Selbstverteidigungs-Trainer im Interview: "Alles ist erlaubt, was wehtut"

Nach den sexuellen Angriffen und Diebstählen an Frauen in der Silvesternacht in Köln häufen sich die Strafanzeigen. Wie man sich in einer solchen Situation am besten wehren kann, erklärt Selbstverteidigungs-Trainer Alexander Schuster im Interview. Mit einer Bildergalerie, die Griffe und Tricks zeigt.

EVA-MARIE MIHAI | 4 Meinungen

Was ist die beste Selbstverteidigung?
ALEXANDER SCHUSTER: Sich nicht in brenzlige Situationen begeben. Der beste Weg zu kämpfen ist, nicht zu kämpfen. Wenn man ein unangenehmes Bauchgefühl hat, sollte man darauf hören. Voraussehbare Brennpunkte würde ich immer meiden. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass da eine Gruppe Halbstarker herumsteht, die schon von der Körpersprache her provokativ unterwegs ist, dann halte ich mich möglichst fern. Das ist ja ganz normal. Man versucht ja auch nicht, eine Straße an der belebtesten Stelle zu überqueren.

Also einen provokativen Spruch als Frau am besten überhören?
SCHUSTER: Nein. Besser ist man aufmerksam, schaut den Gegner an und zeigt so, dass man ihn bemerkt hat. Und am besten sofort "Stop. Nein." sagen und zweifelsfrei klarmachen, dass man kein Interesse an ihm hat.

Und wenn man doch in eine gefährliche Situation gerät?
SCHUSTER: Vor allem als Frau sollte ich mir dann bewusst sein: "Jetzt wird es ernst!" Einen freundlichen Annäherungsversuch kann ich dann nicht freundlich entgegnen. Schon bei der ersten Annäherung sollte man sagen, dass man nicht will. Ernst und bestimmt - ohne zu lächeln.

Was, wenn die Angreifer als Gruppe auf einen zukommen?
SCHUSTER: Versuchen, der Situation zu entkommen, also wegzurennen. Wenn man selbst ebenfalls in der Gruppe unterwegs ist, Rücken an Rücken stehen und sich gegenseitig den Rücken frei halten. 

Wie reagiert man am besten auf Übergriffe?
SCHUSTER: Ein vehementes Auftreten ist sehr wichtig. Laut schreien, auf die Situation aufmerksam machen. Man sollte konsequent und selbstbewusst handeln. Keine Hemmungen oder Scham zeigen.

Hat man als Frau eine ernsthafte Chance gegen Männer?
SCHUSTER: Man muss von dem Bild wegkommen, eine arme, schwache Frau zu sein und darf sich nicht in der Opferrolle sehen. Frauen sollten vor allem in solchen Situationen Selbstbewusstsein ausstrahlen und dürfen nicht die Situation still über sich ergehen lassen, sondern laut schreien. Es gibt dieses Bild der Löwin, der man versucht, das Baby wegzunehmen. Die zerfleischt unter Umständen ein ganzes Rudel.

Wie überträgt man das dann auf eine Frau?
SCHUSTER: Kratzen, Beißen, Spucken, egal was. Die Hemmung sich zu wehren, den Gegenüber zu berühren um ihm wehzutun, muss weg. In's Schienbein treten oder in die Genitalien - in einer ernsthaften Situation ist alles erlaubt, was wehtut. Schon jemandem ins Gesicht zu spucken, kann einen Überraschungsmoment schaffen, in dem man fliehen kann.

Also ist vieles Einstellungssache?
SCHUSTER: Ja. Wenn ich mir nicht vorstellen kann, den Gegner zu besiegen, dann ist es unwahrscheinlicher, dass mir das tatsächlich gelingt, als wenn ich den Gegner im Kopf schon auf dem Boden sehe. 

Welchen Griff  wendet man in einer solchen Situation am besten an?
SCHUSTER: Es gibt die Möglichkeit, sich mit einfachen Techniken eine Selbstsicherheit aufzubauen, die in einer solchen Situation helfen kann. Aber wichtig ist, dass man sich dann trotzdem nicht für unbesiegbar hält.

