule, wertet das Projekt gegenüber der SÜDWEST PRESSE als "mutigen und konsequenten Weg in der Aufarbeitung". Viele "helfende Hände" hätten die Diskussion und Verständigung zwischen der jetzigen Klosterleitung und den Opfern unterstützt. Die Studie gebe, so Köhler, Antworten auf die drängende Frage: "Warum ist das passiert?"

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