Das schaukelnde Hospital

Acht bis neun Wochen im Jahr reist Otfried Neufang aus der Nähe von Freiburg mit Kreuzfahrtpassagieren um die Welt. Dann ist er der Schiffsarzt. Doch mit der "Fernsehrealität" hat sein Job wenig gemein.

OLIVER HEIDER |

Es brummt. Nicht laut, aber kontinuierlich. Leichtes Hin-und-Her-Schaukeln ist zu spüren. Otfried Neufang sitzt an seinem dunkelbraunen Holzschreibtisch im Besprechungszimmer. Unten auf Deck 3, in der Nähe des Maschinenraums. Immer wieder zischt es von draußen leise durch zwei Fenster. Wellen schlagen gegen den Rumpf. Doch die See auf dem Weg ins südspanische Motril ist relativ ruhig - ein Grund dafür, dass noch niemand im Wartezimmer sitzt.

Bei rauer See hat Neufang viel zu tun. Der Mittsechziger aus Gundelfingen bei Freiburg ist der Schiffsarzt auf dem Luxuskreuzer MS Astor. Das Schiff bietet Platz für 576 Passagiere, die im Schnitt knapp 70 Jahre alt sind. Wenn die für die Seekrankheit anfälligen unter diesen Gästen nicht rechtzeitig - zwölf bis acht Stunden vor starkem Wellengang - ein mit einem Medikament getränktes Pflaster geklebt bekommen, helfen nur noch Tabletten. "Oder eine Spritze, wenn die Passagiere bereits erbrochen haben", sagt Neufang.

Eine solche bekämen ab und an auch Crewmitglieder. Selbst wer schon lange zur See fahre, könne seekrank werden. Den passionierten Segler selbst hat es noch nie erwischt, in den zwei Jahren, in denen er auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs ist. Er klopft mit dem Zeigefingerknochen auf den Tisch. "Das bleibt hoffentlich so." Auf Reisen nach Ägypten wird der Arzt oft mit Durchfallerkrankungen konfrontiert, in Nordeuropa eher mit Erkältungen, die er mit Medikamenten aus der Bord-Apotheke behandelt.

Im Wartezimmer - Sprechstunde ist morgens und abends je eine Stunde am Tag - hat ein 64-Jähriger aus Heilbronn Platz genommen. Er blättert in einer Focus-Ausgabe. Die Nachwirkungen einer Chemotherapie machen ihm zu schaffen, erzählt der hagere Mann. Ein permanentes Kribbeln in den Beinen. Schiffsarzt Neufang soll sich das genauer ansehen. Der Gundelfinger muss in dem Hospital, das ein Mediziner aus Staig als Konzessionär betreibt (siehe Infokasten), also auch mitgebrachte Erkrankungen behandeln. Das erfordert breites Wissen.

Während Neufang den Mann hereinbittet, liegt Helmut Kunze aus Stuttgart im Raum nebenan - in der Dialysestation, deren Betrieb ein Hamburger Arzt mit eigenem Personal verantwortet. Kunze (80) ist seit zwei Jahren auf Blutwäsche angewiesen. Seine Nieren funktionieren nicht mehr richtig. Für ihn ist es wichtig, dass an Bord alle Apparaturen vorhanden sind; eine Rundreise an Land auf eigene Faust wäre mit seiner Krankheit eine Tortur. Er müsste ständig vorausplanen, wo es ein geeignetes Krankenhaus gibt.

Also greift er auf Kreuzer wie MS Astor, MS Deutschland oder MS Europa zurück, die Dialysereisen anbieten. "Ich will ja nicht zu Hause auf das Sterben warten", sagt Kunze augenzwinkernd. Nein, er sei fit, wolle die Welt erkunden, obwohl er sie schon kennt - von unzähligen Schiffsreisen um Europa herum, in die Karibik, nach Afrika. Nächstes Jahr soll es nach Australien gehen, erklärt er freudestrahlend.

An Bord der Astor liegt er alle zwei Tage auf dem Krankenbett, für mehrere Stunden. Diesmal in roten Socken, blau-karierter Hose, schwarzem Pullover - total entspannt. Zwei Wochen dauert seine Reise durchs Mittelmeer und nach Marokko. "Meine Freundin wollte nicht mit." Die Kosten summieren sich aber selbst für ihn als Einzelperson enorm. Zu den rund 2000 Euro für die 13-tägige Kreuzfahrt kommen pro Dialysebehandlung gut 90 Euro, die er aus eigener Tasche bezahlt. Die Krankenkasse übernimmt, wie an Land, je 190 Euro.

Für die Behandlung bei Neufang und seiner Krankenschwester zahlt die Krankenkasse nichts. Beide bekommen von den Einnahmen im Hospital, das organisatorisch nicht zur Dialysestation gehört, einen Teil als Salär ab. Bei ihnen gibt es Privatrechnungen. Eine Auslandskrankenversicherung rentiert sich. Hinter einer Plastikfolie hängt im Wartezimmer eine Preisliste: 20,11 Euro für eine Beratung, 21,45 Euro für eine Untersuchung, 42,90 Euro für den Arztbesuch in der Kabine - plus Nacht- und Wochenendzuschläge.

Neufang kann alle akut auftretenden Krankheiten mit den an Bord zur Verfügung stehenden Möglichkeiten behandeln. Links neben dem Besprechungszimmer gibt es eine - in die Jahre gekommene - Röntgenanlage und ein EKG. Auch kleinere Operationen, wie das Spalten eines Abszesses, sind möglich.

Sobald es richtig unter die Haut geht, muss er die Patienten an Kliniken an Land verweisen. "Wenn das Schiff nicht im Hafen liegt, sondern auf hoher See ist, ist das ein Problem." Bei einem Herzinfarkt auf dem Weg nach Spitzbergen könnten weder der Kapitän den nächsten Hafen anlaufen noch eine Rettungsstaffel eingeflogen werden. "Dieses Risikos muss man sich bewusst sein." Ein Schiffshospital könne eben nicht so gut ausgestattet sein wie eines an Land - mit hochspezialisierten Geräten.

Klingt also so gar nicht nach dem Alltag eines Schiffsarztes, wie ihn das ZDF-"Traumschiff" zeichnet. Oder? Neufang lächelt: "Dazu kann ich nichts sagen. Ich schaue wenig fern, das ,Traumschiff habe ich nie gesehen." Zwar habe er - wenn die Krankenschwester die Stellung halte - ab und zu Zeit für kürzere Ausflüge. Doch an der 24-Stunden-Rufbereitschaft kommt er nicht vorbei. Von der bekommen die Fernsehzuschauer wenig mit, dafür gibt es stets ein Happy-End.

Auch der Tod auf See wird selten thematisiert. Manche seiner Kollegen seien mit Sterbefällen konfrontiert worden, er noch nicht. Er hofft, das bleibt so. Denn ein paar Jahre will er noch zur See fahren, sagt Neufang, der seine internistische Praxis in Freiburg nach 26 Jahren verkauft hat. Seitdem arbeitet er als Reisemediziner - für acht bis neun Wochen pro Jahr auf Luxusdampfern. Ansonsten begleitet er Reisegruppen. In China war er schon, Indien soll bald folgen. Und der nächste Schiffsjob dürfte auch nicht lange auf sich warten lassen.

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