Die Bergprüfung: In vier Tagen mit dem Rad vom Bodensee zum Comer See

Über die Alpen radeln – dieser Traum vieler ambitionierter Fahrradfahrer kann wahr werden auch ohne extreme Vorbereitung. Bericht über eine Transalp für Einsteiger: In vier Tagen vom Bodensee zum Comer See.

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    Freude nach der Anstrengung: Die Passhöhe des Splügen-Passes ist erreicht! Foto: 
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    Spass bei der Abfahrt: Auf der Südseite des Splügen-Passes warten nette Trails auf die Mountainbiker. Foto: 
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„Ich glaube, wir fühlen uns alle wie vor einer Prüfung.“ Dieser Spruch der jungen Ärztin stimmt irgendwie. Jeder in der siebenköpfigen Gruppe fragt sich gerade, ob er oder sie sich gut genug vorbereitet hat für das, was jetzt bevorsteht. Wir stehen am Fuß des Splügenpasses – der entscheidenden Etappe unserer Alpenüberquerung mit dem Rad. Vor uns liegt die Nordrampe der Passstraße: Neun Kilometer bergauf, erst sechs Serpentinen direkt nach dem Dorf Splügen, dann eine Strecke im Hochtal mit moderater Steigung und nochmal 15 Kehren bis zur Passhöhe mit 2113 Metern.

Das Wetter hat ein Einsehen: Der Regen lässt nach, wir können die Regenjacken und -hosen ausziehen. Das ist angenehmer, weil man beim Radeln bergan immer schwitzt und deshalb in den Regenklamotten nach kurzer Zeit genauso nass ist wie bei Regen von außen. Jeder füllt am Brunnen nochmal seine Trinkflaschen auf und stärkt sich mit Müsliriegeln oder Bananen. Dann gilt es: Alle steigen auf, die Klickpedale rasten ein. Mit zunehmender Steigung werden die Gänge kleiner. Jeder findet seinen eigenen Rhythmus des Tretens und Atmens.

Zwei Tage zuvor hat dieses Abenteuer angefangen. In Lindau war Startpunkt dieser Transalp für Einsteiger. Acht Menschen, die gerne Rad fahren und erstmals auf diese Weise über die Alpen wollen – vom Bodensee bis zum Comer See, und das in vier Tagen. Der erste davon ist gemütlich: Es geht erst am Bodensee und dann dem breiten Rheintal entlang, an der Grenze von Österreich und der Schweiz in die Alpen hinein. 85 Kilometer mit kaum merklichen 300 Höhenmetern. Der Radweg am Rheindamm ist eben und breit – gut geeignet,um sich gegenseitig zu beschnuppern.Umvorsichtig abzuchecken, wie fit die anderen Mitglieder der Gruppe sind. Keiner von uns hat eine Alpenüberquerung per Rad schon gemacht, alle sind Neulinge. Das ist beruhigend. Langsam kommen die Berge näher, und sie werden höher. Erste Station ist Vilters in der Nähe von Bad Ragaz.

Am zweiten Tag ist Schluss mit dem gemütlichen Dahinradeln: Vor uns liegen 67 Kilometer Strecke mit knapp 1600 Höhenmetern. Die sind allerdings auf zwei Abschnitte verteilt. Der erste davon führt zunächst über ausgiebige Schiebepassagen durch die Tamina-Schlucht und anschießend über Waldwege bis Vättis. Dort ist der erste Platten zu reparieren – für alle, bis auf den Eigentümer des betreffenden Rads, eine willkommene Verschnaufpause. Weiter geht es auf einer autofreien Straße zum Kunkelspass. Die Landschaft ist schön, satte Wiesen, grasende Kühe, über der Baumgrenze bizarre Felsformationen. Erst ist die Steigung moderat, dann wird es steiler, die Gruppe zieht sich auseinander. Die letzten 150 Höhenmeter bis zur Passhöhe sind zäh. Jeder kämpft mit sich und seinem inneren Schweinehund. Aber dann ist der erste Pass geschafft. Erstmals macht sich Stolz breit.

Bei der Abfahrt sind die zuvor mühevoll angesammelten 1000 Höhenmeter schnell wieder vernichtet. Die restlichen 600 Höhenmeter erledigen wir auf der Straße im Hinterrheintal und durch die Via-Mala-Schlucht, woran sich aber niemand stört, weil es mittlerweile anhaltend regnet. Der zweite Tag endet in Andeer, alle freuen sich auf eine Dusche und eine große Portion Rösti.

Der Blick aus dem Fenster am Morgen des dritten Tags ist ernüchternd: Regen prasselt vom Himmel, dickeWolken versperren jede Sicht. Tourguide Martin macht uns keine Hoffnungen: „Laut Wetterbericht ist auf der Alpennordseite mit keiner Besserung zu rechnen.“ Was tun? Eigentlich steht heute die Königsetappe unserer Transalp an: der Splügenpass. Vor uns liegen 1200 Höhenmeter – macht es Spaß, diese im Regen zu fahren?

