Die Kindergärtnerei

Was fällt einem zur Zwiebel ein? Normalerweise nicht viel. Den Kindern, die wie die Dellmensinger Grundschüler einen Zwiebeltag bei der Gärtnerei Stöferle erlebt haben, fällt dazu aber eine Menge ein.

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Hier blüht jedem was: Floristmeisterin Nicol Stöferle (links) zeigt, was im Frühjahr sprießt. Fotos: Volkmar Könneke

Eine Blüten zerpflücken. Das allerdings ganz behutsam, um zu sehen was drin ist - das dürfen die 16 Kinder noch kurz vor der Frühstückspause an diesem Mittwoch. Die Kinder gehören zur Klasse 1b der Grund- und Werkrealschule in Dellmensingen. Doch an diesem Tag sitzen sie nicht in der Schule, sondern laufen durch die Gärtnerei Stöferle. Denn dort ist "Kindergärtnerei", eine Aktion, die Floristmeisterin Nicol Stöferle anbietet.

Dieser Tag steht unter dem Motto Zwiebeltag. Stöferle: "Die Kinder sollen das erleben, was in der Jahreszeit passiert." Was blüht derzeit? Blumen, deren Zwiebeln im Herbst gepflanzt wurden. In der Gärtnerei gibt es zunächst für die Schüler einen Rundgang, natürlich zu den Blumen, die aus Zwiebeln sprießen - an denen wird geschnuppert. Und dann war da die Sache mit dem gelben Korkus. Dazu später mehr.

Weil Zwiebeltag ist, dürfen die Kinder eine Hyazinthenblüte unter Anleitung zerfleddern. Was ist drin in der Blüte?, will Nicol Stöferle wissen. Niklas (6) antwortet selbstbewusst: "Ein Samenkorn." Ein glänzendes Korn liegt zwar in der Mitte der halbierten Blüte, dabei handelt es sich jedoch um den Fruchtknoten. Niklas nickt. Er weiß jetzt, was was ist in der Blüte, nämlich Stempel, Staubgefäße, Fruchtknoten.

Wissen Kinder tatsächlich so wenig um die Natur, dass es eine Kindergärtnerei geben muss, zumal die Kinder aus Dellmensingen, also vom Land, kommen? Nicol Stöferle dazu: "Ob Stadt- oder Landkinder, das ist egal. Es kommt darauf an, was Kinder noch im Garten tun dürfen." Das sei ihrer Beobachtung nach wenig. Die Rektorin der Dellmensinger Grund- und Werkrealschule, Adelgunde Kittner, sieht es so: "Das Wissen um Pflanzen nimmt bei den meisten Kindern ab." Deswegen arbeitet die Schule seit zehn Jahren mit der Gärtnerei zusammen. Kittner: "Dort erleben Kinder Pflanzen mit allen Sinnen. Die Schule kann das nicht leisten."

Kittner schwärmt geradezu von der Floristmeisterin Stöferle, dass sie die Vormittage so engagiert vorbereite, so dass es für alle zum schönsten Naturerlebnis gerate. Und: "Die Kinder bekommen immer Pflanzen mit nach Hause." Diesmal ist es eine pinkfarbene Hyazinthe. Für die Prachtexemplare müssen die Kinder sorgen - und das ist nicht sooo einfach. Pflegetipps liefert Stöferle. Erstklässer Tom meint: "Ich stelle die Hyazinthe auf den Frühstückstisch." Laut Stöferle könnte das zu warm sein. Zu kalt wolle es die Pflanze auch nicht haben, denn sie kommt geradewegs aus dem Gewächshaus. Wenn sie verblüht ist, müsse man das Kraut stehen lassen, damit sich die Blüte einziehen kann. Stöferle: "Das sieht nicht schön aus, muss aber sein."

Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Gärtnerei sieht so aus: Bis zur vierten Klassen dürfen die Kinder jährlich ein- bis zweimal zur "Kindergärtnerei". So gibt es unter anderem einen Erdbeer-, einen Tomaten und einen Kräutertag. Dann gibt es sogar Kräuterbowle. Das Projekt wird mittlerweile vom Landratsamt Alb-Donau-Kreis gefördert.

Doch an diesem Tag ist der Zwiebeltag angesagt. Dafür hat Nicol Stöferle Zwiebelbrot gebacken und mit den Zwiebelschalen Eier gefärbt - alles natürlich aus Speisezwiebeln. Das Brot ist so lecker, dass Niklas nochmal drei Scheiben nimmt.

Fühlen, schmecken, riechen. Das sollen die Kinder in der Kindergärtnerei. Deswegen wird über die Blumenzwiebel geredet, und das, was da drin ist. Lukas (6), beschreibt es so: "Nährstoffe." Richtig. Woran erkennt eine Pflanze, dass es für sie Zeit ist zu blühen? Auch da kennt sich Lukas aus. Wärme des Bodens und Tageslänge, zählt er auf. Und er kennt Frühlingsblüher wie Krokusse, auch gelbe, und Narzissen und berichtet davon, dass er mit der Oma den heimischen Garten pflegt, weil "die Mutter hat keine Zeit und Opa kriegt eine künstliche Hüfte".

Am Ende sind alle begeistert. Und zwar von allem, was sie erlebt haben, etwa der Maschine, die Erde in die Töpfe presst, dem Ausmalen des Arbeitsblattes "Pflanzenteile" oder "wo wir schnuppern durften", sagt Schülerin Jasmin. "Es war klasse", bestätigt Lukas. In der Schule wird das Erlebte wiederholt, sagt Klassenlehrerin Carolin Bienert. Im Unterricht, so stellt sie sich vor, werden die Kinder ein Frühlingsgedicht lernen und nochmal über die Pflanzen sprechen.

Zum Schluss noch zur Sache mit den gelben Krokussen. Diese "Spezialgeschichte habe ich nur hier gehört", sagt Rektorin Kittner. Die Geschichte erzählt Nicol Stöferle so: "Wisst ihr, warum im Frühjahr viele gelbe Krokusse zerpflückt sind?" Die Kinder rätseln. "Macht das die Katze", fragt ein Junge. Stöferle weiter: "Das macht das Amselmännchen. Gelb bringt ihn in Wut, weil es die Schnabelfarbe der Amselmännchen ist. Die kämpfen im Frühjahr alle um die Amselweibchen." - Aus der Kindergärtnerei geht eben jeder klüger nach Hause.

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