Wer ist Barbara?

In vielen deutschen Städten finden sich immer wieder Zettel mit bissigen Botschaften auf Schildern und Graffities. Wer hat sie verfasst?

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Eines der aufwendigeren Pappschilder von „Barbara.“, auf einem Zaun am Boxhagener Platz in Berlin angebracht.  Foto: 

Zettel, Kleber und klare Worte:  „Barbara.“ klebt ihre Botschaften an Laternenmasten, Stromkästen und Zäune, auf Verbotsschilder, Graffiti und Aushänge. Es sind Reime und Slogans zu politischen Entwicklungen. Oder  einfach nur alberne Sprüche.

Weiße Buchstaben auf schwarzem Hintergrund: Die meisten Zettel sind schlicht gestaltet, der Inhalt hat es in sich: politische Statements, freche Sprüche, Wortspiele. Unterschrieben: Barbara. Doch wer ist das? Der Künstler oder die Künstlerin hält sich bedeckt.

„Barbara.“ – mit Punkt – ist ein deutschlandweites Streetart-Phänomen. In vielen Städten tauchen seit etwa drei Jahren ihre Pappschilder auf. Die Kommentare zu öffentlichen Aussagen kommen gut an. Besonders Botschaften mit rassistischem oder diskriminierendem Inhalt setzt „Barbara.“ etwas entgegen. Mehr als 600.000 Menschen mögen ihre Facebook-Seite.

Geklebt wird morgens

Niemand hat „Barbara.“ je kennengelernt. Niemand weiß, wie sie aussieht, ob sie männlich, weiblich oder mehr als nur eine ist. Telefonieren mag sie nicht, einem Chat stimmt sie zu. Sie will anonym bleiben: „Ich möchte, dass meine Arbeit unabhängig von meiner Person betrachtet wird. Außerdem will ich mein Privatleben schützen.“

Ihre Kunst ist flüchtig, und „Barbara.“ findet das gut. „Ich mag die Vergänglichkeit meiner Arbeit.“  Die Zettel, mit doppelseitigem Klebeband geklebt,  verschwinden schnell,  im Netz leben sie weiter. Das sei eine perfekte Ergänzung, schreibt sie im Chat. „Auf der Straße kleben meine Botschaften oft nur wenige Stunden oder Tage, aber durch die Fotografie und das Internet, bleiben sie konserviert. Die Straßen sind mein Arbeitsplatz, die sozialen Netzwerke meine Galerie.“

Zum Kleben geht  die Künstlerin am liebsten  morgens gegen halb zehn. Da beachte sie niemand. Vor allem in Berlin nicht. In Heidelberg, wo sie zeitweise lebt, sei es schwieriger.

Die Faszination am Kleben und daran, sich im öffentlichen Raum einzumischen, hat in der Kindheit angefangen. Barbara war mit ihrem Opa spazierengegangen. Er sah an einer Hauswand ein hingeschmiertes Hakenkreuz und erklärte ihr, für welchen Schrecken das steht, und versuchte, es mit Taschentuch und Spucke wegzuwischen. Es gelang ihm nicht. „Also nahm ich zu unserem nächsten Spaziergang ein Stück Papier mit, auf das ich eine lachende Sonne gemalt hatte, und klebte das über das Hakenkreuz. Da hat mein Opa gelächelt und mich überschwänglich gelobt.“

Sie beschloss,  das öfter zu machen. In der Schulzeit habe sie vor allem Klowandsprüche kommentiert. Wenn da stand: „Saskia du fette Sau!“ schrieb sie: „Saskia ist ein lieber Mensch und meine Freundin. Sie ist wunderschön!“

Ein „Bekleben verboten!“- Schild kommentierte sie mit: „Dieser Befehlston verletzt meine Gefühle.“

Sie schlendert durch Städte, reflektiert und reagiert. Sie findet, der öffentliche Raum sei mit Botschaften überfüllt.  Einerseits mit den Werbetafeln, andererseits mit den vielen Verboten und Geboten.  „Meist in sehr unfreundlichem Befehlston gehalten, wie zum Beispiel ,Eltern haften für ihre Kinder!’ Dem versuche ich etwas entgegenzusetzen und meine Meinung in den öffentlichen Diskurs einzubringen.“

Von Medien wurde sie bereits als der deutsche Banksy gefeiert. Doch das gefalle ihr gar nicht, sagt sie. „Banksy ist Banksy. Ich bin Barbara.“

Doch „Barbara.“ hat nicht nur Fans. Auch sie ist zuweilen Opfer von Hassangriffen im Netz. Aber „ich versuche in aller Regel, meine Meinung und Kritik freundlich oder auch humorvoll einzubringen. Die Weltpolitik lässt sich nicht mit Witzen regeln, aber Humor kann vieles entschärfen. Genau das ist mein Plan.“

Den Grimme-Online-Award hat „Barbara.“ 2016 erhalten. Die Jury lobte ihre „gelungene ironische und konstruktive Kritik“. Sie erschaffe eine „sympathische Gegenöffentlichkeit“. Diese findet immer mehr Einzug auch in die Unis, wo über ihre Kunst Bachelor- und Masterarbeiten entstanden.

Eine Auswahl ihrer Werke hat Barbara in zwei Büchern veröffentlicht: „Dieser Befehlston verletzt meine Gefühle“ und  „Hass ist krass. Liebe ist krasser“  veröffentlicht. stoj

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