„Gabriel wollte sogar gehen“

|
Die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel.  Foto: 

Die Zuschauer kennen Tina Hassel als hartnäckige Journalistin, die Spitzenpolitikern im Ersten auf den Zahn fühlt. Auch dieses Jahr empfängt die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Thomas Baumann wieder Angela Merkel, Martin Schulz und andere Politiker zum Polittalk unter freiem Himmel.

In den „ARD-Sommerinterviews“ nehmen Sie Politiker gemeinsam mit Ihrem Kollegen Thomas Baumann in die Zange. Warum zu zweit?

Tina Hassel: Das ist bei der ARD gute Tradition. Es hat jedoch nichts damit zu tun, dass wir zu zweit auf einen losgehen oder die Leute in die Zange nehmen, wie Sie sagen (lacht). Aber sehr wohl damit, dass zum Beispiel einer von uns genau zuhören kann, was der Politiker sagt, während der andere sich schon auf den nächsten Punkt des Gesprächs konzentriert. Das hat sich bewährt.

Überlegen Sie sich vor dem Interview eine gemeinsame Strategie?

Klar, wir gehen die relevanten Fragen miteinander durch. Wobei der Plan erst einmal auf dem Papier steht. Wenn sich das Gespräch dann in eine andere Richtung entwickelt, reagieren wir entsprechend und halten nicht zwingend an diesem Konzept fest.

Wer von Ihnen ist denn der gute und wer der böse Bulle?

Keine Ahnung, das müssen Sie entscheiden (lacht). Aber Spaß beiseite: In den Kategorien „good cop, bad cop“ denken wir nicht. Thomas Baumann und ich haben verschiedene Temperamente. Jeder von uns ist, wie er ist – und das soll auch so sein, weil das authentisch ist.

Werden die Gespräche aufgezeichnet oder sind sie live?

Das kommt darauf an. Wir müssen uns natürlich nach dem Terminplan der Politiker richten, deswegen werden die Interviews häufig aufgezeichnet.

Werden diese Aufzeichnungen nachbearbeitet?

Ich bin Ihnen dankbar für die Frage, denn so kann ich unmissverständlich klarmachen: An den Gesprächen wird im Nachhinein nichts verändert. Unsere Interviewpartner bekommen die Fragen vor der Sendung auch nicht zu sehen, und es werden vor einem  Gespräch keine Fragen mit den Gästen abgesprochen.

Also bekommt man das Interview so zu sehen, wie es abgelaufen ist?

So ist es. Die Gespräche werden übrigens auch immer von Kollegen der Nachrichtenagenturen oder Zeitungen verfolgt. Die würden das sofort mitbekommen, wenn nachträglich etwas verändert würde.

Gehen Sie nach dem Gespräch mit den Politikern noch was trinken?

Nein, das gibt es nicht. Zudem haben Politiker einen ungemein engen Zeitplan, da wäre auch überhaupt kein Platz für so etwas. Nach dem Gespräch bedankt man sich – und das war’s.

Die Gespräche finden im Freien statt. Ist das anders als ein Interview im Studio?

Durchaus. Wir führen die Interviews auf der Terrasse des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses, das gegenüber dem Reichstag liegt, ganz nah an der Spree. Dort fahren Passagierschiffe vorbei: Die Leute klatschen, manche pfeifen, und das alles nehmen wir natürlich auch während der Sendung wahr, anders als bei einem Interview im Studio. Das verändert die Gesprächssituation schon.

Die Politiker wollen natürlich ihre Wahlbotschaften unters Volk bringen. Welches Mittel haben Sie gegen die üblichen Floskeln?

Nachfragen und immer wieder nachfragen. Wenn ich dann den Eindruck habe, da kommen dauernd nur die gleichen Worthülsen, dann thematisiere ich das durchaus und sage: „Auf die Frage haben Sie nicht geantwortet.“ Außerdem kann man ja nonverbal eine Menge ausdrücken, zum Beispiel indem man eine Augenbraue hebt oder schmunzelt.

Sie unterbrechen die Politiker schon auch mal.

Natürlich, da hatten wir schon regelrechte „Showdowns“ bei den Sommerinterviews. Sigmar Gabriel wollte sogar einmal aufstehen und das Set verlassen.

Duzen Sie sich mit dem ein oder anderen Politiker in Berlin oder sind befreundet?

Nein, schon aus Prinzip nicht. Wir haben ein Arbeitsverhältnis, das Distanz erfordert. Genau diese journalistische Distanz macht auch meine Glaubwürdigkeit aus.

Info Die Gesprächsreihe „Bericht aus Berlin – Sommerinterview“ startet morgen, Sonntag, 2. Juli, um 18.30 Uhr. Als ersten Gesprächspartner empfangen Tina Hassel und ihr Stellvertreter Thomas Baumann die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt. Weitere Interviewgäste sind Dietmar Bartsch von der Linken (9.Juli), die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel (16. Juli), Horst Seehofer von der CSU (20. August) und der SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz (27. August).

Tina Hassel wurde 1964 in Köln geboren und studierte Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft. Sie war in den 90er Jahren ARD-Korrespondentin in Paris und leitete von 2012 bis 2015 das Washington-Studio der ARD. Seit zwei Jahren ist sie Chefin des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin. Hassel ist verheiratet und hat drei Kinder. mw

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Die Entsorgungsbetriebe Ulm wollen sechs weitere Häckselplätze schließen

Die Entsorgungsbetriebe Ulm (EBU) wollen sechs weitere Häckselplätze schließen. Der Betriebsausschuss sieht bisher nur bei der „St.-Barbara-Straße“ am Kuhberg eine Notwendigkeit. weiter lesen