Die Taktgeber

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Schneller Takt: Ein gutes Dutzend Ausgaben der „Tagesschau“ werden täglich produziert. Unser Foto zeigt den Regieraum, auf den  Monitoren ist das dahinter liegende Studio zu sehen. Foto: NDR  Foto: 

Das Flaggschiff deutschen Nachrichtenwesens kommt bescheiden daher. Die Heimat von ARD aktuell ist ein grauer, dreistöckiger Block auf dem weitläufigen Gelände des Norddeutschen Rundfunks im Hamburger Norden. Hier, im unscheinbaren  „Haus 18“, wird unter anderem die „Tagesschau“ produziert, jene Sendung also, die mehr als jede andere den Informationsstand und sogar den Tagesablauf großer Teile der Bevölkerung in Deutschland prägt. Kein Vergleich etwa zum monströsen Broadcasting House mitten in London, in dem die Mutter aller Nachrichtensender, die BBC, seit 2014 zuhause ist.

Der NDR pflegt das Understatement. Selbst die kleine Zufahrtstraße stellt nur höchst unauffällig einen Bezug zur Bedeutung des Standortes her: Sie ist nach Hugh Greene benannt, der nach dem Zweiten Weltkrieg in britischem Auftrag den damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk zur Anstalt des öffentlichen Rechts umorganisierte und später Generaldirektor der BBC war.

Anspielungen auf Macht und Einfluss hier in Hamburg-Lokstedt? Fehlanzeige. Der Senderkomplex fügt sich leise in das bürgerliche Viertel mit seinen Einfamilienhäusern, den gepflegten Grundstücken, dem Tierpark Hagenbeck um die Ecke und der Schrebergartenkolonie samt Deutschlandfahne und HSV-Wimpel gleich gegenüber.  Nicht weit von hier, im Volksparkstadion,  tragen die Fußballer des Traditionsclubs ihre Heimspiele aus.

Im Büro von Kai Gniffke, dem Chefredakteur von ARD aktuell, liegt auch ein Ball. Ein rot-weißer, mit dem Wappen des FSV Mainz 05. „Die machen mit kleinem Etat richtig viel“, schwärmt der Rheinland-Pfälzer von dem Bundesligisten.  „Dahinter steckt harte Arbeit“, sagt Gniffke, dessen Heimatdialekt im Gespräch immer wieder durchschimmert.

Der Mittfünfziger mit den offenen Gesichtszügen und der großrandigen Brille fordert die Bereitschaft zu harter Arbeit auch von sich selbst und seiner Mannschaft ein: „Wir haben für diese Gesellschaft richtig zu ackern.“ Schließlich gilt es, höchsten Ansprüchen gerecht zu werden. Denn was in den Sendungen verlesen wird, hat beim Publikum den Rang allerhöchster Glaubwürdigkeit.  „Die erreichen wir nur“, sagt Gniffke, „wenn wir uns jeden Tag unserer Verantwortung bewusst sind und uns immer wieder hinterfragen.“

Es wäre untertrieben zu behaupten, die Nachrichtenverbreiter seien erfolgreich. Seit 64 Jahren gibt es die „Tagesschau“, seit 60 Jahren täglich um 20 Uhr. Im Schnitt schalten mehr als neun Millionen Menschen jeden Abend  die viertelstündige Sendung ein – selbst gute Freunde ruft man dann besser nicht an.  Verabredungen werden oft erst für die Zeit danach ausgemacht.  Privatsender bissen sich die Zähne aus bei ihren Versuchen,  den ARD-Nachrichtenreport zu torpedieren, indem sie gleichzeitig attraktive Sendungen anboten.  20 Uhr ist so etwas wie die nationale Schaltuhr: Der Tag wird aus- und die Nacht angeknipst.  Mit dem Gefühl,  über das Wichtigste in Nah und Fern informiert worden zu sein.

Lagerfeuer-Momente

„Die Tagesschau“, sagt Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, „liefert in Zeiten der Informations-Fragmentierung einen der letzten Lagerfeuer-Momente: Hier versammelt man sich, um die Geschichten und Nachrichten des Tages zu hören.“  Besteht etwa ein Teil des Erfolgs darin, es dem Publikum möglichst gemütlich zu machen? „Je stärker die Nachrichtenwelt zersplittert“, sagt Pörksen, „desto größer ist das Bedürfnis nach Einordnung, entschleunigter Deutung, seriös verifizierter Information. Das ist das Markenversprechen der ,Tagesschau’.“ Es scheint, als habe die Fähigkeit, wohltuende Orientierung zu geben, erheblichen Anteil an der Attraktivität der  Nachrichtensendung.

Sie bedeutet allergrößte Veratwortung für die paar Dutzend Redakteurinnen und Redakteure, die dahinter stecken. „Die Tagesschau“, sagt der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger, „ist auf jeden Fall eine Institution mit Definitions- und Deutungsmacht im öffentlichen Diskurs in Deutschland.“ Schließlich wird die Sendung nicht nur täglich von einem Millionenpublikum eingeschaltet, darüber hinaus wird sie von vielen Journalisten als Leitmedium betrachtet und genutzt. „Das heißt, sie ist auch Taktgeber für andere Medien, steht auf jeden Fall mit im Zen­trum des deutschen Mediensystems“, sagt Krüger.

