"Ich flog aus dem Bett"

Christchurch.  Eingestürzte Häuser, aufgerissene Straßen - Neuseeland ist von einem der heftigsten Erdbeben seit Jahrzehnten erschüttert worden. Für Premierminister John Key ist es ein Wunder, dass niemand getötet wurde.

An einem sonnigen Tag ist Robin Mangers Schlafzimmer-Blick über die fjordartige, türkisblaue Bucht von Lyttelton, die vor zig Millionen Jahren durch gewaltige Eruptionen eines mittlerweile erloschenen Vulkans entstand, ein einziger Traum. Als die Rentnerin am Samstagmorgen um 4.35 Uhr (Freitagabend 18.35 Uhr MESZ) in ihrem Erkerzimmer unterm Dach aufwacht, beginnt ein Albtraum. Der Albtraum des Erdbebens der Stärke 7,1 auf der Richterskala, an dessen Ende ganze Straßenzüge der neuseeländischen Stadt Christchurch in Schutt und Asche liegen.

Der Zivilschutz spricht von mehr als 500 beschädigten Geschäftsgebäuden, fast ein Fünftel der Häuser in der mit knapp 400 000 Einwohnern größten Stadt der Südinsel sei unbewohnbar.

Bürgermeister Bob Parker ruft den Notstand aus und verhängt in der Innenstadt eine Ausgangssperre von 19 bis 7 Uhr, da einige Plünderer das Chaos nutzen, um Alkohol zu stehlen. Der Zug- und Busverkehr wird bis auf weiteres eingestellt, Schulen bleiben mindestens bis Mittwoch geschlossen.

Ministerpräsident John Key ging gestern davon aus, dass es mindestens ein Jahr dauern wird, bis das Zentrum von Christchurch wieder aufgebaut ist. Er schätzt den Gesamtschaden auf mehr als 2 Milliarden neuseeländische Dollar (etwa 1,1 Milliarden Euro).

"Ich flog buchstäblich aus dem Bett", erinnert sich die ehemalige Schullehrerin Robin Manger aus Lyttleton. "Dann sah ich, wie sich das ganze Zimmer verzwirbelte und in seine ursprüngliche Form zurückschnellte. Bücher flogen von den Regalen. Der Lärm war fürchterlich, man wurde hin und her geworfen. Wir waren sicher, das Dach stürzt ein oder unser Haus rutscht über die Klippen hinab ins Meer."

Doch Robin und ihr Mann Philip hatten Glück. Sie kamen mit dem Schrecken davon. Gestern fuhren sie rund um die malerische Bucht und hinauf auf die Kammstraße der Port Hills, die Christchurch, die an der Ostküste gelegene größte Stadt der Südinsel Neuseelands, und seinen Naturhafen - jene Bucht von Lyttelton - trennen. So, als wäre nichts geschehen, abgesehen von den mehr als 30 Nachbeben, die Erde und Menschen mit Stärken bis zu 5,0 rüttelten und schüttelten.

Sie kehrten im Ausflugslokal "Sign of the Kiwi" hoch über der verwüsteten Stadt ein - so, als wäre nichts geschehen.

Der ganz normale Alltag, der sie schon wenige Stunden nach dem großen Beben überraschte: "Der Briefträger kam, die Zeitung kam." Morgen kommt auch die Müllabfuhr.

Vielleicht hatten sie Glück, weil das Vulkangestein, auf dem die Häuser rund um die Bucht stehen, grundsolide ist, im Gegensatz zu Christchurch und der westlichen Region rund um das 41 Kilometer entfernte und in zehn Kilometer Tiefe liegende Epizentrum des Erdstoßes bei Darfield. Diese Gegend, die fruchtbare Ebene von Canterbury, liegt auf weichem Schwemmland der Flüsse Waimakariri und Rakaia, die im Lauf der Jahrmillionen so viel Sand aus den Südalpen heranspülten, bis die Südinsel und die vorgelagerte Banks-Insel, jetzt: Halbinsel, verschmolzen waren.

Vielleicht hatten sie Glück, weil ihr Haus aus dehnbarem Holz ist. In Lyttelton, wo 1850 die ersten britischen Siedler landeten, stürzten reihenweise die uralten gemauerten Kamine der herausgeputzten historischen Cottages ein. Aber die typischerweise mit Holz- und die moderneren mit Stahlrahmen konstruierten Gebäude Marke Leichtbauweise hielten den brutalen Schwingungen der Erde stand.

In Christchurch, dessen neugotische Architektur Weltruf genießt, kollabierten hingegen viele historische Gebäude aus Granit, Sandstein und Ziegelsteinen wie Kartenhäuser. Die großen Kathedralen erlitten dank vorzüglicher Erdbebensicherung nur geringe Schäden, kleinere Kirchen stürzten in sich zusammen, am grandiosen Arts Centre brachen einige Türmchen weg. Rund 1000 Menschen, deren Häuser und Wohnungen unbewohnbar sind, wurden mittlerweile in Notunterkünften untergebracht. Rotes Kreuz und Heilsarmee versorgen die Heimatlosen.

Und doch hatte jeder Glück, dass sich die Naturkatastrophe in den frühen Morgenstunden des Samstags ereignete, als fast jeder zu Hause war und nicht die Straßen und Kneipen mit Nachtschwärmern gefüllt waren.

So gab es auf fast wundersame Weise keine Toten. Lediglich ein Mann starb an einem Herzinfarkt, und im Orana Wildlife Park ertrank ein Lemur. "Es ist ein Segen, dass keine Menschenleben verloren gingen", sagte Premierminister John Key, der aus Christchurch stammt und sich vor Ort ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung machte.

Erdbeben-Warnungen erfolgen in Neuseeland im Übrigen permanent. Die Erde bebt dort besonders häufig, denn hier stoßen zwei riesige Erdplatten aufeinander. Nach Angaben von Seismologen gibt es dort bis zu 15 000 Erdbeben pro Jahr, aber nur maximal 150 davon sind zu spüren.


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Autor: SISSI STEIN-ABEL | 06.09.2010

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