Bloß nichts essen, was Augen hat

Klar soll man Tiere anständig behandeln. Die Liebe zu bestimmten Tieren kann allerdings durchaus bizarre Formen annehmen. Sei es, dass es wegen einer geschlachteten Giraffe zu einem regelrechten Volksaufstand kommt, sei es, dass in manchen Beziehungen die Katze mehr zählt als der Partner.

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Gemüse essen aus Tierliebe ist heute nichts Besonderes mehr.  Foto: 

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Zum Beispiel macht es einen Riesenunterschied, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, ob ein tapsiges Eisbärenbaby im Bremerhavener Zoo zum ersten Mal im Leben ein paar Fleischbröckchen frühstückt, oder ob ein ausgewachsener Löwe vor aller Augen eine frisch geschlachtete Giraffe frisst. Während so eine Eisbärchen-Mahlzeit allenfalls Entzückensschreie auslöst, führt eine Giraffen-Verfütterung wie vor kurzem in einem Kopenhagener Zoo schon mal zu einem kleinen Volksaufstand. Manche beschimpften den Zoo-Direktor als Mörder, andere bedrohten ihn.

Extrem tierliebe Menschen sind eben nicht zwangsläufig auch tierisch gute Menschen. Zumal gerade extrem tierliebe Menschen nicht vor einem engen Blickwinkel gefeit sind. Löwe frisst Rind – okay, Löwe frisst Giraffe – schrecklich. Aber wo, bitte, ist der Unterschied? Aus der Sicht von Vegetariern und Veganern wiederum würde sich der ideale Löwe natürlich ausschließlich von Sojawürstchen ernähren. Ist es doch in jedem Fall verwerflich, etwas zu essen, „das Augen hat“.

Klar muss kein Mensch täglich zwei Pfund Billighack aus Massentierhaltung in sich hineinschaufeln. Ob es sündhaft ist, alle 14 Tage ein kleines Bio-Steak zu verzehren, darf hingegen bezweifelt werden, auch wenn manche Hardcore-Tierfreunde eben dies unterstellen und darüber hinaus jeglichen Verbrauch tierischer Produkte geißeln. Als ob es beispielsweise so viel edler wäre, statt in Lederpumps in „veganen Sneakern“ herumzulaufen. Unter welchen Bedingungen viele dieser Schuhe hergestellt werden, malt man sich besser nicht aus. Warum auch. Warum sollte man sich für ausgebeutete Arbeiterinnen im fernen Asien interessieren, wenn man jetzt und hier seine moralische Überlegenheit als Ultra-Tierfreund zelebrieren kann?

Freilich ist nicht jeder extreme Tierfreund von missionarischem Eifer getrieben. Eher zur Kategorie „Tierfreund, der in erster Linie an sich selbst denkt“, gehören jene, die ihr Haustier als Prestigeobjekt missbrauchen, es mit Perlen behängen und mit Lachspralinen mästen. Wegen der Dickmöpse übrigens schlägt der Deutsche Tierschutzbund bereits Alarm: Immer mehr Hunde und Katzen müssten dringend abspecken. Die Chance, dass der Appell des Tierschutzbunds zumindest gehört wird, ist groß. Immerhin 800 000 Mitglieder hat der Verband. Der Deutsche Kinderschutzbund gerade einmal 50 000.

Ihre Tiere sind für viele Menschen ganz offenkundig ihre Abgötter. Nicht nur für einsame Leute, im Gegenteil. „An erster Stelle kommt ihr Pferd, dann lange nichts“, klagt ein vernachlässigter Ehemann im Internet über seine Frau. Tatsächlich wird „Eifersucht aufs Haustier“ in einschlägigen Foren immer mehr zum Thema. Psychologin Karin Krause aus Frankfurt kennt Fälle, in denen die Katze nicht mal dann das Bett verlassen musste, wenn ein Paar Sex hatte. „Die sitzt daneben und schaut zu.“

Wer da schlimmer dran ist, der Mann, der sich von der Katze „bewertet“ fühlt, oder die Katze, der nichts Menschliches mehr fremd bleiben darf, sei einmal dahingestellt.

Arme Schweine finden sich jedenfalls nicht nur bei Schlachtvieh. Der Luxus-Chihuahua im Puppenwagen ist in Wirklichkeit ein armer Hund. Und die Arbeitsbiene in der Mandelplantage eine Sklavin. Das zeigt die Doku „More than Honey“: Zwecks Bestäubung der Mandelbäume in Kalifornien werden Bienenvölker Tausende von Kilometern transportiert. Zahllose Tiere kommen dabei um. Vom tödlichen Stress, ausschließlich Mandelblüten bestäuben zu müssen, ganz zu schweigen. In China setzt man längst auf andere Methoden: Mandelblüten werden dort mancherorts in Handarbeit bestäubt. Also von Menschen. Auf dass Tierfreunde in anderen Teilen der Welt besten Gewissens vegane Mandelkekse mümmeln können. Oder an ihre schicke Tibetdogge verfüttern.

