„Blanke Haut verliert ihre Unschuld“

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Nacktbaden ist an der Ostsee nichts Ungewöhnliches.  Foto: 

Else Buschheuer hat ein Herz für FKK, die Freikörperkultur. Und für Gregor Gysi. Zumindest startet die Schriftstellerin auf Twitter den Versuch, per Hashtag #nacktfuergysi einen Trend auf dem Kurznachrichtendienst zu starten. Sie selbst geht voran – und postet ein Foto vom Strand, hüllenlos am Horizont. Doch kaum ein Nutzer folgt ihrem Beispiel. Damit scheint Twitter einen Beleg für das zu liefern, was der Linken-Politiker Gysi medienwirksam beklagt: Die Freikörperkultur ist auf dem Rückzug.

Der 69-Jährige bedauert das im „Playboy“. In der „Bild“-Zeitung, die Gysi zum „Nacktivisten“ erklärt, legt er nach. Die Zeit sei reif, FKK wieder auszudehnen: „Da kann der Westen was vom Osten lernen.“ Stirbt FKK ausgerechnet in den Zeiten aus, in denen sogar langjährige Tabus wie Strümpfe in Adiletten zu ­Fashion-Trends erklärt werden?

„FKK ist sicherlich nicht totzukriegen, das ist die gute Nachricht“, sagt Konrad Weller, Professor für Sexualwissenschaft an der Hochschule Merseburg. Allerdings gebe es einen Wandel. Er habe in mehreren Studien festgestellt, dass der öffentliche wie auch der familiär-private Umgang mit dem Nacktsein im Osten Deutschlands seit der Wiedervereinigung verhaltener geworden sei. „In den letzten Jahren der DDR hatten 90 Prozent der Jugendlichen FKK-Erfahrungen. Im Jahr 2013 war es nur noch die Hälfte“, sagt Weller. Die dauerpräsente mediale Nacktheit sorge dafür, dass die leibhaftige Variante wieder beschämender aufgenommen werde, sagt Weller. Blanke Haut verliere ihre Unschuld. Der Blick sei ein anderer als in der entspannten und breit gelebten FKK-Kultur der DDR, die heute viele Heranwachsende nicht mehr erlebten.

Eine Frage der Definition

„Die Vorstellung, Nacktheit zu sehen, ohne dabei erregt zu sein, fehlt“, betont der Forscher.  Einen sensibleren Umgang mit Nacktheit gebe es aber auch wegen des seit einigen Jahren allgegenwärtigen Filmens und Fotografierens. FKK sei zunächst einmal eine Frage der Definition, sagt der Präsident des Deutschen Verbands für Freikörperkultur (DFK), Herbert Steffan. „Wenn es um die geht, die bei Gelegenheit mal nackt in den Badesee springen, dann reden wir von Millionen.“ Und dann gebe es den harten Kern, der Sommer wie Winter die Freikörperkultur pflege. In den insgesamt 135 Vereinen in Deutschland frönten knapp ­ 35 000 Fans hüllenlos ihren Hobbys – von Volleyball, über Tischtennis, Saunagängen oder eben Schwimmen. Und die meisten Vereine gebe es im Westen Deutschlands. FKK, gar keine klassische Ost-Tradition?

Doch, sagt Steffan. Die ersten Vereine für Freikörperkultur seien um 1900 entstanden, in der Zeit des Nationalsozialismus’ wurden sie aufgelöst. Im geteilten Deutschland sei FKK im Osten einfach wirklich frei und überall gelebt worden. Im Westen wurde sie laut Steffan auf die Vereinsgelände der FKK-Anhänger verbannt. „Bis heute fassen wir im Osten kaum Fuß, weil die Menschen sagen: Warum soll ich eintreten? FKK kann ich überall machen.“

DFK-Präsident Steffan sagt: „Solange sich keiner daran stört, kann man auch an nicht extra ausgeschilderten Stränden und Seen nackt baden gehen.“ Sieht Gysi die ostdeutsche FKK-Leidenschaft also übertriebenerweise als bedroht an? Sexualwissenschaftler Weller sieht darin eher ein weiteres Kapitel in einer ewigen laufenden Diskussion. „Es ist ein Running Gag des deutsch-deutschen Zusammenwachsens, dass wir auch 27 Jahre nach der Wende noch Eigenheiten propagieren – und da gehört FKK dazu.“

Auf Twitter entpuppte sich dann auch Gysi als zurückhaltender Kämpfer für das Baden ohne alles. Else Buschheuer hatte den Linken-Politiker aufgefordert, sich an #nacktfuergysi zu beteiligen. Statt eines Fotos postete die Schriftstellerin einige Stunden später einen Screenshot einer an sie privat gesendeten Antwort: „Liebe Else, auf dem Bild bist du ja kaum zu erkennen. Das ist ja Schummel. Ich mache es erst, wenn es auch Angela Merkel macht. Liebe Grüße Gregor.“

Ihr Zentrum hatte die FKK-Kultur in der DDR an der Ostsee. Dort gibt es nach wie vor viele FKK-Strände, sagt Katrin Hackbarth vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern. Allein elf von ihnen auf Usedom, sieben auf Rügen. „Es kommt hinzu, dass sich die Gäste auch nicht immer nach den Schildern richten.“ An vielen Stränden gebe es weiterhin ein friedliches Miteinander zwischen Angezogenen und Nackten. dpa

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