Im Angstgefängnis: Therapien können bei Angststörungen helfen

Sich ständig ängstigen – dagegen hilft am besten die Verhaltenstherapie. Zunächst aber müssen sich Betroffene ihre Probleme eingestehen.

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Sich ständig um das eigene Wohlbefinden oder um Freunde sorgen – gesund ist das nicht.  Foto: 

Die 31-Jährige ist allein im Ausland unterwegs, als sie Zahnschmerzen bekommt. Ihre Gedanken rasen, die Angst um ihre Gesundheit wird übermächtig: „Ich war irgendwann überzeugt, mein Zahn wird ausfallen.“ Sie sei immer schon ängstlich gewesen, sagt Jennifer Bauer. Dieses Erlebnis sieht sie jedoch als Beginn ihrer Erkrankung.

Die generalisierte Angststörung gehört neben den Phobien zu den häufigsten Angsterkrankungen. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung haben einmal im Leben generalisierte Ängste. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Anders als bei einer Panikattacke sind bei der generalisierten Angststörung Ängste und Sorgen allgegenwärtig. „Betroffene sorgen sich meist um Verwandte oder nahestehende Personen. Sie haben Angst, diesen könnte etwas zustoßen, zum Beispiel ein Autounfall. Die statistische Häufigkeit solcher Ereignisse wird dabei stark überschätzt“, erklärt Prof. Borwin Bandelow, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uni Göttingen.

Aber auch Angst um die eigene Gesundheit, wie im Fall von Jennifer Bauer, kann Teil der so genannten Sorgenkreisläufe sein. In diesen hineingesteigert, erleben die Betroffenen auch körperliche Symptome wie Schwitzen, Zittern oder Herzrasen. Generalisierte Ängste treten meist im jungen Erwachsenenalter auf. „Um das 30. Lebensjahr werden die Verantwortlichkeiten umfassender – Heirat, Kinder, Beruf. Vor allem verantwortungsbewusste Menschen mit Selbstzweifeln glauben, sie könnten diesen Anforderungen nicht mehr gerecht werden und reagieren mit Ängsten“, erklärt Prof. Wolfgang Maier, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Bonn.

„Betroffene greifen häufiger zum Telefon“

Ängste oder Sorgen sind bis zu einem bestimmten Maß normal. „Wenn Ängste jedoch den Alltag beeinflussen und jemand beispielsweise einen anderen Weg zur Arbeit nimmt, um damit einen potenziell gefährlicheren Weg zu vermeiden, dann sind Ängste krankhaft“, sagt Bandelow. Das belastet dann auch die Angehörigen: „Betroffene greifen häufiger zum Telefon, um sicher zu gehen, dass es ihren Angehörigen gutgeht. Viele fühlen sich dadurch kontrolliert oder sind genervt“, sagt Prof. Katja Beesdo-Baum von der Technischen Uni Dresden. Die Beziehungen zu nahestehenden Menschen werden damit stark strapaziert.

Das aktive Durchplanen des Alltags ist für viele Betroffene ein wirksames, wenn auch erschöpfendes Mittel gegen die Sorgen. Denn: Wer keine Pause hat, hat auch keine Zeit zum Grübeln. „Es gibt sogar solche, die sich innerlich Gedichte aufsagen, um an nichts anderes denken zu können“, erklärt die Psychotherapeutin Beesdo-Baum.

Auch für Jennifer Bauer ist es beunruhigend, mal nichts vorzuhaben. In ihrer Freizeit telefoniert sie daher häufig. Als sie vor drei Jahren ihren Job verliert, ist sie ihren Ängsten den ganzen Tag ausgeliefert. Kurze Zeit später begibt sie sich in stationäre Behandlung. „Die Zeit zwischen Jobverlust und Klinikaufenthalt war die schlimmste meines Lebens“, erzählt sie.

Die Ursachen für eine generalisierte Angststörung können vielfältig und individuell unterschiedlich sein. Häufig tritt eine Angststörung zusammen mit Depressionen auf. Ist die Angststörung jedoch die primäre Erkrankung, entwickelt sich diese meist auf Grundlage einer unsicheren und ängstlichen Persönlichkeit, erläutert Maier.

Das Aufwachsen mit überbeschützenden Eltern spiele ebenfalls eine Rolle, so Beesdo-Baum: „Den Kindern wird die Erfahrung genommen, dass sie auch alleine mit Herausforderungen zurechtkommen können.“ Zudem gibt es eine Reihe von neurobiologischen Einflüssen: „Wir wissen, dass das Serotonin-System geschwächt ist.“ Medikamente die das Serotonin beeinflussen, wirkten gut gegen Ängste, weiß Bandelow.

Grundsätzlich lassen sich Angststörungen gut behandeln. Maier betont jedoch: „Viele Betroffene erleben die Angst nicht als Krankheit, sondern als reales Problem.“ Als Therapeut müsse man daher bei den erlebten Einschränkungen ansetzen und sagen: „Du lieferst dich der Angst aus, du machst dich handlungsunfähig. Dagegen kann man etwas tun.“

Verhaltenstherapie hilft

Die Verhaltenstherapie ist dann erste Wahl. „In einer von uns durchgeführten Studie hat sich gezeigt, dass auch zehn Jahre nach einer Verhaltenstherapie die Rückfallquote gering ist“, sagt Beesdo-Baum. In der Verhaltenstherapie lernen Betroffene Strategien, um mit ihren Ängsten umzugehen. Diese Effekte hielten bei den meisten auch über die Therapie hinaus an.

Jennifer Bauer begibt sich nach ihrem Klinikaufenthalt in psychotherapeutische Behandlung und besucht Selbsthilfegruppen. Es dauert, bis sie eine Gruppe findet, in der sie sich wohl fühlt. Noch immer hat sie Schwierigkeiten, ihre Angststörung anzunehmen und offen darüber zu sprechen. Sie fühlt sich minderwertig – psychisch krank zu sein, ist für sie ein Stigma. Dennoch: Das Wissen, mit der Erkrankung nicht alleine zu sein, gibt ihr Kraft. „Ich versuche, die Krankheit nicht mehr zu verdrängen und mir zu sagen, es ist eine Krankheit wie jede andere, so wie manch anderer Diabetes hat.“

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