Abschied im Leichenhotel

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Japanische Bestattungsfeier: Auf einem Display wird das Bild des Verstorbenen gezeigt.   Foto: 

Auf den ersten Blick sieht das Hotel Relation in Japans drittgrößter Stadt Osaka wie ein ganz gewöhnliches Hotel für Geschäftsreisende aus. Einziger Unterschied zu einem typischen japanischen Hotel: Auf einer Seite des Flurs sind alle Zimmer mit kleinen buddhistischen Altären und Tragegestellen für Särge ausgestattet. So haben die Trauergäste kurze Wege, wenn sie ihre verstorbenen Angehörigen noch einmal sehen möchten, bevor es zur Einäscherung geht. Gegen einen kleinen Aufpreis bietet das Leichenhotel auch klimatisierte Särge mit Glasdeckel an, um die Begegnung mit dem Toten für die Angehörigen so angenehm wie möglich zu gestalten.

Traditionell wurden Tote auch in Japan in den eigenen vier Wänden aufgebahrt. Auf eine Totenwache mit Familie, Freunden, Kollegen und Bekannten folgte eine große Trauerfeier, zu der sich meist die gesamte Gemeinde versammelte, bevor der Tote dann zur Einäscherung ins Krematorium der lokalen Gemeinde gebracht wurde.

Kostspielige Feiern

Der Trend zur Kernfamilie führt genau wie die Anonymität des Großstadtlebens aber dazu, dass die Trauergemeinde in den letzten Jahrzehnten immer kleiner wurde. Hinzu kommt, dass es oft unmöglich und noch öfter gar verboten ist, den Toten etwa in den 25. Stock eines Wohnhochhauses zu transportieren. Zwar gibt es im ganzen Land so genannte Beerdigungshallen, doch die sind meist auf große, oft sehr kostspielige Feiern spezialisiert.

„Bis vor ein paar Jahren konnte ein Toter noch mindestens einen Tag lang im Krankenhaus bleiben“, erzählt Hisao Takegishi, Besitzer eines Leichenhotels im Großraum Tokio. „Jetzt müssen die Betten innerhalb von einer Stunde geräumt werden, weil schon Dutzende Patienten in der Warteschlange stehen“, so Takegishi weiter. Zeit zum Abschied nehmen bleibe da nicht, ergänzt er.

Auch die großen Beerdigungshallen ließen den Hinterbliebenen meist keine Ruhe, bis alle Feiern durchorganisiert sind. Deshalb habe er das Leichenhotel eröffnet, sagt Takegishi. Hier könnten Familien für einen Bruchteil der Kosten in Ruhe Abschied nehmen, ohne dass sie zu einer üppigen Feier, zu der möglichweise kaum Gäste kommen, gedrängt werden.

Etwa 10 000 Yen (rund 77 Euro) kostet eine Nacht im Leichenhotel. Das sei bezahlbar, auch wenn es ein paar Tage länger als gedacht dauert, bis das Krematorium einen Platz frei hat, findet Yoshihiro Kurisu, der Besitzer des Leichenhotels aus Osaka. Das Warten könnte in Zukunft zur Regel werden. „Jetzt beginnt der Leichenstau“, warnt der Hotelier.

Von den ehemals 37 000 Krematorien des Landes sind gerade noch 1500 übrig. Die 13-Millionen-Metropole Tokio besitzt lediglich 26. Gleichzeitig setzt in der am schnellsten alternden Gesellschaft der Welt nun eine Sterbewelle bislang ungekannten Ausmaßes ein.Schon jetzt sind die Krematorien mit der schieren Zahl der Toten überfordert. Die Kühlhäuser platzten aus allen Nähten, berichten Branchenkenner. Trotz Fließbandarbeit müssten Familien in Spitzenzeiten schon mal bis zu einer Woche warten.

Beobachter sind sich sicher, dass die Leichenhotels mit ihren neuen, unprätentiösen Angeboten großes Zukunftspotenzial haben. Anfangs seien die Leute misstrauisch gewesen, erinnert sich Hotelbesitzer Takegishi an seinen Start vor fünf Jahren. Mittlerweile sei sein Hotel beinahe ständig ausgebucht. „Viele Kunden kommen sogar mehrfach“, freut er sich.

Statistik Nach Angaben des japanischen Gesundheitsministeriums starben 2015 insgesamt 1,3 Millionen Einwohner. 2040 werden es 1,69 Millionen pro Jahr sein. Einen solch rasanten Anstieg der Todesfälle in so kurzer Zeit gab es außer in Kriegszeiten noch nirgendwo auf der Welt, kommentieren heimische Medien. dpa

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