Die Schöne und der Nerd: Dokumentarfilm über Jens Söring

Ein Dokumentarfilm befasst sich mit Jens Söring und dem Mordfall Haysom. Die Schuldfrage kann auch er nicht klären, aber er zeigt die Ungereimtheiten in dem Verfahren auf.

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Filmplakat des Dokumentarfilms.  Foto: 

Die Filmdokumentation „Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich“ beginnt mit den grausigen Bildern eines Massakers. Zwei Menschen liegen, von Messerstichen übersät, in ihrem Haus auf dem Boden. Es sind Nancy und Derek Haysom. Sie trägt einen Morgenrock.

Dann tritt Jens Söring auf. In einer viel zu breiten Jacke betritt er einen kahlen Raum, in dem ein vierstündiges Interview stattfinden soll, scharf beobachtet von zwei Justizangestellten, die mit einer eigenen Kamera alles beobachten – und dabei, mit gelangweiltem Blick und kaugummikauend vor sich hin stierend, die Erzählungen und Vorgänge in dem Dokumentarfilm der Journalistin Karin Steinberger und des Filmemachers Marcus Vetter  konterkarieren.

Söring wird als wunderlicher Einzelgänger eingeführt. Er kommt und bietet an, seine Brille für die Kamera zu wechseln. Er hat extra zwei Brillen dabei. Dann beginnt er zu erzählen. Es ist die spannende Geschichte, die mit einer abhängigen Liebe beginnt und über einen grausamen Doppelmord bis in das Gefängnis in Virginia führt.

Getragen wird die Geschichte im Film von vielen Menschen, die sich in diesem Fall engagieren. Und von einem Gegensatzpaar: Zwei der damaligen Ermittler, Chuck Reid und Ricky Gardner, spielen eine wichtige Rolle. Reid, ein sympathischer Mann mit Schurrbart, wirkt nachdenklich, wenn er über Söring spricht. Er zweifelt daran, dass bei den damaligen Ermittlungen alles richtig gelaufen ist. Er forscht, er telefoniert. Er erinnert sich an den schriftlichen Bericht eines Profilers, der die Persönlichkeit der potentiellen Täter anhand der Morde eingeschätzt hatte. Der Bericht ist in den Akten nicht mehr zu finden, im Gerichts­prozess kam er nicht vor.

Reid telefoniert sich bis zu diesem FBI-Profiler durch. Der erinnert sich, aber der Bericht bleibt verschwunden. Als Reid seinen früheren Kollegen Gardner anruft, will der nichts von der Existenz eines solchen Berichts wissen. Gardner ist eine starke Persönlichkeit in diesem Film, der den vielen anderen Figuren, von denen sich die meisten für Söring engagieren, entgegengesetzt wird. Er verweist auf den blutigen Sockenabdruck, hält ihn in die  Kamera. Er ist überzeugt, die Richtigen ins Gefängnis gebracht zu haben: das deutsche Monster Söring und die mörderische Tochter Elizabeth Haysom. Die sitzt auch im Gefängnis, gerade einmal 65 Kilometer von Söring entfernt.

In dem Film bedrücken vor allem die Aufnahmen aus dem Gerichtssaal. Erst werden Ausschnitte aus dem Prozess gegen Elizabeth Haysom gezeigt. Ihr Zögern, ihre gewählte Ausdrucksweise, ihr Ringen sind schwer mitanzusehen. Man kann verstehen, dass der 18-jährige Söring mit seiner riesigen Brille auf der Nase von ihr fasziniert, ihr verfallen war. Sie ist schön und geheimnisvoll. Einer ihrer Brüder sagt, dass sie den elektrischen Stuhl verdient habe. Der andere nennt sie eine notorische Lügnerin.

Söring dagegen wirkt bei seinem Gerichtsprozess überfordert und arrogant zugleich. Ein junger Bursche, bei dem sich die Angst in Überheblichkeit verwandelt, die vom Staatsanwalt gnadenlos gegen ihn verwendet wird. Er war 18 Jahre alt, als die Morde geschahen, das erste Mal länger weg von Zuhause. Aufgewachsen ist er in einem Diplomatenhaushalt, er war ein herausragender Schüler und hatte gleich zwei begehrte Stipendien für das Studium in Virginia bekommen.

„Viele Verfahrensfehler“

In seinem Prozess nahm Söring sein Geständnis zurück, weswegen ihn der Staatsanwalt ermahnte, dass man nicht an einem Tag das eine und am anderen Tag etwas anderes sagen könne.

Die Aufnahmen – darunter Szenen, die vorher noch nie gezeigt wurden – verdeutlichen, wie lange Söring schon im Gefängnis sitzt. Er ist alt geworden. Beweise und Zeugen suggerieren, dass vieles nicht in Ordnung war in diesem Prozess. 2006 hat Katrin Steinberger das erste Mal in der Süddeutschen Zeitung über den Fall berichtet. „Das ist eine komplizierte, irre Geschichte mit vielen Verfahrensfehlern. Viele Dinge sind ungeklärt und fragwürdig.“ Sie selbst sagt, sie wisse bis heute nicht, wer die Tat begangen hat – obwohl sie jedes Detail kenne. „Ich weiß nur, dass vieles dagegen spricht, dass es so war, wie er verurteilt wurde.“

Der Film reist derzeit um die Welt. Besonders beeindruckend war für Steinberger die Reaktion des Publikums in Charlottesville, wo Söring studiert hatte. „Die Zuschauer waren erschüttert. Denn Amerika ist einerseits Trump und die Republikaner, andererseits aber auch sehr liberal.“ Viele kämpften dafür, dass das System gerechter werde. „Auch bei uns in Deutschland gibt es Fehlurteile, aber die Möglichkeit, diese zu revidieren, scheint mir hier größer zu sein“, sagt Steinberger. „Das wollen auch viele Amerikaner verbessern.“

Am Schluss bleiben angesichts der vielen Ungereimtheiten, die die Filmemacher aufgedeckt haben, zwei große Fragezeichen: Wer hat die Haysoms ermordet? Und laufen der oder die Mörder immer noch frei herum?

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