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Kommentare

19.04.2014 08:26 Uhr

Antwort auf „Satire ersetzt keine Recherche”

Danke Tanja Schacht! Bin ganz ihrer Meinung!

Eine Richtigstellung seitens der SWP wäre mehr als angebracht!

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18.04.2014 01:58 Uhr

Am Thema vorbei

Sich nur für Tiere einzusetzen, die süß aussehen, ist genauso wenig konsequent, wie Tier- ohne Menschenrechte. Vegetarier/Veganer machen keinen Unterschied „wie süß ein Tier ist“ und sind konsequent. Ein Slogan des Vegetarierbundes lautet: „Wen streicheln, wen essen?“ Am Besten für Mensch, Tier und Umwelt wären natürlich Produkte die bio, gentechfrei, fairtrade und vegan sind und am Besten noch möglichst aus der Region stammen. Alles auf dem Weg dorthin ist aber schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, so auch der nur-alle-14-Tage-kleines-Bio-Steak-Esser. Der is(s)t aber, bei 98 % Fleisch aus Massentierhaltung, leider die absolute Ausnahme. Ich glaube ehrlich gestanden nicht, dass die Arbeitsbedingungen unter denen die „veganen Sneaker“ produziert werden, grausamer sind, als das Hantieren mit giftigsten Chemikalien ohne jegliche Schutzmaßnahmen in der Lederindustrie, wie kürzlich in der ZDF „37° Doku: Gift auf unserer Haut - Leder und Pelze für Deutschland“ zu sehen. Der Löwe in freier Wildbahn hat keine Wahl, ebenso wenig wie sich Tiere im Zoo für oder gegen Fleisch aus Massentierhaltung entscheiden können. Wir als Konsumenten haben diese Wahl und damit auch die Verantwortung. Vegetarismus ist, eine von vielen Möglichkeiten bewussten Konsumverhaltens. Tiere aus Tierheimen aufzunehmen, statt aus Qualzuchten eine andere, bewusster Konsumverzicht eine Dritte. Ich möchte der Autorin des Artikels empfehlen, lieber zu bewusstem Konsumverhalten anzuraten, statt Veganer für die Arbeitsbedingungen der Mandelblütenbestäuber*innen in China verantwortlich zu machen.

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17.04.2014 20:26 Uhr

Satire ersetzt keine Recherche

Sehr erfreulich, dass inzwischen viele Menschen so gut informiert sind und nicht alles unkritisch konsumieren - weder tierische Produkte noch Zeitungsartikel.

Frau Buck hat sich leider - und das ist in Zeiten des Internets wirklich nicht zu entschuldigen - absolut gar keine Arbeit mit Recherchieren gemacht.

Eigentlich sollte die Zeitung eine Richtigstellung insbesondere im Bezug auf die Lederherstellung abdrucken.

Spott und Häme ersetzen keine Fakten! Ansonsten danke an meine Vorkommentatoren, diese sind wirklich informiert.

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17.04.2014 17:26 Uhr

Gezielte Provokation oder einfach Unfähigkeit?

Gerne würde ich es glauben. Gerlinde Buck will mit diesem Artikel aufrütteln und hat nur das Satire-Schild vergessen.
Doch aus vorgeblich rechergierten Fakten derart unsinnige Schlüsse zu ziehen, braucht nicht noch einen extra Hinweis auf Satire, oder?
"Warum sollte man sich für ausgebeutete Arbeiterinnen im fernen Asien interessieren, wenn man jetzt und hier seine moralische Überlegenheit als Ultra-Tierfreund zelebrieren kann?"
Werden denn Lederschuhe nicht ebenfalls allzuoft unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen hergestellt?

"In China setzt man längst auf andere Methoden: Mandelblüten werden dort mancherorts in Handarbeit bestäubt. Also von Menschen. Auf dass Tierfreunde in anderen Teilen der Welt besten Gewissens vegane Mandelkekse mümmeln können."
Nachdem mit Pestizideinsatz, auch aus deutscher Produktion, die Bienenpopulationen in China in manchen Regionen fast ausgelöscht wurden, bleibt den Bauern keine andere Wahl, als die teure Handbestäubung.Übrigens, Mandelkekse sind meist vegan, falls nicht der Wurm drin war.

Wo der Zusammenhang von übersteigerte Tierliebe zu einem Haustier und den Ernährungsgewohnheiten von Menschen liegt, bleibt Frau Buck uns leider ebenfalls schuldig.

Dass eine eigene Meinung nicht zwingend der Öffentlichkeit übermittelt werden muss, scheint eine der gewollten Erkenntnisse zu sein, welche die Autorin mit ihrer Satire vermitteln wollte. Vor allem wenn ein derart unqualifizierter Rundumschlag die vielfältigen Vorurteile der Autorin widerspiegelt.
Veganer sind Menschen genau wie alle anderen.
Nicht Besser, nicht Schlechter.
Nur bedenken sie vor dem Essen, was auf den Teller kommen soll.
Eine der Entscheidungen, die wir als mündige Bürger/innen treffen können.
Unsere täglichen Konsumentscheidungen beeinflussen das Leben von vielen anderen auf diesem Globus.
Darüber nachzudenken kann nicht schaden.
Auch nicht einer Gerlinde Buck.

