Miese Geschäfte mit Hundebabys Beim illegalen Welpenhandel ist Deutschland Groß-Abnehmer und immer öfter Transitland

Das Geschäft mit Hundebabys boomt. Massenhaft werden so genannte Wühltisch-Welpen aus Osteuropa auf Reisen geschickt. Deutschland ist ein bedeutender Abnehmer - und zunehmend Transitland.

GUDRUN SOKOL | 1 Meinung

Die Freude über ihren Dackelwelpen währte für Natascha Plewinksi nur kurz: Schon auf dem Heimweg vom Verkäufer - einem Ehepaar im hessischen Seligenstadt - erbrach sich der angeblich neun Wochen alte Rüde im Auto. Nachts bekam er Durchfall, am nächsten Tag ging die 28-Jährige mit ihm zum Tierarzt. Die Diagnose: Parvovirose - eine hochansteckende Infektionskrankheit, gegen die Welpen eigentlich in der achten Woche geimpft gehören. Drei Tage verbrachte der kleine Dackel noch in der Tierklinik, dann war er tot.

Für 750 Euro war der Welpe im Internet angeboten worden. Sie könne ihn gegen Barzahlung sofort mitnehmen - gerne mit Umweg zum Geldautomaten, hatte es an jenem späten Abend beim Verkäufer geheißen, an dem Plewinksi den Hund eigentlich nur anschauen wollte. Impfpass und Kaufvertrag gab es nicht. "Es war alles so ein Durcheinander dort", erinnert sich die 28-Jährige. Geschickt habe entweder der Mann oder die Frau von ihren Fragen abgelenkt. Man habe ihr zwar ein Muttertier gezeigt; dies aber getrennt von den Welpen. "Ihr" kleiner Rüde habe einen guten Eindruck gemacht, sagt die junge Frau, sei aber nach kurzem Spiel schnell ermüdet. Kein Wunder: Der Kleine litt bereits unter der schweren Virusinfektion, an der er an Tag fünf nach dem Kauf verendete.

Plewinksi nahm erneut Kontakt zum Verkäufer auf. Dieser reagierte zunächst nicht auf ihre Anrufe, dann aggressiv, fast bedrohlich. "Ich bekam es irgendwann mit der Angst zu tun", sagt die 28-Jährige - ging zur Polizei und nahm sich einen Anwalt. In Kürze beginnt das Zivilverfahren wegen Schadenersatzes; auch ein Strafverfahren wegen Betrugs läuft gegen das angebliche Züchterpaar - wie Plewinksi erfahren musste.

Der Fall der jungen Frau, die über eine Internet-Anzeige einen Welpen gesucht hat, ist nicht untypisch: Laut einer Untersuchung des britischen Kennel Club, einem Dachverband für Hundezüchter, stirbt in Europa einer von fünf übers Internet verkauften Welpen, noch ehe er sechs Monate alt ist. Meist steckten hinter den harmlos, fast familiär wirkenden Angeboten straff organisierte Banden, die deutschland-, europa- und sogar weltweit operieren, wie Birgitt Thiesmann vom Verein "Vier Pfoten" sagt. "Das ist organisierte Kriminalität, eine Welpen-Mafia."

Im Zentrum der Geschäfte steht die massenhafte Vermehrung von Hunden: Tierschützer und Ermittler haben hier vor allem "Zuchtfabriken" in osteuropäischen Ländern wie Tschechien, Polen, der Slowakei, Ungarn und Rumänien, aber auch in Belgien und den Niederlanden im Visier. Hier kommt es allein auf Produktivität an. Hündinnen als Gebärmaschinen, die bei jeder Läufigkeit gedeckt werden, um möglichst viele Nachkommen zu produzieren. Haben die Muttertiere ausgedient, würden sie in der Regel einfach "entsorgt", prangern Tierschützer an. Um die Welpen möglichst schnell in Bares umzusetzen, würden sie bereits im Alter von vier bis sechs Wochen auf Reisen geschickt - die seien oft viel zu weit und strapaziös für die Jungtiere.

