Der harte Winter scheint tatsächlich vorüber

Bremen.  Schnee, Eis, Minusgrade. Noch vor einer Woche sah es nach ewigem Winter aus. Doch plötzlich weht ein anderer Wind. Laue Lüfte locken, alles blüht auf. Heute beginnt wirklich und wahrhaftig der Frühling!

Wer jetzt durch die Gewächshäuser von Ralph Arkenau spaziert, dem geht das Herz auf. Schon seit Anfang März strahlen unter seinen Glasdächern gelbe Primeln mit Osterglocken und Tulpen um die Wette. "Ab zehn Grad Celsius werden die Leute kribbelig", sagt der Gärtnermeister und Florist aus Delmenhorst bei Bremen. "Nach dem harten Winter in diesem Jahr ist die Lust auf Farbe und Blumen besonders groß."

Die Meteorologen sprechen zwar nicht unbedingt von einem Rekordwinter. Doch besonders im Norden türmten sich ungewöhnlich hohe Schneemassen. Berlin etwa lag vom 30. Dezember bis zum 26. Februar unter einer geschlossenen Schneedecke. Vielerorts schneite es auch am vergangenen Wochenende nochmal kräftig.

Seit Mitte dieser Woche allerdings geht es mit den Temperaturen stetig bergauf. Schade nur, dass zum heutigen Frühlingsanfang gleich wieder reichlich Regen ins Haus steht, sogar Gewitter sind möglich. Aber immerhin: Mild soll es bleiben. "Wir merken jedes Grad mehr abends in der Kasse", sagt denn auch der 46-jährige Gärtner Arkenau. Dieses Jahr zieht er etwa 200 000 Frühblüher wie Primeln und Stiefmütterchen heran.

Mehr Licht und Wärme - das sind die Wurzeln für die Frühlingsgefühle, die in vielen Menschen in diesen Tagen wach werden. "Viele vergessen dieses evolutionäre System, dem wir uns als Kinder der Natur gar nicht entziehen können", erläutert der Berliner Biopsychologe Peter Walschburger. "Durch mehr Sonnenlicht wird in unserem Körper auch mehr Serotonin produziert. Das Glückshormon weckt unsere Lebensgeister und wirkt wie ein Frühjahrsputz für die Seele. Deshalb sind wir nach diesem Winter auch besonders scharf auf den ersten richtigen Frühlingstag."

Mit dem Frühling steigt auch das Kribbeln im Bauch, die Lust auf Bewegung, auf Erotik und Sex. "Sensible Menschen spüren diese Wechselbeziehung zwischen Gefühl und Körper besonders stark", sagt der 63-jährige Wissenschaftler. Doch der Mensch ist eben nicht nur ein Naturwesen, sondern auch ein Kulturgeschöpf. "Oft entfernen wir uns weit von der Natur, machen die Nacht zum Tag, halten uns mehr in geschlossenen Räumen auf, arbeiten im Schichtdienst, schlucken Hormone", sagt der Biopsychologe. Viele Menschen verkrafteten das erstaunlich gut. "Insgesamt gilt aber: Je weiter wir uns vom Rhythmus der Natur entfernen, um so höher ist der Preis, den wir dafür bezahlen."

Schlafprobleme könnten die Folge sein, aber auch Depressionen genauso wie Herz- und Kreislaufstörungen. Also raus ins Licht zum Spaziergang, sich bewegen, der inneren Uhr folgen, sich gesund ernähren.

Andere haben jetzt das Bedürfnis, nicht nur die Seele, sondern auch ihre Umgebung in neuem Licht erstrahlen zu lassen. Die Wohnung wird geputzt, an den Autowaschanlagen bilden sich lange Schlangen. "Die Leute rennen uns die Bude ein", bestätigt Stefan Berg, Mitarbeiter einer Waschanlage an der Autobahnausfahrt im niedersächsischen Göttingen. Bis zu 100 Autos pro Stunde werden bei ihm über ein Laufband an rotierenden Bürsten und Düsen vorbei gezogen.

Bleibt nur zu hoffen, dass der Winter nicht noch einmal zurückkommt und das viele frisch gewaschene Blech nicht eine neuerliche Ladung Salz abkriegt. epd


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