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17.04.2014 16:37 Uhr

Wie wenig Wahrheitsgehalt darf ein Artikel eigentlich enthalten um gerade noch veröffentlicht zu...

In China setzt man auf Handbestäubung weil dort die Bienen bereits aussterben. Die Gründe dafür lassen sich leider nicht durch hämische Bemerkungen über Veganer verharmlosen.
Dieser Artikel ist so schlecht recherchiert, daß man gar nicht weiß was man zuerst widerlegen soll.

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17.04.2014 16:22 Uhr

Nicht ganz getroffen

Haha - Sojawürstchen für Löwen - ja genau!
Aus der Sicht eines Veganers sollten Löwen gar nicht erst im Zoo gehalten werden um unter schrecklichen Bedingungen zur Belustigung der Menschen zu dienen - nur damit man seinen Kindern zeigen kann "Schau - das ist ein Löwe…." (Vor nicht allzu langer Zeit wurde das übrigens noch genauso mit Afroamerikanern praktiziert…. "Schau mein Kind - das ist ein Neger!" Damals befand die Durchschnittsbevölkerung so etwas auch als moralisch unbedenklich).

Des Weiteren versuchen sich die meisten Veganer so ethisch korrekt wie möglich in ihrem Konsumverhalten zu zeigen. Das dieses nicht zu 100% möglich ist liegt auf der Hand, schließlich wird trotzdem die deutsche Infrastruktur benutzt, im Internet bestellt, mit dem Euro bezahlt etc. Jedoch wird von vielen darauf geachtet biologische und recyclebare Produkte zu erwerben. Vielleicht sind meine flachen Stoffschuhe nicht so sexy wie ihre Lederpumps, Frau Buck. Aber nicht nur die Tiere und die Menschen, welche unter fairen Bedingungen arbeiten danken es mir, sondern auch meine Füße ;)
(Nicht, dass es nicht auch vegane Schuhe mit Absätze gäbe… und Frau Buck, wer näht denn das Leder ihrer Pumps zusammen? Sind Sie ausreichend informiert???)

Das Veganer nicht automatisch bessere Menschen sind - stimmt! Das wird aber auch nie von Veganern behauptet - sondern eher von ihren Kritikern!

Lassen Sie sich Ihr Bio-Steack schmecken, Frau Buck! Schön, dass Sie sich nur alle 2 Wochen ein Steak - natürlich vom ausgewählten Metzger, genehmigen… und bestimmt natürlich auch beim Essen gehen bzw. allgemein unterwegs ganz auf Fleisch verzichten. So wie alle "Alles-Esser" mit denen ich mich bisher unterhalten habe. Anscheinend treffe ich (jetzt sogar im Internet) immer auf die 3% der Bevölkerung, die ausschließlich Bio-Fleisch verzehren…
Da Sie bestimmt wissen, wie es um "Bio-Fleisch" steht und auch um andere tierische Erzeugnisse (Milch, Käse, Butter, Eier,…) möchte ich Sie gar nicht weiter mit Stichworten wie Eiter in der Kuhmilch, Überbelastung durch Antibiotikum oder das generelle Zerfetzen und Vergasen von männlichen Küken langweilen…

Aber vielleicht sollten Sie in Zukunft besser recherchieren anstatt Ihre eigenen Schlussfolgerungen zu veröffentlichen und als allgemein gültig hinzustellen.

MfG

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17.04.2014 15:48 Uhr

Warum Vegan Bashing? Gerlinde Buck schlecht informiert!

Frau Buck hat leider nicht gut recherchiert! Sonst würde Sie so abwertende und falsche Äußerungen über vegan lebende Menschen unterlassen (mir ist kein Veganer bekannt der ernsthaft fordert Löwen sollten sich von Sojawürstchen ernähren!). Außerdem werden vegane Schuhe nicht deswegen getragen weil man seine moralische Überlegenheit als "Ultra-Tierfreund" darstellen möchte, sondern weil die Lederherstellung mit viel Leid für Mensch!!! und Tier einhergeht. Und ja…alle 14 Tage ein Bio-Steak zu essen ist genauso schlimm wie Billighack aus Massentierhaltung! Was ist denn ein Bio-Steak? Musste das Tier nicht leiden? Dann besuchen Sie erstmal einen Schlachthof, bevor Sie sich weiterhin so unqualifiziert und schlecht informiert äussern!
Hier einige Links für interessierte Leser und natürlich auch für Sie Frau Buck!
Lederherstellung: http://www.zdf.de/37-grad/gift-auf-unserer-haut-leder-pelze-und-schuhe-fuer-deutschland-tierquaelerei-kinderarbeit-chemikalische-belastung-karrmann-29878404.html
Fleischkonsum: www.selbst-wenn.dehttp://www.srf.ch/kultur/im-fokus/das-tier-und-wir/tierisch-gute-argumente-gegen-den-fleischkonsum

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