Im Rahmen seiner Studie "Welpenhandel in Europa" veranschaulicht "Vier Pfoten" am Beispiel einer durchschnittlichen Kalkulation für eine Lieferung ungarischer Chihuahua-Welpen "guter Qualität" nach Hamburg die Profitspannen: Wird der Chihuahua in Deutschland für 1000 Euro verkauft, beträgt der Gewinn des Händlers rund 760 Euro pro Hund. Laut Preisliste des ungarischen Welpenhändlers "Hungarian Pets" verkauft dieser ein Tier nämlich für rund 190 Euro und veranschlagt für den Transport weitere 50 Euro. Beim Verkauf von 250 Welpen - so die Hochrechnung der Organisation - kommt der hiesige Händler auf einen Profit von 190 000 Euro.

Kontakte haben die Welpen-Produktions- und Vertriebsnetzwerke in ganz Europa - auch der deutsche Markt ist lukrativ. Fast jede Woche werden Welpentransporte aus dem Verkehr gezogen - besonders viele in Bayern und anderen an den Osten grenzenden Bundesländern. Die Tiere: oft dehydriert, ausgehungert, durch Parasitenbefall geschwächt, mit kugelrunden, aufgeblähten Bäuchen, voller Würmer, manche bereits tot. Was lebt, wird beschlagnahmt und landet im Tierheim.

Dort explodieren die Kosten durch die erforderliche intensive tierärztliche Betreuung. So zum Beispiel im Nürnberger Tierheim, wo eigens für diese Fundtiere ein Welpenhaus eingerichtet worden ist. Mit einer Summe von 1000 bis 1500 Euro rechnet der Deutsche Tierschutzbund pro beschlagnahmtem Tier bis zum Ende der Quarantäne.

Zahlen zum illegalen Welpenhandel in Deutschland liegen nicht vor. Nur selten würden die Händler auf frischer Tat ertappt, erklärt die Sprecherin des Tierschutzbundes, Lea Schmitz. Schätzungen zufolge mussten aber allein im Jahr 2014 deutschlandweit um die 900 Welpen notversorgt werden. Fest steht indes: Die Beschlagnahmungen sind nur die Spitze eines Eisbergs; die Dunkelziffer dürfte hoch sein; darauf weist schon das immer größer werdende Angebot im Internet hin.

Die Transporte fliegen in aller Regel nur durch Zufall auf - etwa bei Straßenverkehrs- beziehungsweise Drogenkontrollen, bei Verkehrsunfällen oder wenn bei Polizei, Zoll oder Veterinär-Behörden Tipps eingehen. Die Händler selbst bekommt die Polizei kaum zu fassen; die Fahrer sind allenfalls Handlanger, beschreibt der Tierschutzbund die Schwierigkeit.

Und selbst, wenn die Händler gefasst werden: Juristisch werden die illegalen Welpentransporte nur als Ordnungswidrigkeit eingestuft, beklagen Tierschützer. Was mit Geldbußen von 5000 bis 25 000 Euro bestraft werde - so hoch seien die Strafen im Straßenverkehr. Deutschland ist zuletzt mehr und mehr Transitland geworden; bestimmt sind die Welpen oft für den Verkauf in südeuropäischen Ländern.

Verantwortlich für die Misere sind auch die Käufer. Jene, die auf grenznahen Märkten "Einkaufen gehen" sowieso. Aber auch solche, die im Netz nach "Schnäppchen" suchen. Motiv ist meist der Wunsch nach einem Modehund. Zurzeit seien dies vor allem kleinere Rassen wie Chihuahua, Mops und Malteser, aber auch Französische Bulldogge und - seit Jahren schon - größere Rassen wie Labrador und Golden Retriever, zählt Thiesmann von "Vier Pfoten" auf. Entsprechend oft werden diese Rassen angeboten.

Nie sei es bequemer gewesen, auf die Schnelle an einen Welpen zu kommen. "Der Hund ist heute nur einen Mausklick entfernt", sagt Thiesmann. "Er wird einem sogar vor die Tür geliefert." Naive Käufer missverstehen dies allzu oft als Kundenservice. Tatsächlich kann der Händler so seine Spur verwischen.

