Abstrakt und maskenreich: „Parsifal“ in Hamburg

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Mit Anleihen beim Expressionismus: Andreas Schager als Parsifal. Foto: Markus Scholz  Foto: 

Richard Wagners letztes Bühnenwerk „Parsifal“ ist eine Herausforderung für jeden Regisseur. Mehr als vier Stunden lang lässt der Komponist und Librettist seine Figuren in erster Linie Gedanken ausbreiten und längst Vergangenes nacherzählen.

Die Geschichte vom reinen Toren Parsifal, der auszieht, „durch Mitleid wissend“ zu werden, und dabei den Gralsrittern begegnet, tritt dagegen als Handlungsgerüst in den Hintergrund.

Die Staatsoper Hamburg hat mit dem Werk nun am Samstagabend die neue Saison eröffnet. Achim Freyer, der für Regie, Bühnenbild, Kostüme und Licht verantwortlich war, hat jeder Versuchung widerstanden, das von Wagner sogenannte „Bühnenweihfestspiel“ zu aktualisieren.

Stattdessen schuf er eine entschieden abstrakte Kunstwelt: Der fast gänzlich schwarze Bühnenraum erzeugte durch Projektionen die Illusion einer riesigen Spirale. Diesen Raum versetzte Freyers stilisierte Personenregie gleichsam in eine sachte Bewegung, als würden sich Schichten dieses Kosmos gegeneinander drehen. „Zum Raum wird hier die Zeit“ ist einer der zentralen Rätselsätze des vor philosophischen Ideen überbordenden Werks. Wie Freyer die Dimensionen dieses Raums erforschte und mit bunten Kugeln oder silbrigem Schneefall belebte, das hatte bei aller Gedankentiefe auch noch poetischen Charme.

Im Kern ging es um die menschliche Suche nach Erkenntnis über mehrere Lebensstationen Parsifals hinweg: Von der kindlich übermütigen Jagd auf den Schwan über das Erwachen der Sexualität im Zusammentreffen mit den Blumenmädchen und die reife Liebesbeziehung, die sich in der Begegnung mit Kundry andeutet, bis der Mann in die Aufgabe des neuen Gralskönigs hineingewachsen ist. Dabei hatte Freyer nicht nur expressionistisch verfremdete Masken entworfen, sondern auch für jede Figur eine jeweils eigene Gestensprache, um die seelischen Vorgänge zu verbildlichen.

Der Tenor Andreas Schager verkörperte Parsifals Mitleiden bei den Erzählungen vom Tode der Mutter stimmlich wie darstellerisch so anrührend, als trüge sich das Geschehen selbst auf der Bühne zu. Schager, der Bariton Wolfgang Koch (Amfortas) und der Bass Kwangchul Youn (Gurnemanz) sangen mit Schmelz und Bayreuth-erprobter Strahlkraft. Souverän und ausdrucksstark auch die Sopranistin Claudia Mahnke als Kundry.

Bis in die Nebenrollen war das Ensemble hervorragend besetzt, Eberhard Friedrich hatte den Staatsopernchor bestens vorbereitet. Selten ist Wagner so textverständlich zu hören wie an diesem Premierenabend und dadurch so lebendig und unmittelbar ergreifend.

Daran hatten Nagano und das Philharmonische Staatsorchester einen wesentlichen Anteil. Nagano wählte flüssige Tempi und wagte immer wieder auch einen dramatischen Duktus, statt sich auf das allzu Weihevolle festlegen zu lassen. Die Sänger begleitete er umsichtig und dynamisch flexibel, das warm und farbig klingende Orchester agierte wie ein Erzähler. Alles in allem eine denkwürdige Gemeinschaftsleistung, die vom Hamburger Publikum mit großem Jubel bedacht wurde.

Der weltweit gefragte Freyer knüpft mit dem „Parsifal“ an eine Zusammenarbeit mit der Hamburgischen Staatsoper an, deren Anfänge Jahrzehnte zurückreichen. Seine Inszenierung von Mozarts „Zauberflöte“ (1982) lief mehr als 30 Jahre. 1991 führte er Regie bei „Vergänglichkeit“ von Dieter Schnebel sowie 1997 bei der international beachteten Uraufführung von Helmut Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“.

Staatsoper Hamburg

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