Die Kehrseite der Medaille: „Die Tagesschau wühlt nicht auf, sie hat tendenziell beruhigende Funktion.“  Denn in ihrer Themen- und Meinungsauswahl orientiere sich die Sendung eng an der politischen Agenda und der Meinungsspanne vor allem im Berliner Regierungsviertel, stellt Krüger fest: „Hauptanliegen der Redaktion scheint die Abbildung und Erklärung von Elitenhandeln zu sein, entsprechend werden passende Informationen in den Vordergrund gerückt und unpassende eher weggelassen.“ Ein Beispiel: Nähert sich Angela Merkel politisch dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan an, werden Erdogans Missetaten nicht extra hervorgehoben, sondern die Gründe dargelegt, warum eine Annäherung sinnvoll ist. Sobald die Kanzlerin zu ihm auf Distanz geht, rücken die entsprechenden Gründe dafür in den Fokus. „In jeder Ausgabe“, befindet Krüger, „bekommt man vermittelt, dass unser Land vernünftig regiert wird.“

10.30 Uhr, die große Konferenz unter Gniffkes Leitung bespricht die Weltlage und plant den Sendetag.  Es ist einiges los an diesem Herbstmorgen: Der Europäische Gerichtshof hat soeben die deutschen Festpreise für Arzneimittel  gekippt, in Franken hat ein „Reichsbürger“ auf Polizisten geschossen, der russische Präsident Wladimir Putin wird am Abend in Berlin erwartet.  Und dann sind da noch die Situation in Aleppo, die europäische Raumsonde, die sich dem Mars nähert, die drohenden Strafzahlungen im VW-Abgasskandal und der SPD-Chef Sigmar Gabriel, der unangekündigt bei einem Treffen von Parteifreunden mit Grünen- und Links­politikern in Berlin aufgetaucht ist.

Das alles will in die nach Ansicht der Redaktion richtige Reihenfolge und Form gebracht werden. Zunächst für die 15-minütige „Tagesschau“-Ausgabe um 12, später für kürzere Sendungen am Nachmittag, schließlich für das eigentliche Aushängeschild, die Sendung um 20 Uhr. Gibt es Live-Schaltungen? Welche Bilder haben wir?  Brauchen wir ein Erklärstück? Nur wenige Themen, die jetzt besprochen werden, schaffen es bis in die Abendnachrichten. Heute sind es der Putin-Besuch,  die „Reichsbürger“, die Arzneimittel und die Mars-Mission. Und das Wetter. Im Lauf des Tages kommen die erfolgreiche Irak-Offensive, der Aufruhr vor der US-Botschaft in Manila, der Fall Al-Bakr,  das Gesetz zur Atommüll-Entsorgung hinzu. Und die Lottozahlen.

Abwägen der Worte

Worte werden gewogen – in der Konferenz, die heute aus 14 Damen und Herren aus den verschiedenen Ressorts besteht, wird immer wieder deutlich, dass großes Gewicht hat, was in der „Tagesschau“ verlesen wird. Da kommt es auf jede Formulierung an. Kann die weithin unbekannte Bewegung der „Reichsbürger“ als rechtsextrem bezeichnet werden? Ein Kollege hat sich eingelesen, liefert Fakten. Anschließend das Votum der Runde: die Bezeichnung rechtsextrem ist legitim.

Noch gut eine Stunde bis zur 12-Uhr-Ausgabe: Die Planer einigen sich auf  den Aufmacher „Reichsbürger“, gefolgt von den Arzneimitteln und einem Ausblick auf den Putin-Besuch.

Nicht immer herrscht Einigkeit über die Themenhierarchie. Wenige Tage zuvor hat der Chefredakteur die Mehrheit der Kollegen überstimmt. Die wollte mit der Meldung aufmachen, dass hinter dem Mord an der neunährigen Peggy möglicherweise der Nationalsozialistische Untergrund steckt. Am selben Tag hatten Bund und Länder die gegenseitigen Finanzbeziehungen neu geregelt und den bisherigen Länderfinanzausgleich abgeschafft. „Eine historische Entscheidung“, befand Gniffke und beförderte die Meldung zum Aufmacher um 20 Uhr. Ein Akt mit Symbolkraft: Fakten vor Emotion, Information vor Aufgeregtheit.

Oliver Hähnel  – groß, kräftig, lange schwarze Haare, Ohrring, dunkler Pulli, Jeans – ist Chef vom Dienst und hat in 16 Dienstjahren einiges erlebt bei ARD aktuell. Nicht zuletzt, wie das „Tagesschau“-Angebot stetig erweitert wurde. Heute sind es über den Tag verteilt ein gutes Dutzend Ausgaben in unterschiedlicher Länge.  Plus „Tagesschau 24“, den Nachrichtenkanal rund um die Uhr, plus Online-Angebote. Nicht mitgerechnet Fälle wie im vergangenen Juli: Bei dramatischen Anlässen wie dem Amoklauf in München oder dem Putschversuch des türkischen Militärs grätscht die Redaktion außerplanmäßig ins laufende Programm. ­„Breaking News“ – auf deutsch: Eilmeldung – heißt es dann, und in kürzester Zeit müssen Sendepläne erstellt, Beiträge geplant, Moderationen geschrieben oder Laufbänder getextet werden, die eingeblendet werden.

„Der Takt“, sagt Hähnel, „ist deutlich schneller geworden.“  Was für die rund 150 Mitarbeiter in den diversen Großraumbüros und Newsrooms bedeutet: mehr Produktion, weniger Diskussion. „Früher stand man schon öfter mal  zusammen und hat geredet“, erinnert sich der CvD, „heute muss man sehen, dass die

ARD aktuell ist beim Norddeutschen Rundfunk angesiedelt. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsredaktion der ARD, die von den Landesrundfunkanstalten getragen wird. Hier werden die Fernsehsendungen „Tagesschau“, „Tages­themen“, „Nachtmagazin“ und „Tagesschau 24“ produziert sowie das Onlineangebot
tagesschau.de. An der Herstellung der Formate sind in Redaktion und Technik laut ARD insgesamt rund  300 Mitarbeiter beteiligt. lt

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