Haben Sie konkrete Beispiele?
SCHUSTER: Vor allem mit langen Fingernägeln ist es schon sehr wirkungsvoll, mit der offenen Hand Krallen zu machen und auf das Gesicht des Gegners zuzugehen. Niemand wird dann da seine Augen reinhalten wollen. Oder einfach eine banale Ohrfeige, die übrigens sowieso wirkungsvoller als ein Fauststoß ist. Aus dem Handgelenk heraus eine Peitschenbewegung auf das Ohr zu machen - es ist erwiesen, dass das einen psychologischen Effekt auf den Gegner hat. Es knallt und unter Umständen kann sogar das Trommelfell reißen.

Aua. Worauf kann man sonst noch so zielen?
SCHUSTER: In den Mund fassen, in die Nase oder die Augen fassen. Mit beiden Händen links und rechts auf die Ohren schlagen. Mit drei Fingern an den Kehlkopf greifen, oder einfach die Hand des Angreifers packen und die Finger auseinander reißen oder umbiegen.

Gibt es geeignete Hilfsmittel?
SCHUSTER: Ich finde, dass Frauen Trillerpfeifen und Pfeffersprays mit sich tragen sollten. Aber auch einfach einen Schlüsselbund an einer langen Schnur zu schwenken oder zwei Schlüssel zwischen die Finger einer geballten Faust zu stecken, zeigt schon, dass das Opfer vorhat, sich zu wehren. Oder eine zusammengerollte Zeitung - es gibt fast nichts Stabileres als eine gerollte Zeitung. Damit könnte man auch Messer abwehren.

Wie verhält man sich, wenn man mit richtigen Waffen bedroht wird?
SCHUSTER: Am besten: Wegrennen, wenn das geht.

 

Qi Gong und Tai Chi Chuan

Der Ulmer Alexander Schuster ist 57 Jahre alt und hat in seiner Laufbahn unterschiedliche Kampfsportarten erlernt. Der Trainer für Kampfkunst und Gesundheit gibt Selbstverteidiguns-Kurse im Raum Ulm und unterrichtet die Kampfsportarten Qi Gong und Tai Chi Chuan.

4 Kommentare

07.01.2016 19:54 Uhr

Trickser

Gemessen an der aktuellen Situation, auf die ja bewusst Bezug genommen wird, läßt der Beitrag jeglichen Realitätssinn vermissen. „Sich nicht in brenzlige Situationen begeben.“? Dann also gleich zu Hause bleiben! Fehlt am Ende nur noch: selber Schuld!? Ist das die praktische Antwort der SWP auf die Vorfälle in Köln?

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07.01.2016 18:55 Uhr

Grundsätzlich tolle Tipps

aber nicht anzuwenden gegen das was sich anscheinend in Köln und an anderen Orten abgespielt hat.

Durch die hohe Anzahl an Tätern konnte ja nicht mal die Polizei wirklich eingreifen.
Wie soll sich dann eine einzelne Frau oder Mann gegen 10++ Gegner wehren?

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07.01.2016 23:09 Uhr

auch der kleine Waffenschein

Der kleine Waffenschein ist auch "voll im Trend" und das im Land, das alle Waffen als Teufelszeug ablehnte.

Die meisten Bürger sehen sich körperlich unterlegen gegen die "Schutzsuchenden" aus Syrien, die in Köln in Gewahrsam genommen wurden, zumal man hier immer Gruppen als Gegner hatte.
Es waren selbst die Poizisten überfordert, da viele Kollegen wegen des Flüchtingsstroms an die Grenze beordert waren.
Die Angst der Bevölkerung wird nicht kleiner, nachdem die politisch motivierte Informationsblockade rund um die Kölner Vorfälle heute Abend in sich zusammengeklappt ist.

Der Tip mit der Zeitung ist allerdings gut, so dass die Werbestände diverser Tageszeitungen zukünftig auch als Abgabestationen möglicher Verteidigungsmittel gesehen werden können.

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07.01.2016 18:10 Uhr

WOW! Was für ein goldener Ratschlag!

"Versuchen, der Situation zu entkommen, also wegzurennen"

Alexander Schuster weiß schon das Vierbeiner in so einem Fall dem ängstlichen Opfer erst Recht hinterherjagen?

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