"Eine Auszeit tut manchmal gut"

Gleich dreifach ist Marie Bäumer zu Beginn des Fernsehjahrs 2013 zu sehen, unter anderem in der Familiensaga "Das Adlon". Ein Gespräch mit der Schauspielerin über ihre verschiedenen Rollen.

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Marie Bäumer spielt in "Der letzte Weynfeldt" nach dem Roman von Martin Suter die verführerische Lorena. Foto: ZDF / Christian Lanz

Frau Bäumer, Sie sind Anfang Januar gleich in drei großen Produktionen hintereinander zu sehen - dem Vierteiler "Adlon", dem Zweiteiler "Das andere Kind" und der Suter-Verfilmung "Der letzte Weynfeldt".

MARIE BÄUMER: Wahnsinn oder?

Bleibt das im ganzen Jahr 2013 so?

BÄUMER: Nach langer Pause nun der Bäumer-Overkill? Nein, nein. Dass jetzt all meine Filme aus dem Jahr 2012 hintereinanderweg laufen, ist reiner Zufall. Zuvor hatte ich ja ein Jahr gar nicht gedreht.

Warum?

BÄUMER: Eine Produktion, an der ich sehr hing, war geplatzt. Dann sind wir umgezogen, ich wollte mal für meinen Sohn da sein, hatte aber auch mit mir genug zu tun; diese Zeit musste ich mir mal nehmen. Und seither habe ich wieder richtig Lust zu arbeiten. Eine Auszeit tut manchmal sehr gut, dann gehen sogar vier Filme durcheinander.

Kommen sich die nicht manchmal in die Quere?

BÄUMER: Ach was, ich hab zwischendurch sogar noch ein französisches Low-Budget-Kammerspiel gedreht, was nun etwas wirklich total anderes war als dieses bombastische Hotel-Projekt. Trotzdem gerät man da nicht durcheinander. Es ist sicher schwer, sich immer wieder auf eine völlig neue Familie am Set einzulassen, aber ich wollte keins der Projekte weglassen, schon gar nicht im Kino.

Seit 2002 haben Sie sage und schreibe 30 Filme gemacht, darunter mit "Im Angesicht des Verbrechens" sogar einen Zehnteiler.

BÄUMER: So viel? Das überrascht mich jetzt selber ein wenig. Ich mache tendenziell ja vergleichsweise wenig. Aber das muss man nach Geschlecht differenzieren. Es gibt definitiv mehr gute Männerrollen. Auch übers Actionfach hinaus gibt es konsequent weniger tragende Frauenrollen.

Beklagen Sie das?

BÄUMER: Na klar! An den Schauspielschulen gibt es bloß 30 Prozent Bewerber, der Rest ist weiblich, aber schon in der klassischen Literatur stehen ihnen bis auf Lady Macbeth, Maria Stuart und vielleicht noch Romeos Julia kaum große Figuren zur Verfügung. Das setzt sich im Film fort, der so gesehen auch nur ein Spiegel der Gesellschaft ist. Dabei bewegen uns darin doch vor allem die Frauenfiguren. Als Sibel Kekilli auf der Berlinale-Bühne unter Tränen sagte, lasst mich nicht wieder sechs Jahre warten, hat sie uns allen aus der Seele gesprochen.

Neigen Schauspielerinnen bei diesem dünnen Angebot dann eher dazu, Sachen anzunehmen, hinter der Frau gar nicht steht?

BÄUMER: Unterkomplexe Figuren meinen Sie? Mag sein. Aber ich persönlich zöge zwei kleine, aber

widersprüchliche Rollen allemal der einen großen, aber einsilbigen vor. Es ist wahnsinnig anstrengend, gegen die Oberfläche anzuarbeiten. Zu wollen, aber nicht zu dürfen, frustriert ungemein.

Müssen Sie denn heute noch gegen Produzenten anspielen, die Sie als Blockfang, als Eye Candy besetzen?

BÄUMER: Das mag am Anfang mal so gewesen sein; jetzt hat es sich erledigt. Durch meine Erfahrung, aber auch mein Alter. Weil ich mittlerweile ein wenig oft auf die filigranen, abgründigen Wesen gebucht bin, wünsche ich mir im Gegenteil manchmal mehr leichtere, lustigere, auch schrulligere Charaktere.

Vor denen Ihre drei aktuellen Projekte nicht gerade strotzen. . .

BÄUMER: Na ja, beim "Adlon" gibt es doch ansatzweise Screwball-Momente; die kriegen dann eine gewisse Leichtigkeit, der ich erst mal wieder zu vertrauen lernen musste. Diese Freiheit und Lockerheit hab ich in den Jahren ein wenig verloren. Ich würde gern mehr zwischen den Genres wechseln.

Das ist schwer in Deutschland.

BÄUMER: In der Tat. Aber ich gebe mein Bestes. Moritz Bleibtreu sagte vor Jahren zu mir, man müsse den Leuten da immer wieder was vor den Bug ihrer Erwartungen knallen, und dann kam innerhalb kürzester Zeit "Der Schuh des Manitou" und "Der alte Affe Angst" raus, die unterschiedlicher nicht sein können. Das führte dann zu einer befriedigenden Verunsicherung. . .

Auch Ihre zwei Rollen Leslie und Hedda sind äußerst verschieden - die eine problembelastet und trist, die andere schillernd und lebensfroh. Steckt in einer der beiden mehr von Ihnen?

BÄUMER: Ehrlich: Damit beschäftige ich mich nicht. Es gibt da diese zwei groben Richtungen der Annäherung: das amerikanische Method Acting, also die Verschmelzung mit der eigenen Person, und die Brechtsche Schule, sich auf die Figur zuzubewegen. Letzteres ist meine Richtung. Auch wenn mich die Rolle mal mehr oder weniger berührt, habe ich privat mit keiner zu tun. Sonst droht die Gefahr der Wiederholung. Trotzdem - als Hedda in einer Szene der Mann von den Russen genommen wird, konnte ich diesen Schmerz vollends nachempfinden.

Nehmen Sie keine Figur nach Feierabend mit nach Hause?

BÄUMER: Zum Glück nicht. Nach Hause kommt allein Marie, denn diese Arbeit ist sehr anstrengend. Ich vergleiche zwei Drehstunden nach Mitternacht, in denen man ständig den Rand des Nervenzusammenbruchs darstellen soll, mit zwei Stunden Kneippkur und Sauna im Wechsel, nur dass es danach noch längst nicht zu Ende ist. Die Dynamik emotionaler Wechsel ist extrem erschöpfend, auch wenn wir Gefühle wie ein Werkzeug verwenden, mit dem ich bloß ein gutes Produkt hinterlassen will.

Wenn man es gewohnt ist, Gefühle an- und abzulegen wie ein Kostüm - kann einem das auch privat. . .

BÄUMER: Nein! Obwohl es manchmal natürlich angenehm wäre, die Wut einfach auszuziehen wie ein Hemd. Aber wenn es um die Nächsten geht und unsere ureigenen Gefühle, hat man eben keine "Hedda", aus der man wieder aussteigen kann.

Hedda klingt auch ein bisschen nach Ibsens Romanfigur Hedda Gabler, die sich Ende des 19. Jahrhunderts von männlicher Bevormundung lösen will. Wovon müssen sich Frauen heutzutage befreien?

BÄUMER: Von der Angst vor Abhängigkeit.

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