ADHS: Diagnostik verbessern
Berlin. Nerviger Zappelphilipp oder Träumerle: Kindern mit ADHS wird viel zugeschrieben - unter anderem, an einer reinen "Modekrankheit" zu leiden. Das stimmt aber nicht, betont eine neue Infokampagne.
. Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) werden nach Ansicht von Experten in Deutschland zu oft falsch diagnostiziert. "Es gibt zwar Leitlinien und Standards, aber sie werden nicht von allen Ärzten ausreichend angewandt", kritisierte Prof. Martin Holtmann, von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Hamm. "Es reicht nicht, nur einen Fragebogen ausfüllen zu lassen", betonte er gestern in Berlin. Einerseits würden viele verhaltensauffällige Kinder deshalb gar nicht als ADHS-krank erkannt, andererseits gäbe es häufig Falsch-Positiv-Diagnosen, obwohl ganz andere Ursachen vorlägen. Es fehle in Deutschland an spezialisierten Ärzten, vor allem in ländlichen Regionen, beklagte Holtmann zum Auftakt einer ADHS-Infokampagne.
Renate Schmidt, Bundesfamilienministerin a.D. und Schirmherrin der Aktion, betonte gleich zu Beginn: "Auch wenn diese Kampagne von einem Pharmaunternehmen finanziert ist, heißt das nicht, dass wir hier Werbung für Medikamente machen." Es gebe für die Betroffenen je nach Ausprägung der Störung verschiedene Hilfsmöglichkeiten und Therapieansätze, nur einer davon sei der medikamentöse.
Doch angesichts vieler Vorurteile und ideologischer Grabenkämpfe um die mögliche Gabe von Medikamenten gehe es um sachliche Aufklärung für die betroffenen Familien, für Mediziner, aber auch für Lehrer. "Schule und Pubertät sind an sich schon schwierig. Mit ADHS sind sie eine echte Herausforderung", sagte Schmidt.
Würde die Störung frühzeitig erkannt und behandelt, könnten die Kinder oft ihren Weg finden. Je später, desto schwieriger, lautet das Fazit der Ärzte. "Viele Jugendliche, die als exzessive Kiffer zu mir in die Sprechstunde kommen, stellen sich als unerkannte ADHS-Kandidaten heraus. Sie haben sich sozusagen selbst behandelt", berichtete Holtmann. Umgekehrt gebe es durch die unzureichende Diagnose-Praxis auch noch viele falsche ADHS-Zuschreibungen. Bis zu 20 Prozent derjenigen, die sich als ADHS-Patienten an der Uni-Ambulanz vorstellten, hätten in Wirklichkeit etwas anderes.
"Eine seriöse Differenzialdiagnostik, die körperliche Störungen ebenso ausschließt wie Angststörungen oder reaktive Aufmerksamkeitsprobleme, etwa durch Trennung oder Sucht im Elternhaus, ist deshalb unerlässlich", sagte Holtmann. Hinzu kämen Gespräche mit Eltern, Lehrern und anderen Bezugspersonen, um die ADHS-Diagnose eindeutig zu stellen. Schon in den normalen U-Vorsorgeuntersuchungen sollte ein ADHS-Screening Platz finden, fordert der Facharzt.
In der Schule könnten Lehrer noch viel mehr tun, um betroffene Kinder zu unterstützen: "Oft helfen schon einfache Maßnahmen: ein reizarmes Klassenzimmer, ein Platz in der ersten Reihe mit wenig Ablenkung, wiederholte Bewegungsphasen, klare Regeln", sagte Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrerverbands.
Myriam Menter vom Selbsthilfeverband ADHS Deutschland betonte, wie wichtig es für die Kinder sei, im Klassenverband integriert zu sein. "Aber wer nur hibbelig rumrennt, immer dazwischenruft und damit alle anderen nervt, der findet auch nur schwer Freunde." Konzentrations- und Sozialtrainings seien hilfreich, in schweren Fällen seien die betroffenen Kinder aber auch dazu erst durch ein Medikament in der Lage. dpa
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Autor: SWP | 06.04.2011
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