„Das traurige Lied                         macht glücklich“

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    Kátia Guerreiro. Foto: Beate Schümann Foto: 
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    Lissabon, Stadtteil Afama. Foto: Beate Schümann. Foto: 
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Fado ist Gefühl, pathetisch und herrlich traurig“, sagt die Sängerin Kátia Guerreiro. „Es mag komisch klingen“, fügt sie hinzu, „aber der traurige Song macht glücklich.“ Für sie gebe es keine bessere musikalische Form, den Gemütszustand auszudrücken. „Er ist die Stimme der Seele.“

Wir stehen am Theater São Luís, wo wir uns für einen Spaziergang auf den Spuren des Lissabon-Blues verabredet haben. In der Stadt am Tejo ist er entstanden, nur hier wird er gesungen. Kaum etwas anderes ist für Portugals Hauptstadt so symbolhaft wie das Sehnsuchtslied, das von Liebe und Tod, Fröhlichkeit und Trauer, Trennung und Wiedersehen erzählt.

Kátia Guerreiro mag die renommierte Bühne im Stadtteil Chiado, der auf einem der sieben Hügel liegt, auf denen Lissabon erbaut ist. Am Anfang ihrer Karriere gab sie in dem gründerzeitlichen Schauspielhaus die ersten Konzerte. Dass sie eine Ader für den Fado hat, entdeckte sie während des Medizinstudiums. Erst sang sie nur im privaten Kreis, bis der Gitarrist und Produzent João Veiga auf sie aufmerksam wurde. Inzwischen glänzt sie als Stern am Fado-Himmel, gehört zu den bekannten Vertreterinnen der neuen Generation wie Mariza, Ana Moura, Mízia oder Dulce Pontes.

Sie erfüllen den Traditionsgesang, der noch vor 20 Jahren in der Krise steckte, mit Leben. Sie sind fester Bestandteil der Fernsehprogramme und der heimischen Charts. Seit er 2011 zum immateriellen Welterbe der Unesco erklärt wurde, erfährt der Fado enormen Zulauf. Jeder Fadista interpretiert ihn auf eigene Weise: der eine traditioneller, die andere experimenteller. Bei aller Verschiedenheit der Interpreten, eines ist bei allen gleich: Sie verzaubern ihr Publikum mit Poesie und starken Gefühlen, lieblichem Schmerz und schmerzender Liebe.

Die ikonenhaft verehrte Amália Rodrigues (1920 - 1999) war auch für Kátia das große Vorbild. „Sie hat mich stark beeinflusst“, sagt die Künstlerin im Schatten der Theaterarkaden. Süßer als alle anderen legte die legendäre Fadista Schmerz, Schicksal und Sehnsucht in ihre Stimme. Niemand verkörperte die Volksseele zu ihrer Zeit wie sie. Eine Portion Weltschmerz war dabei, ein wenig Obsession, reichlich Nostalgie und Sehnsucht. Immer gehörten zwei Gitarren dazu, Wein, Essen, Gastfreundschaft und das intime Gefühl, unter Freunden zu sein.

Nach Amálias Tod fürchteten viele, mit ihr könnte auch der Fado gestorben sein. Stattdessen sei er moderner geworden, stellt Kátia fest, fesselnder sogar für ein Publikum, das zugleich dem Hiphop, Techno oder Boygroups huldigt. Vor allem junge Leute interessieren sich wieder mehr für diese Musik. „Die Generation nach Amália hat neue Wege geöffnet“, sagt die Sängerin zufrieden.

Musiker frischen alte Melodien auf, die früher ausschließlich für die zwölfsaitige Guitarra Portuguesa und die klassische Gitarre komponiert wurden. Jetzt kommt ein Kontrabass hinzu, mal ein Klavier, ein Schlagzeug oder eine Flöte, manchmal sogar Elektro-Instrumente. Experimentelles wird erst seit der Nelkenrevolution von 1974 gewagt.

