Das Trugbild „weiße Weihnacht“

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Alle Jahre wieder träumen wir von Weißer Weihnacht – und (fast) immer werden wir enttäuscht. In Deutschland fällt in der zweiten Dezemberhälfte nämlich in aller Regel kein Flöckchen Schnee. Stattdessen ist es meistens nass, grau und viel zu mild zum schneien. Das belegen die Aufzeichnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Offenbach. Laut Statistik gab es in den Jahren 1951 bis 2008 im Flachland und in den Flussniederungen des Südwestens gerade mal zu zehn Prozent über das gesamte Weihnachtsfest eine geschlossene Schneedecke. Also einmal in zehn Jahren.  Ein verlässlicher „Witterungs-Regelfall“ in Deutschland ist laut DWD-Meteorologe Adrian Leyer hingegen weihnachtliches Tauwetter. Ersten Kaltluftvorstößen mit Schneefällen zwischen November und Mitte Dezember folge oft ein Wetterwechsel, bei dem Westwinde milde Atlantikluft heranführen. Was an Schnee lag, wird vom Regen aufgezehrt. Und trotzdem glauben alle, dass es früher zu Weihnachten mehr Schnee gab.

Wie kann man sich so täuschen? „Die Korrektheit unseres Gedächtnisses wird oft überschätzt“, sagt Raoul Bell vom Institut für Experimentelle Psychologie der Uni Düsseldorf. Das Gehirn muss Ressourcen sparen, aussortieren, komprimieren. Vor allem Erinnerungen ans Vorschulalter seien daher nur rudimentär, da gebe es reichlich Spielraum für Fehler. Diese „infantile Amnesie“ hilft dabei, Wichtiges, Ungewöhnliches, Beeindruckendes und Beglückendes abzuspeichern, während Unwichtiges oder Langweiliges – im Fall der Weihnachtsfeiertage etwa Regen - eher vergessen wird.

Hinzu kommt laut Bell: Besonders lebhafte und konkrete Ereignisse, wie Schlittenfahrten,  Schneeballschlachten und idyllisch verschneite Winterlandschaften werden stärker erinnert, weil das den prototypischen Vorstellungen entspricht, die durch Medien, Werbung und Weihnachtskarten verstärkt werden. Zu solchen „externen Erinnerungsstützen“ gehören auch Erzählungen, Gespräche und Bilder. Im Familienalbum finden sich eher Fotos vom Kind an Heiligabend im Tiefschnee als im Schmuddelgrau.

Erinnern an nie Erlebtes

Selbst Kinder, die noch nie weiße Weihnachten erlebt haben, könnten sich später an solche erinnern. Stereotypische Erwartungen werden einfach ergänzt, weiß der Psychologe: Schnee gehört zu Weihnachten, Luftballons zum Geburtstag, Sonne zum Sommerurlaub – auf Urlaubsbildern ist das ja auch so. Und noch haben Fotos ihre Glaubhaftigkeit nicht vollständig verloren.

Bell berichtet von Experimenten, bei denen Kindern per Photoshop montierte Bilder gezeigt werden, auf denen sie selbst zum Beispiel bei einer Ballonfahrt zu sehen, die sie nie erlebt  haben. Wenn sie dann noch von „Mitreisenden“ erzählt bekommen, wie schön und beeindruckend das war, fangen sie an, sich zu erinnern. Überzeugt vom Offensichtlichen schmücken sie das Erlebnis aus und füllen es mit vorhandenen Wissensstrukturen auf.

Ein weiterer Grund für die starke Erinnerung an weiße Weihnachtsfeste sind die damit verbundenen Rituale und gemeinschaftliche Erlebnisse, die in Gesprächen und gemeinsamen Rückschauen an frühere Feste verfestigt werden. Prototypen abzuspeichern ist nun einmal sie effizientere Art, Informationen zu behalten, erklärt Bell. Außerdem: Das Gehirn erinnert sich einfach gerne an positive Erlebnisse. Alte Menschen nutzten dies erinnerungsstrategisch häufig, um ihre Stimmung aufzuhellen.

Wer sich in jungen Jahren also einmal das Warten aufs Christkind mit einer zünftigen Schneeballschlacht vertrieben hat oder am Abend durch kniehohen Schnee zur Heiligabendmesse gestapft ist, erinnert sich ein Leben lang daran. Und je weiter das Erlebnis zurückliegt, umso eher bleibt Spielraum für Idealisierung.

Die weiße Weihnacht ist ein Postkartenidyll, das sich wohl auch auf dem Postweg ausgebreitet hat. Der Trend, sich winterliche Weihnachtskarten zu verschicken, kam wohl Mitte des 19. Jahrhunderts auf – als deutsche Auswanderer vor allem aus US-Ostküstenstaaten Neuengland und Neuschottland Weihnachtspost mit friedlich-aufgeräumten Winterlandschaften in die alte Welt schickten. Die Klimaforscherin Martine Rebetez von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in der Schweiz datiert den Wandel auf die Zeit um 1860. Davor seien auf Festtagskarten von herbstlich anmutenden Szenerien geprägt, wie sie in einem Gespräch mit „spiegel online“ ausführte. So wie es um die Weihnachtszeit bei uns eben tatsächlich aussieht.

Rein, unschuldig, unberührt

Schnee steht für Reinheit, Leichtigkeit und Ordnung, die Farbe Weiß für Vollkommenheit, Unschuld und Unberührtheit: Das wünscht man sich zum Fest – selbst in Australien, wo der Weihnachtsmann zwar ebenfalls traditionell auf einem Schlitten daherkommt, kurz vor Jahreswechsel aber garantiert keinen  Schnee mitbringt. Auf der Südhalbkugel herrscht dann nämlich Hochsommer. Doch während die Menschen dort präsent haben, dass sie Bilder einer völlig anderen Welt vor sich haben, neigen Mitteleuropäer dazu, weihnachtliche Schnee-Szenerien schönen Kindheits-Erinnerungen zuzuordnen.

Der mittlerweile verstorbene Münchner Diplom-Psychologe Dr. Paul Kochenstein hat das Phänomen gerne so beschrieben: „Das Warten auf Schnee symbolisiert auch das Warten aufs Christkind.“ Warten wir halt weiter.

Eine durchweg weiße Weihnacht (Heiligabend, Erster und Zweiter Feiertag) gab es in ganz Deutschland laut Aufzeichnungen des Deutschen Wetterdienstes DWD zuletzt 1981. Im Jahr 2010 fiel immerhin am Abend des 24. Dezembers noch Neuschnee, der dann auch über die Feiertage liegenblieb. Die deutsche Großstadt mit der höchsten Chance auf weiße Weihnacht ist übrigens München, wo dem DWD zufolge etwa in zwei von fünf Jahren vom 24. bis 26. Dezember eine geschlossene Schneedecke liegt.

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