Die Toten sind zuhause

Lange haben Angehörige auf diesen Tag gewartet: Die Särge mit den sterblichen Überresten ihrer Lieben können zu Grabe getragen werden. Ein Konvoi aus Leichenwagen hat allein 18 nach Haltern gebracht.

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Im Konvoi sind 18 Leichenwagen von Düsseldorf nach Haltern gefahren, hinter ihnen der Bus mit Angehörigen und die Polizeieskorte.  Foto: 

Als die weißen und schwarzen Leichenwagen durch Haltern rollen, herrscht Totenstille. Von weit weg dringt Glockengeläut herüber. Schulter an Schulter stehen Schüler und Erwachsene, viele halten sich an den Händen. Sie sind gekommen, um die toten Kinder Halterns in Empfang zu nehmen, die von ihrem Schüleraustausch in Spanien nicht lebend zurückkamen.

Die Fahnen in der Stadt am Rande des Ruhrgebiets hängen wieder auf halbmast. Wie vor elf Wochen, nachdem die Germanwings-Maschine des Flugs 4U9525 in den französischen Alpen zerschellt war. Der Copilot soll sie mit Absicht in den Abgrund gesteuert haben.

Alle Menschen an Bord starben - darunter 16 Schüler der 10. Jahrgangsstufe aus Haltern und ihre beiden Lehrerinnen. Sie waren auf der Heimreise von einem Sprachaustausch mit ihrer spanischen Partnerschule. An diesem Mittwoch kehren sie heim.

Die Sondermaschine aus Frankreich mit den sterblichen Überresten war am Dienstagabend auf dem Düsseldorfer Flughafen gelandet. Gestern wurden die Särge den Angehörigen übergeben. Halterns Bürgermeister wird später von einem würdevollen Akt sprechen. "Sie haben dort weinen können, sie haben dort trauern können." Später hätten sie sich gegenseitig Trost gespendet.

Seine Stimme bricht immer wieder, als er den Reportern Bericht erstattet. Er hat die Angehörigen auf diesem schweren Gang begleitet. Und doch: "Mit dem heutigen Tag ist auch eine quälende Zeit vorüber." Endlich können die Hinterbliebenen Abschied nehmen.

"Die Wartezeit war für die Angehörigen unerträglich", sagt Ulrich Wessel, der Schulleiter des Joseph-König-Gymnasiums, einer Schule im Trauerzustand. Bäume für die 18 Toten haben sie auf dem Schulhof gepflanzt, genau wie die Partnerschule in der Nähe von Barcelona. In der Eingangshalle gehen die Schüler Tag für Tag an den Bildern der Toten vorbei.

Von Normalität an seiner Schule könne in diesen Tagen nicht die Rede sein, berichtet Wessel. Etwa vierzehn Tage werde es dauern, bis alle Toten nach und nach beigesetzt sind.

Am Tag der Katastrophe, dem 24. März, war die 38.000-Einwohner-Stadt wegen ihres besonders harten Verlusts zum Symbol geworden. Nirgendwo war die Lücke, die der Flugzeugabsturz riss, so deutlich sichtbar wie hier: Kerzen auf den Treppen vor dem Gymnasium, auf der Tischtennisplatte; Schüler, die schweigend vor dem Lichtermeer verharren.

Wessel stellte sich den Kameras, versuchte, Worte zu finden. Es waren diese Bilder von Schock und Zusammenrücken in der Trauer, die um die Welt gingen.

"In den ersten Tagen war die Innenstadt wie leer gefegt", erinnert sich der Stadtsprecher Georg Bockey. "Die Leute haben sich auf das Wesentliche konzentriert."

Mit dem Sommer ist Schritt für Schritt das kleinstädtische Leben zurückgekehrt. Nach und nach verschwanden die Schilder der Anteilnahme aus den Schaufenstern, die Straßencafés füllten sich wieder.

Auch an dem Tag, als die toten Kinder in Särgen durch die Stadt gefahren werden, sieht Haltern aus wie eine normale Kleinstadt: Das Eiscafé macht ein gutes Geschäft, lärmend radeln Kinder nach Schulschluss nach Hause. Wären da nicht die weißen Grablichter und Rosen, die die Straße vor dem Gymnasium säumen.

Die Rückkehr zu selbstverständlicher Lebensfreude bleibt auch elf Wochen später ein zähes Ringen, vor allem in den kommenden Tagen, wenn auf den Friedhöfen der Stadt und der umliegenden Dörfer eine Beerdigung nach der anderen abgehalten wird: Das Schützenfest, für viele ein Brauchtum-Highlight, steigt zwar am Wochenende - allerdings kleiner und leiser.Die Wunden heilen nur langsam, das wird klar in den schweren Minuten, als der Konvoi mit Halterns toten Kindern durch die Stadt rollt. Er wird gesäumt von einer Polizei-Eskorte und Wagen und einem Bus mit Angehörigen.

Die Anteilnahme bewegt auch den Bürgermeister, der den Tross der Trauernden von Düsseldorf bis in die Heimat begleitet hat, "Ich glaube, es war auch für die Eltern und Angehörigen ein wichtiges Zeichen, dass ihre Kinder nicht vergessen sind, sondern nach wie vor alle in unseren Herzen sind."

Therapeutin: Ombudsmann fehlt

Vorwurf Für die Hinterbliebenen der Germanwings-Opfer fehlt nach Auffassung einer Therapeutin aus dem Betreuerteam ein zentraler Ansprechpartner. "Es gibt eine Sache, die eindeutig schiefgelaufen ist", sagte Sybille Jatzko der "Berliner Zeitung". Es fehle ein Ombudsmann, bei dem die Informationen gebündelt werden und der sie dann verbreite, damit alle Hinterbliebenen den gleichen Nachrichtenstand hätten. Die Angehörigen hätten nicht die Kraft, sich selbst um alles zu kümmern. "Nach dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg gab es so einen Ansprechpartner, das hat gut funktioniert", sagte Jatzko mit Blick auf das Techno-Festival, bei dem vor fast fünf Jahren 21 Menschen ums Leben kamen und hunderte verletzt wurden.

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