Kátia zeigt zum Geburtshaus von Fernando Pessoa, dem bedeutendsten Existenzialisten Portugals, das gegenüber vom Theater steht. Der Dichter schrieb unter zig Heteronymen eine Fülle von Gedichten, die heute, vertont von Kátia und anderen Fadistas, vorgetragen werden. „Das kam Ende des 20. Jahrhunderts einer Revolution gleich“, sagt sie. Da stammten die Texte noch überwiegend vom Nationaldichter Luís de Camões oder lange verstorbenen Poeten. Plötzlich reimten zeitgenössische Literaten wie der Nobelpreisträger José Saramago eigens für den Fado.

Alle großen Fadistas haben namhafte Poeten, die für sie schreiben. Für Kátia texten vor allem António Lobo Antunes, ihre Kollegin Dulce Pontes und Samuel Úria. Das Wort „Saudade“ kommt in den Versen nur noch selten vor – die Vokabel beschreibt die Sehnsucht nach der vergangenen Größe Portugals, des einstigen Weltreichs heldenhafter Seefahrer.  Für Intellektuelle bedeutet das Wort Selbstbeweihräucherung und Gegenwartsverblendung.

„Wir brauchen Poesie“

„Die alten Repertoires haben mit dem modernen Menschen wenig zu tun“, sinniert Kátia unter dem von Tauben bevölkerten Denkmal des Nationaldichters Luís de Camões aus dem 16. Jahrhundert. Seine Werke stammen aus einer Zeit, als Portugal die halbe Welt beherrschte, von Europa bis Brasilien, von Afrika bis Asien.

Dennoch: Wenn sie nach Material für eine neue CD sucht, forscht Kátia immer noch zuerst im Repertoire  des portugiesischen Shakespeare. „Wir müssen ihm einen neuen Ausdruck geben“, sagt sie und setzt sich auf den marmornen Sockel des Camões-Denkmals. Nur so bleibe der Fado lebendig. Denn Schmerz, Leid, Freude, Sehnsucht sind unvergänglich. „Deshalb brauchen wir Poesie, auch die von Camões.“

Wenn Kátia nicht vor dem Mikrofon steht, ist nichts an ihr pathetisch, melancholisch, womöglich traurig. Im Gegenteil. Sie wirkt heiter, lebensfroh, unkompliziert. Die gelernte Ärztin hat zwei Kinder, führt ein ganz normales Leben. Als das jüngste vor elf Monaten zur Welt kam, gab sie die Arztpraxis auf, um mehr Zeit für ihr Privatleben und den Fado zu haben.

Wenn sie neue Aufnahmen produziert oder zu Konzerten reist, organisiert ihr Mann die Familie. „Manche der musikalischen Erneuerungen gehen mir zu weit“, betont Kátia. Sie bleibe dem klassischen Fado treu, auch wenn sie sich damit manchmal etwas allein fühle. Denn der Unesco-Titel hat den Gesang zum Trend gemacht. „Mittlerweile tritt in der Altstadt aus jeder sich öffnenden Haustür ein neuer Fadista heraus“, sagt Kátia scherzhaft. Viele Restaurants setzen Abendkonzerte aufs Programm – für Touristen. Show-Bühnen organisieren blutleere Vorstellungen wie im „Fado in Chiado“, auf Kreuzfahrtschiffen werden Amália-Songs ins Mikro gesäuselt – mit plakativem Pathos, übertriebenem Tremolo und erschlaffter Miene.

Mit Fado habe das nichts mehr zu tun, klagt die Sängerin. „Fado kann nur gelingen, wenn die Brust voll ist, sonst kann man nicht überzeugen.“ Zum Glück wird die Tradition in Lissabons alteingesessenen Fado-Restaurants bewahrt.

Von der Aussichtsterrasse auf dem Carmo-Platz, wo vor mehr als 40 Jahren der Aufstand gegen die Diktatur begann, schweift der Blick auf den gegenüberliegenden Hügel mit dem Castelo São Jorge. „Dort liegen die Anfänge Lissabons“, erzählt Kátia, lehnt sich an die Brüstung und zeigt auf das Häusermeer der alten Quartiere Mouraria und Alfama. „Da drüben soll auch der Fado entstanden sein.“