Die Rechnung zahlt am Ende der Käufer - und natürlich das Tier. Die Heime sind voll mit Hunden aus zweiter Hand, die kein Mensch haben will - die Wenigsten haben so viel Glück wie Rudi, ein Jagdterrier aus Serbien, den Birgitt Thiesmann vor vier Jahren bei sich aufgenommen hat. "Wir verstehen uns ohne Worte," schwärmt die Tierschützerin. Ihr Rudi sei kein bisschen verhaltensauffällig. Im Gegenteil; anhänglich sei er, sanftmütig, verträglich - ein Traum von einem Hund. Nur auf zwei Dinge reagiere der Rüde schon auf sehr große Entfernung wie verrückt: auf Männer, die eine osteuropäische Sprache sprechen, und auf Stöcke.

Wie Hundekäufer Betrüger erkennen

Äußeres Seriöse Hundehändler verkaufen keine Tiere auf die Schnelle. Bei Angeboten im Internet muss man sehr genau hinschauen. Wer sich einen Welpen anschaffen will, sollte die Möglichkeit haben, Einblick in die Aufzuchtbedingungen zu bekommen, sich das Muttertier, eventuell auch Wurfgeschwister anschauen zu können. Vorsicht: Hier präsentieren unseriöse Händler häufig Alibi-Hündinnen. Dubiose Anbieter haben meist mehrere Hunderassen im Angebot. Seriöse Züchter konzentrieren sich auf eine oder zwei Rassen.

Begleitpapiere Zu jedem Hund gehören Papiere. Stammt ein angebotener Welpe aus einem anderen EU-Land, muss er mit einem EU-Heimtierausweis und einem Mikrochip ausgestattet sein, dessen Nummer im Heimtierausweis vermerkt ist. Wird Deutschland als Herkunftsland angegeben, muss der junge Hund ebenfalls gechipt sein und braucht - sofern er mit ins EU-Ausland genommen wird - einen Impfpass. Die erste Impfung (gegen Staupe, Parvovirose und andere Infektionskrankheiten) wird für die achte Lebenswoche empfohlen. In der zwölften Woche sollte gegen Tollwut geimpft werden. Wird einem ein zwei Monate alter Welpe mitsamt Impfpass angeboten, in dem die Grundimpfungen bereits vermerkt sind, ist dies ein Hinweis darauf, dass der Pass gefälscht ist.

Alter Welpen sollten nie vor der achten, besser nicht vor der zehnten Lebenswoche von Mutter und Wurfgeschwistern getrennt werden. Andernfalls haben die Tiere noch nicht die nötige Grundimmunisierung, die sie über die Muttermilch bekommen. Es fehlt ihnen dann auch die grundlegende Sozialisierung.

Preise Für einen Rassehund von anerkannten Züchtern zahlt man in Deutschland mindestens 1000 Euro, aber auch 2000 Euro sind für einen Welpen keine Seltenheit. Adressen von seriösen Züchtern vermittelt der Verein für das Deutsche Hundewesen (VDH), dem bundesweit mehr als 3500 Züchter angeschlossen sind (www.hier-ist-mein-welpe.de). Außerdem: Die Tierheime sind überfüllt mit beschlagnahmten Tieren aus illegalen Transporten. sok

SWP

1 Kommentar

06.02.2016 09:59 Uhr

http://www.tierheimlinks.de

Nur wer ein Tier aus dem Tierschutz zu sich holt, anstatt das Geschäft mit der "Ware Tier" durch Nachfrage weiter zu fördern, hilft Tierelend auf lange Sicht zu verringern. Wer ein Tier aus einem Tierheim holt, gibt ihm eine neue Chance auf Glück. Ein Tier aus dem Tierheim kann mehrere Vorteile haben. Vor allem gibt man so Tieren ein Zuhause, die sonst vielleicht lange in einem Heim leben müssten.

Antworten Kommentar melden lädt ... nicht eingeloggt Gefällt mir noch nicht bewertet Gefällt mir nicht mehr schon bewertet ()

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr

YouTube-Star Moritz Garth ...

Justin Bieber war der erste, der noch nicht ganz so bekannte Moritz Garth will ihm folgen. Musiker, die auf der Onlineplattform Youtube Erfolge feiern, wagen sich auch in die richtigen Charts vor. mehr