Witzchen gefällig? No, thank you
London. Die Briten schätzen deutsche Urlaubsgäste. Sie gelten als höflich, korrekt und sprachbegabt. Versuche von Deutschen, witzig zu sein, werden in der Hochburg des Humors allerdings als gar nicht amüsant empfunden.
. "Es ist einfach unglaublich, wie sich die Deutschen bei uns aufführen", wundert sich Hugh Baker. "Sie sind höflich, liebenswürdig, kultiviert und sehr an Land und Leuten interessiert. Zudem sprechen die meisten gut Englisch. Da können sich selbst Japaner noch eine Scheibe abschneiden, ganz zu schweigen von den Franzosen." Der Gemeinderat von Bathford hat natürlich auch andere Erfahrungen mit deutschen Touristen in Spanien und Griechenland gemacht, wobei ihm das Verhalten seiner Landsleute freilich ebenso peinlich war.
Die Deutschen hingegen, die auf der britischen Insel urlauben, sind in aller Regel höchst "anglophil" und verhalten sich auch dementsprechend. Dies zeigt sich auch in der Rangliste der weltweit beliebtesten Urlauber, die ein internationales britisches Reiseunternehmen regelmäßig aufstellt. Hier stehen die Deutschen seit Jahren an der Spitze, während die Briten weit abgefallen den Schluss bilden.
Im Stechschritt mit Hitlergruß brüllt der englische Hotelbesitzer die deutschen Gäste an: "Wir dürfen den Krieg nicht erwähnen." Diese Pointe des chaotischen Komödianten John Cleese wurde zum geflügelten Wort, das auch bei den italienischen Ausfällen in England häufig zitiert wird. Die meisten Briten sehen diese Episode in der klassischen TV-Komödie "Fawlty Towers", wie sie gemeint war: als Satire auf dumme, neurotische Vorurteile. Solche "Kriegsanleihen" sind heute in Großbritannien fast verschwunden. Laut den Meinungsumfragen gelten die Deutschen als besonders "tüchtig", "korrekt", "umweltbewusst" und "demokratisch". Freilich mangelt es ihnen an Humor, den die Briten für die stärkste Seite ihres Nationalcharakters halten. Deutsche Touristen, die die Gastgeber vom Gegenteil überzeugen wollen, stoßen dabei oft ins Leere. Frotzeleien und Ironie von deutscher Seite werden von den Briten bierernst genommen, weil man es den Deutschen einfach nicht abnimmt, dass sie auch einen "sense of humour" haben.
Andere Missverständnisse entstehen aus unterschiedlichen Gepflogenheiten: "Ich muss manchen deutschen Gästen klarmachen, dass in Pubs prinzipiell sofort am Tresen bezahlt wird; nicht, weil ich ihnen nicht traue", lächelt der Wirt Jack Fenton. Seit das Pfund in den Keller rasselte, bestellen deutsche Gäste auch ein Bier mehr als früher und sind deshalb umso mehr in den Pubs willkommen. Höflichkeit ist auch das wichtigste Reisegepäck für die Besucher und man kann gar nicht genug "thank you" sagen. Dazu gehört natürlich auch, dass man sich brav in die Schlange vor Bushaltestellen, Theater, Kino und am Tresen des Pub anstellt. Das automatische Händeschütteln wie in Deutschland ist allerdings verpönt. Es geschieht allenfalls bei der ersten Vorstellung und beim Abschied. Sicherheitshalber sollte man jedoch nur Hände schütteln, wenn sie einem entgegengestreckt werden.
Es gehört zum guten Ton, dass man seine Gesprächspartner nicht mit persönlichen Problemen und traurigen Geschichten langweilt. Diskussionen über Politik oder gar Religion sind eine gesellschaftliche Todsünde. Lautstärke und langatmiges Gerede ist ebenfalls verpönt. Wer nach Wales und Schottland fährt, sollte es tunlichst vermeiden, die Einheimischen dort als "Engländer" zu bezeichnen. Gastgebern macht man mit einer guten Flasche deutschen Weins eine besondere Freude.
Um die Reisekasse in dem teuren Urlaubsland zu entlasten, empfiehlt es sich auch bei Kurzbesuchen die Jahres- oder Touristenpässe zu kaufen, die viele Organisationen anbieten. Mit einem Familienpass von "National Heritage" kann man beispielsweise tausende von Schlössern und Parks dann kostenlos besuchen. Für den "Buckingham Palast" fordert die Queen freilich Eintritt. Wer ihr dort begegnen sollte, darf sie schlicht mit "Maam" ansprechen.
Deutsche Autofahrer gewöhnen sich dank dem Einfädeln bei den vielen Verkehrskreiseln schnell an den Linksverkehr. Bei englischen Mietautos hingegen rütteln deutsche Fahrer zunächst an der Türklinke, wenn sie den Gang wechseln möchten. Hoffentlich nicht gewöhnungsbedürftig sind die saftigen Geldbußen bei Verkehrsübertretungen. Großbritannien ist der größte Überwachungsstaat der westlichen Welt. Verkehrskameras lauern an jeder Ecke und ganze Heerscharen von "Traffic Wardens" durchkämmen die Straßen und Parkplätze, um die sündhaft teuren Strafzettel unter den Scheibenwischer zu klemmen. Wer erwischt wird sollte sofort zahlen, sonst verdoppelt oder verdreifacht sich der Betrag- der übrigens auch im Rahmen der Amtshilfe nach der Reise zurück in Deutschland eingetrieben wird.
Die deutschen Vorurteile gegen die britische Küche sind längst überholt und es funkeln jetzt im Vereinigten Königreich vermutlich mehr Michelin-Sterne als in der Bundesrepublik. Die große Spezialität der britischen Küche sind die Aufläufe in pikanter oder süßer Variante ("pies" und "puddings"). Für deutsche Gaumen sind wohl die indischen Restaurants die größte Offenbarung. "Chicken tikka masala" hat mittlerweile die "Fish and Chips" als traditionelles Nationalgericht auf den zweiten Platz gedrängt. Kleidungsmäßig wiederum kann man in Großbritannien als Deutscher kaum auffallen, es sei denn, man trägt Lederhosen.
Wer edle Klamotten zum Spottpreis erwerben will, sollte unbedingt die Läden der wohltätigen Einrichtungen besuchen, die es selbst in jeder Kleinstadt gibt. Hier kann man auch äußerst günstig allen Krimskram als Reiseandenken kaufen. Noch billiger sind die privat organisierten "jumble sales" und die "car boot sales", die vor allem eine Fundgrube für Deutsche Besucher sind, die sich mit englischen Büchern eindecken wollen.
In dem multikulturellsten Land Europas fällt man als deutscher Tourist kaum auf. Die Psychologin Gillian Luscombe hat jedoch einen Tipp, wie man Deutsche selbst auf den meilenweiten Stränden von Dorset herausfiltern kann: "Deutsche Kinder zeichnen sich durch ihren quengeligen Normalton aus: Man meint, sie bekämen eine Tracht Prügel, dabei wollen sie nur ein Eis."
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Autor: HENDRIK BEBBER | 06.09.2010
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Es gibt nicht nur "Fish & Chips" aus der Tüte: Die deutschen Vorurteile gegenüber der britischen Küche gelten als längst überholt. Foto: Fotolia
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