Oder ist Plan B besser: Den Bus bis Chiavenna nehmen und dort im Süden radeln, wo das Wetter besser sein soll? Andererseits: Wer will so kurz vor dem Höhepunkt kneifen? Sollte es nicht möglich sein, die nächsten drei, vier Stunden die widrigen Bedingungen auszuhalten und sich durchzubeißen? Jeder entscheidet für sich. Das Ergebnis: Sechs sind für Radeln, zwei nehmen das Begleitfahrzeug. Wir fühlen uns alsHartgesottene und sprechen uns gegenseitig Mut zu, trotzdem sitzt in jedem ein Rest Unsicherheit und Zweifel: Ist das die richtige Entscheidung? Ist das zu packen? Damit beginnt die Bergprüfung.

Mit der ersten Kehre geht das Zählen los. Immer die nächste ist das Ziel. Jetzt ist jeder in seinem eigenen Rhythmus. Schneller als gedacht ist die erste Serpentinengruppe bewältigt. Langsam schraubt sich die Straße unter uns oder mit uns nach oben. Zwischen den Wolkenfetzen lassen sich erste Stücke blauen Himmels erahnen. Das schlechte Wetter hat auch eine positive Seite: Es sind kaum Autos und fast keine Motorradfahrer auf der Passstraße unterwegs, die an uns vorbeidrängen würden. Das ist angenehm. Dann kommt der zweite Abschnitt mit den 15 Kehren. Wieder beginnt das Zählen: Eins, zwei, drei. . . bei acht ist schon mehr als die Hälfte geschafft. Zwei Haarnadelkurven weiter oben sind das rote und das grüne Trikot zweier Gruppenmitglieder zu erkennen, einige Kehren weiter unten strampeln andere Mitstreiter. Bei Serpentine Nummer zehn tun die Sitzhöcker auf dem Sattel wegen der starren Sitzposition so weh, dass eine kurze Pause zum Entlasten angesagt ist. Dann wieder rein in den Tritt und in den Kehren von fünf rückwärts zählen.

Mit einem Mal kommt das Schildder Passhöhe in Sichtweite – und plötzlich ist es geschafft.Die Fotoapparate halten jeweils die Ankunft des Nächsten fest. Lauter strahlende Gesichter und nach oben gereckte Fäuste. „Ich hab die Fahne gesehen und nochmal Vollgas gegeben“, erzählt die junge Ärztin begeistert. Die anderen berichten von Gänsehaut, Stolz und Tränen des Glücks. „Ich hab’ ganz schön gegen meinen inneren Schweinehund kämpfen müssen und bin froh, dass ich das gemacht habe.“

Der kalte Wind an der Passhöhe lässt uns aber nicht allzu lange verweilen. Jetzt geht es 30 Kilometer und 1800 Höhenmeter bergab bis Chiavenna, teilweise auf der Straße, teilweise etwas abseits im Wald – es haben ja alle Mountainbikes. Kurz vor Chiavenna erwischt uns der Regen erneut, aber das stört jetzt niemand mehr.

Am vierten Radtag präsentiert sich dasWetter wieder sommerlichsonnig. Jetzt ist wieder Genussradeln angesagt, in der Ebene bis Nordufer des Comer Sees.Wer mag, hüpft zur Belohnung und zur Erfrischung kurz insWasser. Die wasserscheue Fraktion genießt alternativ einen Aperol-Spritz am Strandcafé. „Das ist ja wie Urlaub“, sagt einer versonnen und erntet dafür herzliches Gelächter. An dieser Stelle sind alle stolz.Wir sind am Ziel. Jeder hat seine Bergprüfung bestanden. Ein Mal auf Waldwegen gutes Gefühl.

INFO: Einsteiger-Transalp

Die Einsteiger-Transalp vom Bodensee zum Comer See wird in dieser Form von der Alpinsportschule Bergfühlung aus Calw angeboten: www.bergfuehlung.de

Tourdaten: Vier Radtage; die Strecke verläuft meist auf Asphaltstraßen und kurzen Abschnitten auf Schotter; fahrbar ist sie entweder mit einem Tourenrad oder einem Mountainbike; Gesamtstrecke sind 310 Kilometer und 3600 Höhenmeter, darunter zwei Pässe: Kunkelspass (1357 Meter) und Splügenpass (2113 Meter). Vom Leistungsniveau ist die Tour als leicht bis mittelschwer eingestuft, weil sie keine übergroßen Anforderungen an Kondition und Fahrtechnik stellt. Trainiert sollten die Teilnehmer allerdings schon sein: Die längste Tagesetappe hat rund 90 Kilometer, die anstrengendste knapp 1600 Höhenmeter.

Preis und Leistungen: Die beschriebene Reise kostet 790 Euro. Start und Ziel ist Lindau (eigene Anreise). Im Preis enthalten sind die Reiseleitung durch einen Tourguide, vier Übernachtungen/Frühstück, Halbpension im Doppelzimmer in Pensionen, Gepäcktransport im Begleitfahrzeug, Rückreise nach Lindau, Vesper für die Tagesetappen.

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