Aids-Baby gilt als geheilt - Experten warnen vor großer Hoffnung

Ist es ein Etappensieg bei der Aids-Behandlung? Die Nachricht von der "funktionalen Heilung" eines HIV-infizierten Säuglings in den USA sorgt für großes Aufsehen. Experten warnen vor zu großer Euphorie.

|
Elektronenmikroskopische Aufnahme mehrerer HIV (Humane Immunschwäche-Viren). Foto: Hans Gelderblom / Robert Koch Institut

Hoffnung im Kampf gegen Aids: US-Ärzte haben erstmals ein mit dem HI-Virus infiziertes Baby weitgehend geheilt. Das heute zweieinhalb Jahre alte Mädchen sei kurz nach der Geburt mit antiretroviralen Medikamenten behandelt worden, berichtete die Virologin Deborah Persaud vom Johns Hopkins Childrens Centre in Baltimore (Maryland) auf einem Fachkongress in Atlanta (Georgia).

Experten warnen aber vor zu großen Erwartungen. Der Fall sei vor allem wichtig für die Forschung zur Heilung, erklärte der Mediziner Armin Schafberger von der Deutschen Aids-Hilfe. "Was vor Jahren noch undenkbar erschien, wird nun immer greifbarer", sagte er.

Das Kind war 2010 in einer ländlichen Region im US-Staat Mississippi zur Welt gekommen. Die Mutter war HIV-positiv, wusste das aber nicht. Nachdem Tests die Infektion nachgewiesen hatten, begannen die Ärzte 30 Stunden nach der Geburt, das Baby mit einer Kombination aus drei Medikamenten zu behandeln - üblich ist bei Neugeborenen von HIV-positiven Müttern laut Schafberger eine etwa vierwöchige Einfachprophylaxe.

Bereits nach einem Monat seien die Viren kaum noch nachweisbar gewesen, berichteten die US-Mediziner. Das sei bis heute so, obwohl die Therapie nach etwa eineinhalb Jahren ausgesetzt wurde. Denn die Mutter hatte ihr Kind zehn Monate lang nicht mehr zur Behandlung gebracht.

Virologin Persaud und andere Kollegen sind überzeugt, dass sich das Baby im Mutterleib infizierte und es sich um einen seltenen Fall "funktioneller Heilung" ("functional cure") handelt. Die liegt vor, wenn einzelne Viren oder Virenteile noch nachgewiesen werden können, der Erreger aber vom Immunsystem so gut kontrolliert wird, dass er sich nicht vermehren kann. Vom Virus seien dann nur noch "Fußabdrücke" zu sehen, so Persaud. Der Erreger ist dann bei üblichen Bluttests nicht mehr zu erkennen. Es ist auch keine lebenslange Behandlung mit Medikamenten nötig.

Für Persaud steht fest: "Dies ist unser Timothy Brown." Der Amerikaner gilt als einziger Mensch, bei dem eine HIV-Heilung dokumentiert ist. Der HIV-positive Brown hatte sich 2007 in Berlin wegen Leukämie behandeln lassen. Nach einer Stammzellentransplantation ließen sich die Aids-Erreger einige Jahre später nicht mehr in seinem Körper nachweisen.

Über den neuen Fall in Mississippi sagte Persaud: "Nun müssen wir herausfinden, ob es sich um eine höchst untypische Reaktion auf eine sehr frühe antiretrovirale Therapie handelt, oder ob es etwas ist, das wir bei anderen Hochrisiko-Säuglingen wiederholen können." In dem Fall könnte dies zu neuen Behandlungsstandards führen.

Eine der Hypothesen ist, dass die frühe Behandlung mit mehreren Medikamenten das Virus davon abgehalten hat, sich in Reservoiren im Körper einzunisten, etwa in Zellnestern in den Lymphknoten. "Der kleine Patient wäre der erste HIV-Patient, bei dem bewiesen wurde, dass man durch ganz frühe Therapie eine Infektion auch wieder heilen kann", sagte Schafberger von der Aids-Hilfe. Wie es weiter gehe, wisse man allerdings nicht, denn das Kind sei derzeit unauffindbar.

Prof. Norbert Brockmeyer vom Kompetenznetz HIV/AIDS, warnte indes vor allzu großer Euphorie: "Es ist erstmal noch keine Heilung, sondern ein Weg in Richtung Heilung." Die funktionale Heilung funktioniere nur, wenn die Medikamente sehr früh gegeben würden. 30 Prozent der HIV-Infizierten kommen nach seinen Worten aber erst bei Ausbruch der Krankheit, also erst sehr spät, überhaupt in die Klinik.

"Der Fall wurde 26 Monate nachverfolgt. Das ist schon eine ganz gute Zeit, aber man muss schauen: Hält sich das oder ist das Virus doch noch irgendwo im Körper integriert?" Einige Experten hatten zuvor Skepsis an der Heilung in Mississippi geäußert. Es stehe nicht zweifelsfrei fest, ob das Mädchen sich tatsächlich mit dem Erreger angesteckt hatte. Die Tests seien eindeutig, hieß es dagegen vom Forscherteam um Persaud.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Prozess gegen Tolu in Istanbul: Vater hofft auf Freilassung

Mehr als sieben Monate nach ihrer Festnahme wird der Prozess gegen die deutsche Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu in der Türkei fortgesetzt. weiter lesen