Roy El-Halabi: Kein Blick für die Tochter
Berlin. Für die Schüsse auf seine Tochter, die Ulmer Boxweltmeisterin Rola, und zwei Wachmänner muss der 44-jährige Roy El-Halabi ins Gefängnis. Das Berliner Kriminalgericht verurteilte ihn zu sechs Jahren Haft.
Als der Prozess vorbei ist, dreht sich Roy El-Halabi zum Zuschauerraum herum und winkt. Er winkt einem Freund zu, der wie an allen vorangegangenen sieben Verhandlungstagen auch zur Urteilsverkündung dabei ist. Nie zuvor hat der Angeklagte ihm zugewinkt. Eine Geste, die gerade jetzt völlig fehl am Platz wirkt und doch so gut passt zu dem ehemaligen Boxmanager, zu dem Macher und Bestimmer, der auf seine eigene Tochter schoss, für die er doch zuvor alles, was sich nur tun ließ, getan hatte.
Die Tochter sitzt zusammengesunken wenige Meter entfernt auf ihrem Stuhl. Sie ist allein. Weder Freund noch Mutter oder Schwester haben sie zu dem Termin begleitet. In der Hand hält sie ein zerknülltes Taschentuch, mit dem sie sich immer wieder die Tränen trocknet.
Vater und Tochter vermeiden Blickkontakt. Noch lange sind sie nach dem Urteilsspruch mit ihren Anwälten allein in dem großen Saal des Berliner Kriminalgerichts, denn Rola will den Journalisten nicht begegnen. Aber Vater und Tochter sprechen nicht miteinander.
Unmittelbar nach den Schüssen im April hat Roy El-Halabi seine Tochter um Verzeihung gebeten. Aus der U-Haft in Berlin-Moabit schrieb er den beiden Wachleuten, die er ebenfalls verletzt hat, Entschuldigungsbriefe. Jeden Zeugen, der vor Gericht auftrat und an dem er sich schuldig gemacht hatte, bat Roy El-Halabi um Verzeihung.
Nur Rola, die er am schwersten verletzt hat, wartet auf echte Reue. Sie hasst ihren Vater und wird ihm nie vergeben, hat die 26-Jährige bereits öffentlich gesagt. Den Mann, der einst der wichtigste Mensch in ihrem Leben war, den sie geliebt hat, den sie "Papa" nannte. Er hat ihr Leben zerstört, das der ganzen Familie und sein eigenes.
Noch immer zeigt Roy El-Halabi keine Einsicht in seine Schuld. Mehr Selbstmitleid denn Reue machten sowohl der psychiatrische Gutachter als auch die Richter bei ihm aus. Sollte er seiner Tat nicht bald mit der "nötigen Selbstkritik" gegenüberstehen, warnte der Vorsitzende Richter Thomas Groß, "werden Sie die Strafe voll verbüßen".
Selbstkritik wird Roy El-Halabi wohl nur schwer aufbringen können. Er war das Familienoberhaupt, er hat bestimmt, was gemacht wird. Als Rola ihm zum ersten Mal die Gefolgschaft verweigert und sich nicht von dem Mann trennt, in den sie sich verliebt hatte, geriet sein Weltbild, sein Selbst- und Familienbild so vollkommen und so nachhaltig ins Trudeln, dass die Katastrophe nahezu unausweichlich scheint.
Vieles über die seelische Verfassung des Angeklagten ist im Prozess zur Sprache gekommen. Vom aufopferungsvollen und liebevollen Vater war die Rede, ebenso vom verletzten Ehrgefühl, von narzisstischer Persönlichkeit, von Werten, die im Orient verhaftet seien. Letztlich sind all diese Vokabeln nur Vehikel. Schlüssig erklären konnten weder der Angeklagte noch Psychiater oder Richter, warum dieser Mann so gänzlich die Kontrolle verlor.
Ob die zierliche Boxerin je wieder im Ring einer Gegnerin gegenüberstehen wird, das hängt nicht nur von der Genesung ihres Körpers ab, sondern auch und vor allem, von ihrer Psyche. "Rola hatte Todesangst", sagte der Richter Groß in der Urteilsbegründung. Dass sie nach dieser extremen Erfahrung je wieder das Selbstbewusstsein aufbauen könne, das eine Boxerin brauche, müsse sich erst noch weisen.
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Autor: DIETGARD OBERST | 15.11.2011
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Mehr Selbstmitleid als Einsicht attestierte das Gericht ihm: Roy El-Halabi während der Urteilsverkündung. Foto: dpa
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