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Sat1, das Dickschiff mit dem dünnen Profil

RTL hat Günther Jauch, das "Erste" seinen "Tatort", das ZDF starke Filme, Pro 7 Stefan Raab. Aber wen oder was hat Sat 1 für Quoten? Nach und nach haben die großen Namen und Marken den Sender verlassen.

Britt Hagedorn war die letzte tägliche Talkerin im deutschen Fernsehen. Zwölf Jahre lang hat sie auf Sat 1 mit ihren Gästen über Fremdgehen, Eifersuchtsdramen, Vaterschaftstests und Körperhygiene geplaudert. Die letzte Mohikanerin ihres Genres verschwindet zur Jahresmitte vom Bildschirm. Die Quoten, die Quoten.

In Hagedorn verliert der Münchner Privatsender eines seiner letzten bekannten Gesichter. Viele Experten fragen sich: Wohin steuert Sat 1, wofür steht Sat 1? Der Sender ist mit gut acht Prozent Marktanteil noch das stärkste Mitglied im ProSiebenSat1-Verbund.

Der Medienexperte Bernd Gäbler, früher Leiter des Grimme-Instituts, bescheinigt Pro7 im Rahmen des Verbunds "mit vielen US-Serien und Programmen aus der Schmiede von Brainpool ein klares, jugendliches Profil". Kabel1 habe es "als Spielfilmsender für die Oldies oder Sixx als einigermaßen flotter Frauensender. Sat 1 soll das Dickschiff in der Flotte sein - der Sender für alle ist tatsächlich aber ein Sender für niemanden so richtig."

Sat 1 hatte noch vor kurzem versucht, bewährte Kräfte wie Ulla Kock am Brink ("Die perfekte Minute") und Linda de Mol ("The Winner is . . .") als Sendergesichter zu aktivieren. Doch auch sie wurden von der Quotenseuche befallen.

Cheftalker Harald Schmidt, der reihenweise Fans verlor, hat den Sender in Richtung Sky verlassen, die Champions League wanderte für 50 Millionen Euro an das ZDF, selbstproduzierte Serien wie "Der Cop und der Snob" scheiterten reihenweise, die Model-Castingshow "The Million Dollar Shootingstar" scheiterte. Die Richterin Barbara Salesch ging in den Ruhestand, die Psychologin Angelika Kallwass rutschte ins Quoten-Tief und muss aufhören.

Die Reihe lässt sich mühelos fortsetzen: Selbstproduzierte Filme am Dienstag haben kaum noch Akzeptanz: 1,38 Millionen Zuschauer für "Zur Sache, Macho" am vergangenen Dienstag entsprechen der Größenordnung einer RTL-2-Dokusoap und nicht dem Anspruch eines Senders, der in der ersten privaten Liga mitspielen will und nicht wie RTL 2 in der zweiten.

Auch der Zuspruch für die als Eventfilm angekündigte Satire "Der Minister" fiel mit 4,44 Millionen Zuschauer vergleichsweise mau aus. Ganz zu schweigen vom Stalkerdrama "Der Feind in meinem Leben" mit der Eisläuferin Katarina Witt; es zog nur 1,7 Millionen Zuschauer an.

"Es fehlt an Profil", sagt Gäbler. "Früher gab es einmal ,ran, Schreinemakers, wunderbare Filme wie ,Tanz mit dem Teufel, ,Wambo oder ,Das Wunder von Lengede. Heute sind da allenfalls noch ,Danni Lowinski und ,Der letzte Bulle. Sat 1 sei ein Vollprogramm ohne Nachrichten, die man für voll nehmen kann.

"Manche Eigenproduktion riecht nach einem gewollten Programm für die ganze Familie", sagt Gäbler. "Die versammelt sich aber kaum noch im Halbkreis um den Bildschirm. Die Kleinsender funktionieren - sie kreisen aber um einen Hohlkörper in der Mitte der ProSiebenSat1-Gruppe."

Die medialen Gewohnheiten des Publikums haben sich geändert. War das Potpourri-Magazin "Schreinemakers" früher hip, ist es jetzt für jüngere Leute das Netz. Das trifft vor allem alteingesessene Anbieter.

Seit Herbst 2012 ist der TV-Profi Nicolas Paalzow, früher ProSieben-Chef, Geschäftsführer von Sat 1. Mit ihm soll sich der Sender wandeln. "Dass wir generell an neuen Formaten für unseren Nachmittag und den Vorabend arbeiten, ist kein Geheimnis", sagt die Sat 1-Sprecherin Diana Schardt. "Wir haben Ende letzten und Anfang dieses Jahres so viele Produktionen angestoßen wie noch nie. Im Moment arbeiten wir an über 40 Formaten, die wir in diesem Jahr einsetzen."

Deutsche Fiction läuft nach Sat1-Auffassung gut. Kein anderer privater Sender investiere so viel in eigene Produktionen wie Sat 1 und habe mit dem Dienstagabend einen seit Jahren festen Sendeplatz. Serien wie "Der letzte Bulle" und "Danni Lowinski" liefen gut.

Dennoch: "Leider haben die Zuschauer uns bei den drei Serien-Neuentwicklungen im letzten Jahr eine klare Absage erteilt", sagt Schardt. "Aber wir wissen: Es kann funktionieren. Deswegen arbeiten wir natürlich weiterhin an neuen Serienentwicklungen." Mit "vollem Einsatz" arbeite Sat 1 an der "Daytime und Access Prime" am Vorabend. "Und unsere an vielen Abenden sehr gut funktionierende Prime Time stärken wir zusätzlich mit neuen Formaten aus den Bereichen Reality, Factual und Entertainment."

Am 5. April startet die Kinder-Castingshow "The Voice Kids" - zwei weitere Showreihen am Freitagabend sollen folgen. Und irgendwann in diesem Jahr kommt die internationale Krimi-Koproduktion "Crossing Lines" in zehn Folgen. Ob diese Neuheiten wirklich Innovationen sind, wird sich zeigen.

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