Edler Stein voller Würde

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    In Mitteleuropa gilt Bernsteinschmuck oft als muffig. In anderen Regionen ist er angesagt. Foto: 
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  • Bernstein-Künstler bei der Arbeit: Zbigniew Strzelczyk (links) und Mariusz Gliwinski. In der Mitte eine Madonna im Bernsteinmuseum von Malbork (Polen). 3/5
    Bernstein-Künstler bei der Arbeit: Zbigniew Strzelczyk (links) und Mariusz Gliwinski. In der Mitte eine Madonna im Bernsteinmuseum von Malbork (Polen). Foto: 
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Jedes Stück ist anders“, begeistert sich Zbigniew Strzelczyk in seiner Werkstatt. Sie liegt in der Altstadt von Danzig, gleich neben dem mittelalterlichen Krantor am Uferkai der Mottlau. In Körben und Schachteln versammeln sich hier Berge von Bernstein in allen Größen.

Andächtig begutachtet der Bernsteindreher das ungeschliffene goldgelbe Exemplar unter seiner Arbeitslampe. Nach 44 Arbeitsjahren fasziniert ihn das Material immer noch. Wie kaum ein anderer kennt Strzelczyk dessen Noblesse wie auch dessen Tücken. In manchen Brocken zeichnet sich das in Schichten geflossene Baumharz wie in einem Blätterteig ab. Fragile Teile zerbrechen ihm zwischen den Fingern. Ist womöglich die rohe Außenhaut, die die Baumstruktur noch erkennen lässt, am schönsten? Enthält es Spuren längst vergangenen Lebens aus dem Tertiär?

Zunächst will Strzelczyk die faustgroße Fundsache untersuchen. Mit feinem Schmirgelpapier schleift er die Oberfläche an und poliert mit einem ölgetränkten Lappen nach. Dann drückt er eine erhitzte Nadel in den honigbraunen Klumpen und bringt ihn zum Glühen. Feiner Qualm steigt auf, Weihrauchduft breitet sich aus. „Der untrügliche Beweis für Echtheit“, frohlockt der Meister in seiner weißen Joppe, die mit Bernsteinknöpfen verziert ist und einer Brosche, die das  Danziger Wappen zeigt.

Nach einem weiteren Schleifen kommt das Stück unter das Mikroskop. „Der aufregendste Moment“, flüstert der Meister und rückt seine dicke Hornbrille zurecht. Jetzt wird sich zeigen, ob das Mineraloid Einschlüsse, sogenannte Inklusen, birgt. In diesem Moment entscheidet sich, ob aus dem Rohstoff ein exquisites Schmuckstück oder eine Perle für eine Kugelkette, eine Schachfigur oder ein Detail für ein Segelschiff entsteht, wie sie in seinem Ladengeschäft ausgestellt sind.

„Der Bernstein spricht mit mir“, verrät der Künstler. „Er sagt: mach‘ was aus mir.“

Was am Ende daraus wird, hängt auch von den rund 200 Farbschattierungen ab.  Ob er eher goldgelb, bronzerot, milchiggelb, gelbgrün, cognacorange, dunkelbraun oder fast schwarz changiert, ob er durchscheinend klar ist oder nicht. Geht der Schnitzer an die Arbeit, verliert er beim Schleifen einer Kugel gut 60 Prozent seiner Substanz.

Seit Menschengedenken umfängt die federleichten, wie Gold schimmernden Klumpen die Aura der Magie. Bis zum Mittelalter galten Gegenstände aus Bernstein als Symbol für Macht und Reichtum. Wegen des im Licht funkelnden Glanzes hielt man sie für Edelsteine. Adel und Klerus, reiche Kaufleute und Beamte leisteten sich zur Repräsentation prächtige Gebetsketten, Skulpturen und Dekorations-Stücke, Kommoden-Altäre, Schatullen, kunstvolle Mundstücke für Meerschaumpfeifen, Haarschmuck, Griffe für Essbesteck oder Schreibstifte, wie in den Ausstellungen auf Schloss Malbork oder im Danziger Bernsteinmuseum zu sehen ist.

Als im 18. Jahrhundert ein Gelehrter aus Königsberg die Behauptung aufstellte, Bernstein sei gar kein Edelstein, sondern pflanzlicher Herkunft, erlosch das Interesse in der Oberschicht. Jetzt entdeckten Großbauern Bernstein für sich und ließen Brautketten mit besonders großen Kugeln herstellen.

Der Name „Bernstein“ stammt aus dem Mittelniederdeutschen und bedeutet „börnen“, also brennen. Wegen dieser Fähigkeit benutzten die Menschen früher Bruchstücke zum Heizen. Die Kirche nutzte ihn als Weihrauchersatz. Die volkstümliche Heilkunde besagte, dass der Rauch Krankheitserreger abtöten, eine Bernsteinkette vor Atemnot, Hals- und Kopfschmerzen schützen oder gar die Schilddrüse stärken könnte. Trug man Bernstein am Handgelenk, half es angeblich gegen Rheuma. Bis heute schwören viele in Polen auf „Bernsteinöl“ bei Migräne, Husten oder Muskelschmerz.

Im vornehmen Seebad Sopot, zwölf Kilometer von Danzig entfernt, hat das Hotel Mera Spa eine Pflegeserie und Amber-Therapien entwickelt. Bei der Fußreflexzonenmassage kommen spitze Rohbernsteine zum Einsatz, die die markanten Stellen gezielt, aber sanft berühren, weil das Material weich ist. Rundgeschliffene pfirsichgroße Exemplare werden ähnlich wie bei Hot-Stone-Anwendungen genutzt. „Beim Reiben auf der Haut erwärmt sich der Bernstein, wobei seine Heilkraft einmassiert wird“, erklärt der Spa-Manager Krysztof Szkarlat.