Träumerisch schaut die Sängerin weiter bis zum Tejo. „Ein großartiger Fluss“, findet sie. „Wenn du genau hinhörst, kannst du ihn Fado singen hören.“ Kátia forscht nach einer Begründung, wieso fast gleichzeitig mit der Rückkehr des Klagelieds Lissabon zur angesagtesten Partystadt Europas aufstieg. Unten am Tejoufer, zwischen dem Vorort Belém und dem ehemaligen Weltaustellungsgelände Parque das Nações, etablierte sich nach 1998 auf gut 15 Kilometern ein Neondistrikt mit Discos, Clubs, Bars, Restaurants und Cafés, das schrillste Szeneviertel der Stadt. „Die Globalisierung hat uns verändert“, analysiert Kátia. „Die Diktatur von Zahlen und Technik zwingt uns Menschen in einen Rhythmus, der Gefühle verdrängt.“

Als Gegenstück zur kalten, digitalisierten Welt hat der Fado seinen neuen Platz gefunden. Er ermöglicht die Flucht in andere Regionen. „Weil er uns das Verlorene zurückgeben kann“, glaubt Kátia. Er lässt uns innehalten, nachdenken. Der traurige Song gibt Hoffnung.“

Die Alfama auf der anderen Seite der Unterstadt sieht noch aus wie im 19. Jahrhundert. Wir gehen durch enge Gassen, beleuchtet von Gaslaternen aus Zeiten ohne Strom, auf den Gehsteigen die Obst- und Gemüseauslagen der Händler, trocknende Wäsche vor den Fenstern, unter denen sich die alte Straßenbahnlinie „28“ durch die Häuserfronten zwängt. Aus Häusern und Restaurants dringen Fadoklänge. Kátia Guerreiro singt leise mit.

Die Alfama wirkt anregend. Hier empfindet die Musikerin die Poesie, die sie in ihren Balladen schwerelos durch die Oktaven springen lässt, manchmal schrill, manchmal warm timbriert, manchmal gehaucht. „Vielleicht verspüre ich die Intensität, weil ich als Ärztin die Leiden und Ängste der Menschen verstehe.“ Als sie noch praktizierte, sagte sie oft: „Am Tage kuriere ich Körper, am Abend Seelen.“ Passanten erkennen sie, grüßen oder nicken ihr freundlich zu. In einer der Gassenecken entdeckt sie ein Lokal, das den Namen ihrer ersten CD trägt, die sie 2001 aufgenommen hat: Fado Maior. Sie strahlt.

Warum diese Frohnatur bloß so traurige Lieder singt? Weil das Leben nun einmal nicht nur fröhlich sei, sagt sie. Man könne das Gute nur verstehen, wenn man auch das Gegenteil fühle. „Wir Portugiesen sind eigentlich kein trauriges Volk, wir haben heißes Blut“, platzt es aus ihr heraus. Wenn man abends mit Freunden zusammensitzt und das Licht ausgeht, öffnen sich die Seelen und Herzen. „Dann kommt der Fado, und du kannst alles auf den Tisch legen“, sagt sie. „Du lässt los, und es geht dir gut.“nTraurigkeit kennt viele Formen. Eine davon ist Fado, eine Manifestation des Inneren, die auch heiter sein kann.

Die „28“ hält in der Nähe des Nationalen Pantheon, des portugiesischen Heldentempels, in dem die verstorbenen Größen des Landes liegen: Camões, Heinrich, der Seefahrer, der Entdecker Vasco da Gama, der Fußballer Eusébio. Auch Amália Rodrigues ruht hier, neben der Schriftstellerin Sophia de Mello Breyner Andresen (1919 - 2004) als einzige Frau. Beim Eintreten erfüllt der Gesang von Amália den hohen Raum mit fast sakralem Klang. „Es ist selten, dass ich ihr so nah bin“, sagt Kátia am Sarkophag des Idols bewegt. In goldenen Lettern ist der Name der berühmten Fadista im Marmor verewigt. In einer Vase steht ein Strauß Blumen.

Es ist spät geworden. Kátia muss noch zu Proben ins Studio. Die Abendsonne legt einen milden Glanz auf die roten Ziegeldächer, als hätte Lissabon Rouge aufgelegt. Bald gehen in den Straßen die gusseisernen Laternen an. Eine ideale Einstimmung auf die Romantik der Nacht – und die gesungene Melancholie.

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