Bistum Mainz räumt schwere sexuelle Übergriffe ein

Eine Kita sollte ein Ort sein, in dem sich Kinder geborgen fühlen. In Mainz ist daraus ein Ort des Schreckens geworden. Kinder sollen anderen Kindern sexuelle Gewalt angetan haben. Wie konnte es dazu kommen?

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Die Klingel des Kindergartens. Dort spielten sich schreckliche Dinge ab.  Foto: 

Generalvikar Prälat Dietmar Giebelmann ringt mit seinen Worten. Der Begriff, mit dem er seine Sätze am Donnerstag häufig beschließt, ist "fassungslos". Giebelmann will erklären, wie es in einer katholischen Kita in seinem Bistum zu sexueller Gewalt unter Kindern gekommen sein soll, und kann es nur mit Mühe. "Wir können uns kaum erklären, wie diese Vorfälle über einen langen Zeitraum unbemerkt bleiben konnten", sagt der 68-Jährige.

Der Fall ist so schockierend, dass der Kinderschutzbund in Mainz gestern einen Krisenstab einrichtete: Über Monate hinweg sollen Kinder andere brutal sexuell missbraucht haben. Das Bistum Mainz berichtete von Erpressung und Gewalt, ein Kind soll eine Verletzung im Genitalbereich erlitten haben. Fast alle der 55 Kinder sollen in irgendeiner Art betroffen sein.

Obwohl die Erzieher der Kita erste Hinweise darauf schon vor Monaten erhalten hätten, sei nichts nach außen gedrungen - es habe sich um ein geschlossenes System gehandelt. Ein System, das nun offenbar traumatisierte Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren hinterlassen hat. Ein System, das vergangene Woche, als die Pfarrei von den Vorfällen erfahren haben will, in einer Art Hauruck-Aktion schlagartig abgeschaltet wurde. Die Kita im Mainzer Stadtteil Weisenau ist geschlossen, den sieben Mitarbeitern wurde fristlos gekündigt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen möglicher Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflichten.

"Wie es geschehen kann, dass ein Gesamtgeist einer Einrichtung so umkippt und so im Grunde genommen verroht, weiß ich auch nicht", sagt Giebelmann. Wenn es darum geht, was genau in der Kita "Mariä Königin" vorgefallen ist, fallen nicht nur ihm die Worte schwer. Er nennt es "Perversitäten sexueller Gewalt". Er beschreibt Handlungen, die mancher sich nur im Fall harter Pornografie vorstellen kann, sowie üble Gewaltandrohungen.

Michael Huss, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Unimedizin Mainz, kennt den Katalog der Vorfälle. Auch er kann das Ausmaß kaum fassen. Das gehe weit über das hinaus, was man unter Doktorspielen kenne. "Dieses Verhalten ist nicht normal. Auch wenn ich meine Berufsjahre Revue passieren lasse, fällt das eindeutig aus dem Rahmen."

Für den Arzt stellt sich angesichts der Berichte die Frage, ob Kinder in der Kita bereits Missbrauchserfahrungen gemacht hatten. Oder ob sie Pornofilme sahen. "Das Wichtigste für Eltern ist, den Kindern nun einen wirksamen Schutz zu geben und für sie da zu sein. Denn dieser Schutz hat offensichtlich in der Kita gefehlt."

Das Landesjugendamt kritisierte die Verantwortlichen. "Man hat zu lange gewartet, bis man sich professionelle Hilfe geholt hat", sagte Präsident Werner Keggenhoff.

Die Chronik der Ereignisse geht laut dem Bistum so: Erst am Montag der vergangenen Woche habe die Pfarrei, die der Träger der Kita ist, von den sexuellen Übergriffen erfahren. Der Brief einer Mutter sei beim Pfarrer gelandet.

Vorher sollen alle Hinweise nur bis zu den Erziehern und der Kita-Leitung vorgedrungen sein - ohne Konsequenz. Noch am Abend sei entschieden worden, das Haus zu schließen. Am Mittwoch wurde der Fall schließlich einer großen Öffentlichkeit bekannt, als die "Allgemeine Zeitung" aus Mainz darüber berichtete, am Donnerstag gab es eine Pressekonferenz. Darin ging das Bistum vor allem mit den Mitarbeitern der Kita hart ins Gericht.

Sie hätten darauf verwiesen, nichts bemerkt zu haben, sagt Giebelmann. Er kann es sich kaum erklären. "Wir können als Bistum nur sagen, dass wir schlichtweg so betroffen sind, dass wir uns in aller Form bei Angehörigen, Kindern und Eltern entschuldigen."

Gestern schließlich lief die Betreuung von Eltern und Kindern der Kita an. Der Kinderschutzbund richtete dazu einen Krisenstab ein. "Eine Handvoll hat hier das Beratungsangebot in Anspruch genommen", sagte Geschäftsführer Uwe Hinze. Auch die Uniklinik und eine Fachklinik bieten Betreuung an.

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