Babyboom nach Sex-Werbung in Dänemark

Dänemark braucht mehr Babys. Ungeniert forderte deshalb das öffentliche Fernsehen, sich im Bett mehr anzustrengen. Diese und andere Aktionen wirkten.

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Für Dänemark: Ulla Kobberø (37) hat Zwillinge bekommen.  Foto: 

In diesem Sommer dürften deutlich mehr Kinderwagen durch das Königreich Dänemark rollen. Das kleine Land erwartet 1200 Neuzugänge mehr als im letzten Sommer. Verantwortlich dafür sollen mehrere, vor gut neun Monaten durchgeführte Sex-Werbekampagnen sein.

Den Stein ins Rollen brachte aber schon 2014 die Reiseagentur Spies Travel. In erotischen Werbefilmen und auf Plakaten sieht man attraktive Männer und Frauen um die Dreißig Urlaub machen. Mit dem Spruch: „Tue es für Dänemark!“, wollte die Agentur Dänen motivieren, den Urlaub zum Kinderkriegen zu nutzen.

Dänemark leidet an einer Überalterung der Bevölkerung. Eine Verjüngung durch Einwanderer wird durch die restriktive Migrationspolitik verhindert. Doch „es“ für Dänemark zu tun, war den Verbrauchern dann doch etwas zu abstrakt.

Vor gut neun Monaten kam dann eine verbesserte Neuauflage der Kampagne. Dieses Mal setzte sie auf gerade unter kinderlosen Männern und Frauen über 30 verbreitete „Schuldgefühle“. Die potenzielle Großmutter wurde ins Feld geführt: „Tue es für Mutti!“, heißt es im Urlaubs-Werbefilm.  Das Video wurde rund acht Millionen Mal angeschaut – in Dänemark wohnen nur knapp 5,7 Millionen Menschen.

Kurz darauf sprangen auch dänische Kommunen auf den Zug auf. Die Hauptstadt Kopenhagen setzte gleich auf eine Angstkampagne bei kinderlosen Dänen mittleren Alters. Unter dem Tenor, „Fruchtbarkeit hält nicht für immer“, wurden etwa Spermazellen gezeigt mit der gemeinen Frage: „Schwimmen sie nicht schon etwas zu langsam?“. An Frauen gerichtet heißt es „Hast du heute schon deine Eier gezählt?“ Es wird erklärt, dass jede Frau in ihrem Leben nur eine begrenzte, sich stetig vermindernde Anzahl Eizellen habe.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen schloss sich an und berieselte das Volk mit der witzigen und informativen TV-Satire „Knald For Danmark“ („Bumse für Dänemark!“). Da geht es darum, dass der „richtige Zeitpunkt nie kommt“, dass Frauen nur rund 29 Jahre lang Kinder kriegen können. Satiriker mimen dabei unterschiedliche Paare um die 30. Da sind die Kinderfantasten, die gleich zehn Babys haben wollen und schon vor der Kamera fast einander verschlingen. Auch die unterkühlten Karrieristen, die nicht einfach „ein ganzes Jahr aus ihrem Terminkalender streichen können“, kommen zu Wort.

„Ich war überrascht, dass plötzlich so viele Kampagnen dazu in so kurzer Zeit liefen“, sagte Kopenhagens stellvertretende Gesundheitsstadträtin Ninna Thomsen.  Man könne leider nicht beweisen, dass sie wirklich zum Geburtenanstieg in diesem Sommer beigetragen hätten, aber zumindest hätten sie wohl positiven Einfluss gehabt.

Auch im Sexualkunde-Unterricht an den dänischen Schulen hat ein Umdenken stattgefunden. Dort lag der Fokus lange vor allem auf der Verhütung. Kinderkriegen sei gefährlich und eine Armutsfalle, so der Unterton, der einst vor allem Schwangerschaften von Jugendlichen verhindern sollte. Diese gibt es in Dänemark allerdings kaum noch. Im Unterricht wird nun wieder die Aussicht, mit Anfang oder Mitte 20 Kinder zu bekommen, in ein besseres Licht gerückt.

Gleichzeitig tut Dänemark viel in der Familienpolitik mit Elterngeld, Kindergartenplätzen und Gleichberechtigung, die mehr Männer zur Auszeit vom Beruf für das Kind bewegt hat. Auch an den Universitäten wird inzwischen mehr für Studenten mit Kindern getan.

Der Aufruf „Knald for Danmark“ ist zwar mit einem Augenzwinkern zu verstehen – manche potenzielle Mütter hat er aber dennoch motiviert. „Ich mag es sehr, schwanger zu sein“, sagt Ulla Kobberø aus Kopenhagen, die gerade Mutter von Zwillingen geworden ist. „Als dazu aufgefordert wurde, dass wir mehr Kinder bekommen sollen, habe ich gedacht: Das könnte ich doch eigentlich wirklich.“

Eine größere Rolle als Fernsehshows und gesellschaftliche Verantwortung hat aber wohl gespielt, dass einige Freundinnen zur selben Zeit schwanger wurden – und dass die 37-Jährige und ihr Mann ohnehin überlegt hatten, nach ihren beiden Töchtern (6 und 3) noch ein Kind zu bekommen. „Wenn wir gewusst hätten, dass es gleich zwei würden, hätten wir es uns vielleicht nochmal überlegt“, sagt Kobberø und lacht. Die Dänin glaubt, dass Mutter-Sein gerade auch einfach „in“ ist: „Es hat wieder mehr Prestige bekommen, ein Baby zu kriegen“, sagt sie. „Viele legen Wert darauf, eine Familie zu haben.“

Kinderarmes Land

Statistik Dänemark leidet an Überalterung der Bevölkerung. Die Geburtenrate ist nach der Wirtschaftskrise 2008 deutlich gefallen. 2014 lag sie, leicht erholt, bei 1,69 Kindern pro Frau. In Deutschland lag sie 2014 bei noch niedrigeren 1,49 Kindern. Rund 2,1 Kinder pro Dänin wären nötig, damit die Bevölkerung nicht schrumpft.   anw

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