Prag-Touristen abgezockt

Wenn einem hierzulande die Autokennzeichen gestohlen werden, ist das ärgerlich - aber kein Weltuntergang. Anders beim Urlaub im Ausland. In Tschechien treiben "Kennzeichen-Kidnapper" ihr Unwesen.

HANS-JÖRG SCHMIDT |

Volker S. aus Dresden traute seinen Augen nicht. Drei Stunden hatte er für einen Bummel in Prag sein Auto auf einem kostenpflichtig bewachten Parkplatz abgestellt. Als er zurückkam, waren die Kennzeichen weg. Am Scheibenwischer klemmte ein Zettel mit einer tschechischen Telefonnummer. "Als ich dort anrief, sagte man mir auf Englisch, dass ich meine Nummernschilder wiederhaben könne - wenn ich 500 Euro zahle."

Volker S. ging zur Polizei. Der Fall wurde sofort an eine Sonderkommission der Prager Kripo weitergeleitet. Helfen konnte die ihm zwar nicht, aber immerhin ermittelt sie. S. musste einen Abschleppdienst bitten, sein nummernloses Auto nach Dresden zu bringen. Als Verkehrsclubmitglied musste er fürs Abschleppen wenigstens nichts zahlen. Was den Urlauber ereilte, ist eine neue Masche von bisher nur in Prag agierenden Gangstern, Geld von Ausländern zu erpressen. Die schlagen nach Angaben der Polizei etwa 30 Mal am Tag zu. Sie entfernen die Kfz-Nummernschilder, hinterlassen ihre Telefonnummer und kassieren dann bei den hilflosen Touristen ab. Die Verbrecher wissen, dass Autos ohne Kennzeichen auf tschechischen Straßen und Autobahnen sofort von der Polizei angehalten werden.

Fahren ohne Kennzeichen ist in Tschechien verboten, wird mit Geldstrafen von umgerechnet bis zu 370 Euro belegt. Aber auch beim Überschreiten der Grenze nach Deutschland oder Österreich schlägt die Polizei bei einer Kontrolle zu. Auch dort ist das Führen eines Autos ohne Kennzeichen untersagt und kostet richtig Geld.

Wie häufig Fälle wie die von Volker S. vorkommen, ist unklar. "Bei uns melden sich in der Regel nur Ausländer, die nicht bereit sind, ihre Kennzeichen zurückzukaufen", sagt Polizeisprecher Tomas Hulan. Auch wenn die Bestohlenen am Telefon sagen, sie hätten den Diebstahl der Polizei gemeldet, schalten die Gangster auf stur - sie geben die Kennzeichen nicht zurück. Die meisten Bestohlenen zahlen lieber, ohne die Polizei einzuschalten. Hauptsache, sie haben ihre Kennzeichen wieder zurück.

Das Problem für die Geschädigten: Anders als etwa in Österreich oder Deutschland stellt in Tschechien keine Behörde ohne weiteres ein Ersatznummernschild aus. Dazu müsste das Fahrzeug unter seinem alten Nummernschild zuerst stillgelegt werden. Stilllegen können deutsche Autofahrer ihr Gefährt aber nur in Deutschland. Das gilt ebenso für Österreicher. Mehr als den Abschleppdienst kann die Prager Polizei denn auch nicht empfehlen. Der kann sehr teuer werden.

Was tun? Es gilt der alte Rat, nicht mit dem Auto nach Prag zu fahren. Auch Hotel-Tiefgaragen sind nicht sicher. Die Stadt, so könnte man zynisch hinzufügen, ist eh immer verstopft und zudem kann man als Autofahrer nicht einmal ein tschechisches Bier trinken - wegen der Null-Promille-Grenze, die scharf kontrolliert wird. Die Bildung einer Soko zeigt immerhin, dass die zuständigen Prager Behörden die neue Masche bierernst nehmen.

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