Bankkunden lassen alten Mann am Boden liegen

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Vier Kunden einer Essener Bank werden demnächst wohl wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt. Das kann mit einem Jahr Gefängnis bestraft werden. Sie hatten einen Mann ignoriert, der vor den Geldautomaten zusammengebrochen war. Weil die vier Leute Geldgeschäfte getätigt haben und gefilmt wurden, sieht die Polizei kein Problem darin, sie ausfindig zu machen.

3. Oktober, eine Bankfiliale in Essen-Borbeck. Im Vorraum mit den Geldautomaten liegt ein 82 Jahre alter Mann. Die Überwachungskamera hält fest, dass nacheinander vier Männer und Frauen hereinkommen, um ihn herum oder über ihn hinweg gehen und ihre Geldgeschäfte erledigen. Erst der fünfte Kunde setzt einen Notruf ab. Später stirbt der Rentner im Krankenhaus.

„Wie abgestumpft muss man sein, um hier nicht zu reagieren?“, schimpft jemand auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. „Jeder hat schließlich ein Handy!“ Ein anderer schreibt: „Es hätte euer Vater oder Opa sein können.“ Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck: „Ich glaube ganz fest, dass ohne echte Barmherzigkeit keine Gesellschaft letztlich existieren kann.“

Kein Einzelfall

Rainer Wendt, der Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, sagt: „Natürlich kommt man im ersten Moment auf die Idee, das ist ein Einzelfall. Aber wenn, dann wären es ja schon mehrere Einzelfälle.“ Denn da seien ja vier vorbeigegangen.

Wendt sieht einen „kollektiven Empathieverlust in der Bevölkerung“. Egoismus gehöre zum Zeitgeist. „Und ehrlich gesagt: Ich habe kein Rezept dafür, wie man das stoppen kann.“ Eltern vermittelten immer weniger Werte, und Kindertagesstätten und Schulen holten das nicht nach.

Der Berliner Psychologe Peter Walschburger sagt, der Mensch sei von der Evolution her zwar als soziales, hilfsbereites Wesen angelegt. Das gelte aber in erster Linie in Bezug auf Menschen, die man gut kenne. „Unser heutiges Leben, vor allem in der Stadt, läuft aber unter völlig anderen Bedingungen ab. Da macht jeder sein Ding.“ Seine Empfehlung: „Wir brauchen sozusagen eine Verdörflichung der Stadt. Nachbarschaftshilfe statt Großstadt-Anonymität.“ dpa

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Kommentare

01.11.2016 17:13 Uhr

Antwort auf „Abschließende Antwort auf „Nachdenken”””

Ach du liebe Zeit, jetzt sehe ich erst wie das wirkt. Ja Sie haben da völlig Recht!
In der ersten Version meines Beitrags stand etwa "manchen Kindern öfter oder wenigstens überhaupt mal den ständigen elterlichen Einfluss nehmen". Was davon letztlich übrig blieb ist tatsächlich verstörend und peinlich.
Ich sollte mich natürlich so ausdrücken dass keine unausgesprochenen Gedanken nötig sind um mich richtig zu verstehen. Tut mir leid!

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01.11.2016 13:28 Uhr

Abschließende Antwort auf „Nachdenken””

Herr Mau, Sie haben geschrieben: "sollte man unfähigen Eltern die Kinder wegnehmen".
Wenn Sie das nicht meinen, dann sollten Sie das auch nicht schreiben! Ist eigentlich ganz einfach.
Und ganz ehrlich, ein solch pauschalisierender Spruch ist kein "Gedankenansatz", sondern meiner Meinung nach eine Entgleisung, bei der "in den Grund und Boden rammen" , wie Sie so bildhaft schreiben, durchaus angebracht ist.
Etwas mehr Sorgfalt, dann kann es passen.
Vermeintliche "Vereinfacher" und "Pauschalisierer" haben wir wahrlich schon genug.

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01.11.2016 09:32 Uhr

Antwort auf „Nachdenken”

Das wegnehmen mag ungeschickt formuliert sein, ich meine NICHT Kindesentzug oder sonstiges was Sie aus dunkelsten Momenten der Geschichte gekramt haben. Sondern beispielsweise die Pflicht eine Ganztags Kita oder Schule zu besuchen, wo die Kinder besser betreut sind als zuhause bei den Eltern die oft schon mit sich selbst Probleme haben und sich nicht noch sinnvoll um ein oder zwei Kinder kümmern müssen. Wo ein Kind überhaupt mal ein soziales Umfeld erlebt, in dem es nicht vermittelt bekommt es sei das größte und beste - und wir uns dann noch wundern dass es gleich "aufs Maul" gibt wenn ihm etwas nicht passt.

Irgendwie muss man das durchsetzen können. Zum Beispiel Kindergeld das nur bezahlt wird wenn die Eltern möglichst früh einen Erziehungs Grundkurs belegen, oder eben durch gewisse Maßnahmen bei auffälligen Kindern. Da gibt es genug Auffälligkeiten die zu gerne mit "es sind eben Kinder" abgetan werden.

Mir geht es darum dass "wir" nicht maximal lange untätig zusehen sollten wie Eltern mit ihren Kindern überfordert sind und aus ihnen keine gesellschaftsfähigen Menschen machen können. Da muss früher eingeschritten werden, Vorher Prävention statt Gefrickel danach durch Sozialarbeiter etc.

Ja, es gibt solche Angebote bereits. Aber die werden von vielen nicht angenommen. Daher könnte man so etwas anordnen wenn es sinnvoll ist.
Ja, man geht hiermit einen Weg der Eltern ein Stückchen ihrer Hoheit über ihr Kind nimmt. Allerdings in einem Rahmen den ich für vertretbar halte.
Nein, ich halte das nicht für moralisch bedenklich oder schädlich für Eltern, Kind und die Gesellschaft. Das Gegenteil ist der Fall. Für alle.

Ich finde schade dass hier gleich wieder eine Keule ausgepackt wird. Jeden Gedankenansatz gleich in Grund und Boden zu rammen ist nicht hilfreich. Bauen Sie sowas doch lieber aus, in eine Richtung die Ihnen besser gefällt als das was Sie herauslesen. Immer nur draufhauen löst keine Probleme.

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31.10.2016 21:52 Uhr

Nachdenken

Die von Mau grundlos erhobene pauschalisierte Forderung nach staatlichem Kindesentzug ist geschichtlich nun einmal eine vor allem von totalitären Regimen praktizierte Praxis. Entweder fehlt ihm hier die Erkenntnis, oder es ist genau das, was er anstrebt.

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31.10.2016 20:10 Uhr

Antwort auf „Antwort auf „wieder mal die Schulen””

Wenn Ihnen nur Nazi und Stasimethoden einfallen wenns darum geht Dinge nicht entgleisen zu lassen, überlegen wir doch noch einmal wer nur gescheit daherschwätzt.

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31.10.2016 08:52 Uhr

Antwort auf „wieder mal die Schulen”

Deutschland hat mit staatlichem "Kinder wegnehmen" ja schon eine "schöne" Tradition in der jüngeren Geschichte, einmal im Nazi-Staat und einmal im Stasi-Staat.
Aber was soll's, Hauptsache "gscheid derhergschwätzt"...

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31.10.2016 05:59 Uhr

wieder mal die Schulen

Was die Eltern längst verbockt haben, lässt sich in Kindergärten und Schulen nicht mehr korrigieren! Statt zu labern sollte man unfähigen Eltern die Kinder wegnehmen und dafür sorgen dass sie gescheite erzogen werden.

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