Reiche, rüde Russen
In Kambodscha sitzt der Moskauer Baulöwe Sergei Polonski wegen Gewaltanwendung gegen einheimische Matrosen ein. Aber das ist nur ein Beispiel für die aggressive Psyche superreicher Russen.
Autor: STEFAN SCHOLL |Das Papier war aus einem Taschenkalender gerissen, die Handschrift eckig, auf den Unterschriften prangten rote Fingerabdrücke. "Während des Gesprächs wurde erklärt: 1. Verschiedene Moskauer Quellen zahlen viel Geld, damit wir drei Jahre im Gefängnis sitzen. 2. Das Außenministerium kann in keiner Weise helfen. 3. Man teilte uns in ultimativer Form mit, wir sollten schweigen. . ." Ein offener Brief an Russlands Außenminister Sergei Lawrow, verfasst vom Moskauer Millionär Sergei Polonski und zwei Schicksalsgenossen in kambodschanischer Untersuchungshaft. Pawel Seskanow, Chef der russischen Konsularabteilung in Phnom Penh, bestätigte der Nachrichtenagentur RIA Nowosti, er habe Polonski und seine Mitangeklagten am Samstag besucht, aber nichts von dem gesagt, was ihm diese unterstellen.
Sergei Polonski, 40, Ex-Dollarmilliardär, hat eine sehr originelle Sicht der Wirklichkeit. Die Vorwürfe der kambodschanischen Polizei, er und seine Freunde hätten Neujahr sechs Seeleute einer gemieteten Yacht verprügelt, mit Messern bedroht und gezwungen, über Bord zu springen, nannte er übertrieben: Man habe mit der Crew nur über ein etwas heftig geratenes Silvesterfeuerwerk diskutiert. Auch dass die Küstenwache sie in flagranti erwischte, kümmerte ihn nicht. Er habe den Matrosen, bevor er sie ins Wasser warf, ja Schwimmwesten gegeben.
Selbst im patriotischen Russland will kein rechtes Mitleid mit Polonski aufkommen. "Man muss Kambodschaner schon zur Weißglut reizen, bis sie sich wehren", kommentiert die Zeitschrift Ogonjok. Polonski, früher Bauherr des Moskauer Bürokomplex "Federazija", mit 360 Metern das höchste Gebäude Europas, wurde in der Heimat mit dem Zitat berühmt: "Wer kein Milliardär ist, gehört in den Arsch." Weil er jetzt selbst in Kambodscha einsitzt, kann Polonski nicht an dem Verfahren gegen den 1,2 Milliarden Dollar schweren Kollegen Aleksei Lebedew in Moskau teilnehmen. Dem hatte Polonski bei einer Talkshow 2011 "eins in die Fresse" angedroht, worauf Lebedew ihn selbst vom Stuhl boxte.
Auch auswärts sind Russlands Superreiche für ihre Aggressivität bekannt, zumindest für die aggressive Demonstration ihres Reichtums. "Russenpartys" in Saint Tropez und London gelten als so protzig wie prollig. Multimilliardär Michail Prochorow tauchte 2007 im französischen Wintersportort Courchevel mit so vielen blutjungen Models auf, dass alle unter Prostitutionsverdacht festgenommen wurden. Im gleichen Jahr wurde Pjotr Schukow, Sohn des amtierenden Duma-Vorsitzenden, in London zu 14 Monaten Haft verurteilt. Er prügelte bei einer Fete einen britischen Bankmanager krankenhausreif. Zwei Söhne des russisch-aserbaidschanischen Oligarchen Telman Ismailow veranstalteten - ebenfalls angetrunken - 2009 mit anderen Vertretern der Moskauer "Goldenen Jugend" bei Genf ein illegales Straßenrennen in Leihsportwagen, ein Lamborghini krachte in den VW Golf eines deutschen Rentners, der schwer verletzt wurde.
Und vor wenigen Wochen versuchte ein Supermarktmagnat aus Samara das Cockpit eines Passagierflugzeugs zu stürmen, das aus Moskau in den ägyptischen Urlaubsort Hurghada unterwegs war. "Ich vergewaltige euch alle, ich bin Elitesoldat, ich bin Abgeordneter, ich kann euch alle mit zwei Fingern umlegen", brüllte er. Es gelang dem Betrunkenen immerhin, einem Passagier die Nase zu brechen.
Polonski versucht, sein Geld in Freiheit umzumünzen. Den Matrosen boten seine Anwälte so viel Geld, dass die ihre Anzeigen zurückzogen. Er versprach dem kambodschanischen König Millioneninvestitionen in Tourismus und Strafvollzug. Aber laut kambodschanischem Gesetz muss das Strafverfahren vollendet werden. Was Polonski so erbost hat, dass er Bettwäsche und Bücher in der Zelle verbrannte.





