Der Bambi-Marathon

Deutschlands ältester Medienpreis im Quotentief: Nach sechs Millionen im Vorjahr sahen am Donnerstag nur noch 2,6 Millionen bei der Bambi-Gala zu. Und die brauchten Geduld - sie erlebten aber auch Höhepunkte.

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Spätes Finale (von links): Joachim Fuchsberger, Sylvie van der Vaart, Felix Baumgartner und Salma Hayek. Foto: dpa

Armer Blacky. Kurz bevor Joachim Fuchsberger zu seiner Dankesrede für den Lebenswerk- "Bambi" antrat, wirkte der 85-Jährige erschöpft. Kein Wunder, da hatte sich die Gala in Düsseldorf schon Richtung Mitternacht hingezogen. Aber der alte Fuchs ist ein harter Knochen. Blacky weckte alle auf, lobte Verleger Hubert Burda, schmeichelte Laudator Jan Josef Liefers, nannte sich selbst einen "alten Sack" und bewarb sich um ein "Bambi-Abo", wie es der 2011 mit 108 Jahren gestorbene Jopi Heesters hatte: "Ich bin auch bald soweit."

Da war es dann schon 23.45 Uhr. Liefers drückte Blackys perplexer Frau Gundel schnell den Überraschungs-Bambi in die Hand und beendete die Show - heiliges Sendezeit-Limit sei Dank.

Denn die Zuschauer daheim brauchten ebenso eine Eselsgeduld wie die rund 1000 teils angestrengt dreinblickenden Gäste im Saal. Viele davon mit "Wow-Faktor", wie Johannes B. Kerner betonte. Darunter Ex-Box-Profi Henry Maske oder Ex-Komiker Oli Pocher - und natürlich der Gala-Dauergast Uschi Glas.

Doch nicht nur die viel zu langen dreieinhalb Show-Stunden zerrten an den Nerven. Auch manchem Laudator und Preisträger hätte man gerne einen Extra-Preis verpasst. An Sylvie van der Vaart etwa den No-Go-Bambi für die piepsigste und nichtssagendste Moderation. Einen Anti-Bambi wünschte man auch jenem Regisseur an den Hals, der die Idee hatte, dass jeder Laudator wortreich das wiederholte, was zuvor in den Einspielfilmchen zu sehen war.

Manche Geehrte zeigten einmal mehr, dass es live anders läuft als im Studio: Sogar eine taffe Comedy-Queen wie Martina Hill (Comedy-Bambi) kann vor dem Mikro die Fassung verlieren und Dankesgesäusel daherstottern. Zum Glück gab es ihren Kollegen Max Giermann. Er machte seine Lobrede zur Parodie und äffte herrlich Markus Lanz, Karl Lagerfeld und Oli Kahn nach.

Und so hatte Deutschlands ältester Medienpreis nicht nur Tiefen, sondern auch und vor allem viele Höhen. Die Herzen flogen der kleinen Mercan Türkoglu aus dem Film "Dreiviertelmond" zu. Die Siebenjährige las vom Spickzettel ab und dankte Mama, Schule, Oma, Opa und ihrem Kollegen Elmar Wepper.

Der Stuttgarter Rapper Cro (Pop national) begeisterte mit einem lockeren Mix aus Rap und Pop. Ihm hätte man einen Extra-Bambi gewünscht für die kürzeste Rede: "Der ist total schwer. Dankeschön, Dankeschön" - und weg war er.

Viele waren auch locker und heiter. Der smarte Ulrich Tukur ("Rommel"), als bester Schauspieler geehrt, tröstete Kollege Herbert Knaup ("Kluftinger") auf Schwäbisch und lud ihn zum "Fescht" ein.

Die größten Stars des Abends aber waren die stillen Helden, es wurde sehr nachdenklich. Dr. Ruth Pfau, die seit 50 Jahren in Pakistan Lepra-Kranke heilt und als "Stille Heldin" geehrt wurde hielt dem stehend Ovationen spendenden Glamour-Publikum im Saal den Spiegel vor. Die bescheidene 83-Jährige freute sich, dankte auch, sagte aber: "Ihre Welt ist nicht meine Welt." Denn während des Gala-Abends würden "58 Prozent der Menschen in Pakistan hungrig ins Bett" gehen.

Die Feier erinnerte auch an Gewalt-Opfer: Bewegend war der Auftritt der Schwester des jüngst auf dem Alexanderplatz in Berlin totgeprügelten Jonny K., die einen Verein gegründet hat und mit dem "Mut"-Bambi in der Hand forderte: "Liebt euch!" In der Kategorie "Integration" bekam der Rabbiner Daniel Alter ein Bambi; Er war Ende August von muslimischen Migranten brutal verprügelt worden.

Enttäuschte gab es freilich auch. Manche steckten den zweiten Platz schlechter weg, andere besser. Favoritin Alexandra Neldel, die mit der Mittelalter-Saga "Die Wanderhure" ein 23-Millionen Publikum hatte, musste sich dem DDR-Drama "Der Turm" geschlagen geben. Sie lachte herzlich, als der eloquente Jan Josef Liefers sie tröstete mit "Liebe Alexandra, wenn es mal einen Wanderhuren-Bock gibt, bin ich dabei".

Für internationalen Star-Appeal sorgten Sängerin Céline Dion und Schauspielerin Salma Hayek. Doch deren Auftritte wären nicht nötig gewesen, denn die heimischen Nominierten und Geehrten zeigten, dass die hiesige Medienszene sich nicht hinter Hollywood verstecken muss, sondern lebhaft, kreativ und bunt ist. Hayek hatte recht, als sie sagte, sie fühle sich von den Menschen des Abends so inspiriert, dass alle einen Bambi bekommen müssten.

Mehr Fotos unter swp.de/bilder

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