Der Zauber des Ostseegoldes lässt auch die Kirche in Polen nicht kalt. In der Danziger Brigittenkirche soll auf einer Fläche von 120 Quadratmetern der größte Bernsteinaltar der Welt entstehen. Mehrere Tonnen Bernstein werden über dem Hauptaltar verbaut. Das Gotteshaus ist allerdings nicht nur ein Andachtsort für Katholiken. Es ist das Heiligtum der verbotenen Solidarnosc-Bewegung, deren Mitglieder sich in den 1980er Jahren hier trafen.

Auf Initiative des Kaplans Hendryk Janowski begannen im Jahr 2000 die Altararbeiten, um an den brutal niedergeschlagenen Aufstand von 1970 zu erinnern und ein Zeichen für die Unabhängigkeit des Landes zu setzen. Im Mittelpunkt des zwölf Meter hohen Triptychons steht im wallenden Bernsteinmantel die schwarze Madonna von Tschenstochau, die Nationalheilige Polens und Schutzpatronin der Arbeiterschaft.

Spaziert man durch den historischen Kern Danzigs, die Gassen mit den restaurierten Giebelhäusern und über die Plätze mit Backsteinkirchen, kommt man an den Göttertränen schwer vorbei. In der Mariacka-Gasse reiht sich Laden an Laden mit Bernsteinschmuck. Allein in der Innenstadt haben sich rund 70 Geschäfte darauf spezialisiert. Hier macht die pommersche Metropole ihrem Ruf als Welthauptstadt des Bernsteins alle Ehre. Danzig zusammen mit der Küstenregion zählt mehr als 2500 Werkstätten und Galerien. In Pommern leben rund 45 000 Menschen direkt oder indirekt vom Bernstein.

In Mitteleuropa scheint das Ostseegold jedoch anhaltend aus der Mode gefallen zu sein. Das Vorurteil, Bernstein sei altmodisch, überholt, langweilig, Schmuck für alte Damen mit Hut, hält sich hartnäckig. Zu Unrecht, findet Zbigniew Strzelczyk. Natürlich hätten die Menschen nach dem Krieg kein Geld mehr für das überflüssige Schöne gehabt. Viele Werkstätten gaben auf. Die Ketten der Großmütter wanderten in Schatullen, verschlossen und vergessen. Die Wohlstandsjahre brachten den Handel zwar wieder auf die Beine, am Schmuck blieb das muffige Image aber haften.

Seit gut zehn Jahren wagen allerdings immer mehr junge Designer exotische Entwürfe und peppen das Material in Kombination mit anderen Elementen originell auf. „Der Omaschmuck ist passé“, sagt Strzelczyk, der seit 1999 auch Präsident der Bernsteinkammer Polens ist. An der Danziger Kunstakademie spezialisieren sich Studenten im Fachbereich Design auf Bernstein.

In Sopot betreibt der international bekannte Schmuckdesigner Mariusz Gliwinski die Galerie „Amba Moda“. Seine Schmuckkollektionen präsentiert er auf Haute-Couture-Modeschauen in München, Paris, New York und Peking. Für den Endfünfziger ist Bernstein mit Edel- oder Halbedelsteinen auf einer Höhe. Deshalb entwirft er ihn auch mal wie einen Diamanten im Facettenschliff oder wertet ihn mit edlen Metallen auf wie Silber, Titan oder extravagant mit verrostetem Stahl, Kork oder Kunststoff. „Das Neue entsteht immer durch Mut“, betont Gliwinski. „Einer muss kommen, der es anders macht.“

Seinen Stil bezeichnet er als „Modernismus“, einen Stil der Suche, die sich dem fossilen Material anpasse. „Es liegt in der Natur der Sache, dass man dabei auf ethnische Formen zurückkommt“, erklärt der gefragte Künstler, der zugleich Vorsitzender der International Amber Association ist, die rund 400 Bernsteinfreunde, -künstler und Wissenschaftler versammelt. „Als Kind habe ich in der Schule schon Schmuckentwürfe gemacht“, sagt der studierte Designer, der ursprünglich Architekt werden wollte. In seiner Kollektion „Urban Jewellery“ zeigt er, wie geometrisch eine Kette ausfallen kann.

Seine Arbeit mit Succinit versteht Gliwinski als Dialog mit der Natur. „Bernstein verlangt Respekt“, sagt er. „Er ist Millionen Jahre alt. Das muss zur Geltung kommen.“ Auf keinen Fall dürfe man das wertvolle Material zum Souvenir degradieren. Das käme einer Entwürdigung gleich.

In der Antike dachte man, Bernstein sei ein Werk der Götter. Der römische Dichter Ovid versuchte, die Herkunft durch eine Sage zu erklären: Phaeton zweifelte, ob der Sonnengott Helios sein Vater sei und forderte einen Beweis. Wie dieser wollte er den vierspännigen Sonnenwagen selbst lenken. Der Vater vertraute ihm die Zügel an. Doch die Pferde brachen aus, der Wagen stürzte auf die Erde und entfachte einen Weltenbrand. Göttervater Zeus tötete den Frevler darauf durch einen Blitzstrahl. Als Phaetons Schwestern, die Heliaden, ihn beweinten, geronnen ihre Tränen zu Bernstein. bs

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