"Eine quäkt immer . . ."

Jasmin, Kim, Sophie und Laura, die eineiigen Leipziger Vierlinge, feiern am 6. Januar ihren ersten Geburtstag. Ihre Geburt wie ihr gedeihliches Heranwachsen gelten nach wie vor als medizinische Sensation.

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Vier kleine Weihnachtswichtel: Die Eltern Marcus und Janett Mehnert mit ihren eineiigen Vierlingsmädchen Laura, Kim, Sophie und Jasmin (von links) am ersten Advent. Foto: dpa

Dieses Weihnachten war nicht einfach für den sechsjährigen Lucas. Letztes Jahr war er noch das einzige Kind der Familie, alles drehte sich um ihn. Doch obwohl inzwischen sogar Schulkind, hatte Lucas diesmal erheblich Mühe, die Aufmerksamkeit seiner Omas und Opas, Tanten und Onkels zu wecken, die Heiligabend mit unterm Weihnachtsbaum saßen. Alles drehte sich nur um seine Schwestern: Jasmin, Kim, Sophie und Laura. Gleich vier Geschwisterchen auf einen Streich hatte ihm seine Mama Janett Mehnert am 6. Januar 2012 beschert. Von einer medizinischen Sensation war die Rede, vergleichbar einem Sechser im Lotto. Denn die Chance auf eineiige Vierlinge, also Geschwister mit identischen Erbanlagen, veranschlagen Experten mit 1:13 Millionen.

Bisher entwickeln sich Jasmin, Kim, Sophie und Laura erfreulich gut. Sie gacksen fröhlich und krabbeln zunehmend munterer durch ihren geräumigen Laufstall. Zugleich werden aber bereits Unterschiede zwischen den Schwestern sichtbar. Kim sei die agilste, Jasmin die fröhlichste und Laura die gemächlichste, verrät die Mutter. Da habe es die etwas zartere Sophie nicht immer leicht. Immerhin wog sie bei der Geburt ganze 986 Gramm, maß nur 35,5 Zentimeter. Nun bringt sie zwar auch schon siebeneinhalb Kilo auf die Waage, doch ihre Schwestern futterten sich unterdessen um die 8600 Gramm an.

Es ist ein Vollzeitjob, vor den sich die 32-jährige Friseurmeisterin seit einem Jahr gestellt sieht. Zunächst kochte sie täglich 20 Fläschchen Milch, nun folgen pro Kind bereits drei Breimahlzeiten. Sie wechselt über den Tag wenigstens 20 Windeln, wäscht, bügelt, badet die Mädchen täglich - erst zwei, dann noch mal zwei. Hierbei helfen ihr zwei Hebammen, die ein privater Verein sponsert, sowie auch Janetts eigene Mutter Petra Richter. Bei alledem verhehlt sie nicht den Stress, den ihr der plötzliche Kinderreichtum bescherte: "Eine quäkt immer. . .", erzählt sie. Und die ersten Zähne kommen auch schon durch.

Ohne Routine laufe da nichts, ergänzt der Papa. Wenn nicht längst alle Handgriffe säßen, wäre es oft kaum zu stemmen. Doch auch so koste der Vielfach-Nachwuchs Kraft, Zeit und Nerven. "Nicht alle Tage und Nächte sind schön", räumt Marcus Mehnert ein. Für ihn endet allerdings mit dem ersten Geburtstag der Mädchen die Elternzeit. Damit fährt er nun wieder jeden Morgen zur Schicht am Montageband im Leipziger BMW-Werk. Unterwegs liefert er noch Sohnemann Lucas in der Schule ab.

Während der Vater noch etwas Mühe hat, die Schwestern sicher auseinanderzuhalten, braucht Mutter Janett hierfür längst keine unterschiedlich gefärbten Strampler mehr. Sie wirkt souverän in ihrer Rolle. Auch dass die Mädchen immer mal Husten oder Schnupfen bekommen, verunsichert sie nicht. "Bei meinem großen Sohn war das nicht anders", sagt sie.

Auch Ulrich Thome registriert erfreut das Wachsen des Quartetts. Für den Chef der Frühchenstation an der Leipziger Uniklinik, auf der die Mädchen ihre ersten zehn Lebenswochen zubrachten, entwickeln sie sich "altersgerecht". Indes geht er hierbei von einem "korrigierten Alter" aus. Denn die Vierlinge waren bereits in der 28. Woche per Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Um ihre Entwicklung also adäquat zu beurteilen, müsse man jene Zeit abziehen, die sie zu früh geboren wurden, erläutert Thome.

Vergessen sind auch die anfänglichen Ängste der Eltern, als Jasmin, Kim, Sophie und Laura noch künstlich beatmet und ernährt werden mussten. Denn weder waren ihre Lungen bereits ausreichend entfaltet, noch konnten sie allein saugen und ihre Körpertemperatur halten.

Nötig geworden war die frühe Geburt durch Gefäßanomalien in der Plazenta, also dem Mutterkuchen, den sich die vier teilten. Plötzlich war der Blutaustausch zwischen den Schwestern gestört, weil eins der noch ungeborenen Mädchen mehr Blut aus der Plazenta heraus- als wieder hineinpumpte. Weil das ihr Herz zu sehr stark belastet hatte, entschlossen sich die Mediziner um Prof. Renaldo Faber vom Zentrum für Pränatale Medizin Leipzig zur frühzeitigen Entbindung. Binnen fünf Minuten waren die vier Babys auf der Welt.

Dabei war die Mehnerts anfangs nicht einmal sicher gewesen, ob sie diese komplizierte Schwangerschaft überhaupt riskieren sollten. Schließlich wollten sie lediglich noch ein Schwesterchen für Lucas. Und doch rangen sich die Eltern nach langen, eingehenden Beratungen durch, den Schritt zu wagen. "Als wir die Herzchen schlagen hörten, war es um uns geschehen", erinnert sich Janett Mehnert.

Alsbald setzte danach eine Spenden- und Hilfswelle ein. Die Leipziger Uniklinik sponsert beispielsweise alle Windeln für das Quartett. Auch ihre nun sofort zu eng gewordene Wohnung im Leipziger Stadtteil Thonberg wurde auf Initiative des Rathauses durch einen Durchbruch zur Nachbarwohnung unkompliziert vergrößert.

Knapp geht es dennoch zu in dem nun mehr siebenköpfigen Haushalt - finanziell gesehen. Längst tragen sie fast alle täglichen Kosten selbst. Und das sei nicht ohne, berichten die Eltern. Allein der doppelstöckige Vierlingskinderwagen schlage mit 2500 Euro zu Buche. Auch ein achtsitziger Van, der dem bisherigen Auto wich, muss nun über Jahre finanziert werden.

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