Castorfs „Faust“ wird in Stuttgart bejubelt

Fulminanter Spielzeit-Start am „Opernhaus des Jahres“: Die Staatsoper Stuttgart hat mit einem von Kultregisseur Frank Castorf inszenierten „Faust“ das Publikum zum Jubeln gebracht.

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Adam Palka (l, Mephistoteles) und Attala Ayan als Faust am Opernhaus in Stuttgart. Foto: Bernd Weißbrod

Fulminanter Spielzeit-Start am „Opernhaus des Jahres“: Die Staatsoper Stuttgart hat mit einem von Kultregisseur Frank Castorf inszenierten „Faust“ das Publikum zum Jubeln gebracht.

Der 65-Jährige brachte das Liebesdrama um Doktor Faust und Margarethe zur süffigen Musik von Charles Gounod (1818-1893) in einer zwielichtigen Pariser Straßencafé-Szene auf die Bühne (von Aleksandar Denic) - mit einem teuflischen Mephistopheles, der das Paar mit Verjüngung, Luxus und Champagner-Rausch verführt.

Castorf, Intendant der Volksbühne Berlin, inszeniert den Klassiker mit fein abgestimmter Videoregie (Martin Andersson) als eine Art Ode an den Trieb, an die Sexualität und an das frivole Leben. Anders als bei Goethe, den sich Castorf zum Abschluss seiner letzten Spielzeit in Berlin noch vornehmen wird, interessiert sich dieser Faust bei Gounod aber gar nicht dafür, was die Welt im Innersten zusammenhält.

„Es geht um die Sucht der Triebbefriedigung“, sagte Castorf vor der mit heller Begeisterung aufgenommenen Premiere am Sonntagabend. „Der wird nie sagen zum Augenblick: Verweile doch, Du bist so schön. Wenn er diesen einen genossen hat, dann will er den nächsten Augenblick haben.“ Das alles spielt an der Pariser Metrostation Stalingrad, die an die blutigste russische Schlacht im Zweiten Weltkrieg erinnert – als Sinnbild der Hölle, in der Margarethe am Ende versinkt.

Dieses boulevardesk sündhafte Miniatur-Paris mit Lotterleben in Dachkammern, in einem Café samt altmodischer Telefonzelle durchlebt eine Zeitreise bis ins Jetzt. Hier mischen sich Welt und Halbwelt. Juwelenglanz, Luxussucht und Varieté treffen auf Soldaten in Tarnfleck-Uniformen mit Kalaschnikow-Gewehren. Es fließt Blut.

Neben der tragischen Liebesgeschichte beschäftigt Castorf noch etwas anderes: Er sieht die Ideale der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - im Konsumrausch einer roten Coca-Cola-Welt erstickt. Es ist seine Kritik an jenen, die Demokratie sagen, aber Kapitalismus meinen.

Und er erweitert das Libretto um Verse Arthur Rimbauds über Prostitution und die „Erhechler des Wohlstands“. Aber das Korsett der Partitur, die Marc Soustrot am Pult fest im Griff hat, lässt dem als Stücke-Zertrümmerer bekannten Castorf wenig Raum zum Ausbrechen für das, was ihn sonst umtreibt: die Entpolitisierung des Menschen und den Sinn der Demokratie, die alles und nichts bedeute, wenn sie nicht mit Haltung gefüllt werde, wie er selbst sagt.

So bleibt der dreieinhalbstündige Abend nah am Werk – zur Freude des Publikums. Bravo-Rufe und Applaus satt – oft auch nach einzelnen Szenen - gab es für den strahlend hellen Tenor Atalla Ayan aus Brasilien in der Titelrolle, für den darstellerisch eindrucksvollen jungen Bass Adam Palka als dämonischer Verführer Mephistopheles und für den hochkonzentrierten Chor von Johannes Knecht. Für Mandy Fredrich in der Rolle der von Faust missbrauchten Margarethe flogen am Ende Rosen aus dem Publikum auf die Bühne.

Mit der ersten „Faust“-Inszenierung seit 60 Jahren in der Schwabenmetropole feierte Castorf auch sein Operndebüt in Stuttgart. Am Schauspielhaus hatte der Berliner zuletzt Andrej Platonows Revolutionsroman „Tschewengur“ auf die Bühne gebracht.

„Faust“ ist für den unlängst zum „Opernhaus des Jahres“ gekürten Musentempel nur der Anfang. Auf dem Spielplan für diese Saison stehen unter anderem noch Neuinszenierungen von Jaques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ in der Regie von Schauspielchef Armin Petras und Benjamin Brittens „Der Tod in Venedig“ von Ballettchoreograph Demis Volpi. Intendant Jossi Wieler und sein Dramaturg Sergio Morabito inszenieren im Juni 2017 noch das russische Nationalepos „Pique Dame“ von Peter Tschaikowsky.

Staatsoper Stuttgart

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