Zoff artete in Kleinkrieg aus

Nur noch auf dem Papier existiert ein Verband, der für die Selbstständigkeit eingemeindeter Dörfer kämpfte. In Elsenz, Zentrum des Widerstands, mag das Rad der Kommunalreform keiner mehr zurückdrehen.

|
Vorherige Inhalte
  • Kirchturm-Politik der besonderen Art betrieb Klaus Pfeil, mit seiner Elsenzer Bürgerinitiative bemühte er sich vergeblich um die Selbstständigkeit des nach Eppingen eingemeindeten Dorfes im Kraichgau. Von den kämpferischen Tagen der Kommunalrebellen ist nur ein Kupferschild geblieben. Foto: Hans Georg Frank 1/2
    Kirchturm-Politik der besonderen Art betrieb Klaus Pfeil, mit seiner Elsenzer Bürgerinitiative bemühte er sich vergeblich um die Selbstständigkeit des nach Eppingen eingemeindeten Dorfes im Kraichgau. Von den kämpferischen Tagen der Kommunalrebellen ist nur ein Kupferschild geblieben. Foto: Hans Georg Frank
  • Protest in Erbach-Dellmensingen 2002. Foto: Franz Glogger 2/2
    Protest in Erbach-Dellmensingen 2002. Foto: Franz Glogger
Nächste Inhalte

"Das Thema ist erledigt", antwortet ein Rentner (74) kurz und bündig auf die Frage nach dem Kampf für die Selbstständigkeit von Elsenz. "Seit die Ortsdurchfahrt neu gemacht wurde, sind wir zufrieden", sagt der ehemalige Bauarbeiter, "der Oberbürgermeister wird hier freundlich empfangen." An so viel Harmonie war bis vor acht Jahren nicht einmal zu denken. Jahrelang war Elsenz eine Hochburg jener Separatisten, die sich mit den Fakten der Kommunalreform von 1972 nicht abfinden wollten. Die Eingemeindung ins acht Kilometer entfernte Eppingen (Kreis Heilbronn) bekämpften sie mit ihrer Bürgerinitiative, die zum Vorbild wurde für Unzufriedene im ganzen Land. Im "Landesverband zur Korrektur der Gemeindereform" schlossen sich die Rebellen zusammen.

Der Verlust an Autonomie und Bürgernähe wog für die Widerständler ungleich schwerer als der Zugewinn an Leistungs- und Verwaltungskraft im größeren Verbund. Auch Zugeständnisse, meist eine Halle, konnten sie nicht von ihrer ablehnenden Haltung abbringen.

"Den Landesverband gibt es nur noch auf dem Papier", sagt Klaus Pfeil (55), der Vorsitzende und Anführer der Aufständischen von Elsenz. Vor drei, vielleicht auch vor vier Jahren hätten sie sich letztmals getroffen, erzählt der Konrektor. Vor kurzem hätten die Gleichgesinnten aus Dellmensingen (Alb-Donau-Kreis) noch einmal telefonisch bei ihm nachgefragt. "Mit mir nicht", ließ sie Pfeil abblitzen. Denn: "Eine Suppe noch einmal aufkochen, das ist nicht sinnvoll." Es sei ohnehin niemand da, "der vorangehen könnte".

Wehmut ist zu spüren, wenn Pfeil in seinem großen Garten von den turbulenten Zeiten erzählt. "Wir haben den Finger in die Wunde gelegt", sagt er. Sein Heimatort sei benachteiligt worden, auch wenn der Bürgermeister gerne betonte, dass der Eingemeindungsvertrag erfüllt worden sei. Das Gewerbegebiet, das Pfeil schon vor 15 Jahren gefordert hat, wird gerade erschlossen. Keine Vergrößerung des Kindergartens, nicht einmal in Eigenarbeit, der drohende Verlust der Schule - das waren Aufreger, die den Widerstand auslösten. Eppingen habe das eingemeindete Teilort Elsenz mit seinen 1800 Einwohnern "bewusst ausbluten" lassen, ist Pfeil noch heute sicher, "da wird man irgendwann rebellisch".

Der Lehrer lieferte sich einen heftigen Schlagabtausch mit der Verwaltung in der Kernstadt. Er wurde zum Ortsvorsteher gewählt, was ihm nicht nur Freunde eingebracht hat. Weil er, der Beamte, die Demokratie anzweifelte, wurde ein Disziplinarverfahren zur Überprüfung seiner Verfassungstreue eingeleitet. "Das ging an die Substanz", resümiert Pfeil.

Der Zoff im Kraichgau artete zum Kleinkrieg aus. Der Oberbürgermeister ließ die Schlösser in der Verwaltungsstelle auswechseln, damit der missliebige Querkopf nicht mehr hineinkam. Der Eppinger Gemeinderat hatte einen anderen Ortsvorsteher ernannt, obwohl dieser den Posten ("Marionette des Gemeinderats") gar nicht wollte und daher über eine "Perversion der Demokratie" schimpfte.

"Wir haben mittlerweile ein sehr gutes Verhältnis mit Eppingen", sagt Mike Frank (40), Ortsvorsteher seit 2009. Der Polizist ist nicht von den Elsenzern gewählt, der Gemeinderat hat für ihn gestimmt. Er könne sich "nicht beklagen", meint Frank und fügt dann doch den gravierenden Unterschied zwischen Stadtteil und Hauptort an: "In der Kernstadt werden hohe Summen ausgegeben, in den Teilorten wird mit 3000 Euro geknausert."

Der Umbruch in der Landespolitik kam wohl zu spät für die Aufmüpfigen. "Hätte der Politikwechsel vor zehn Jahren stattgefunden, hätten wir"s gepackt", glaubt Klaus Pfeil, "wir waren zu früh oder die Grünen zu spät." Ganz ausschließen mag der Rebell a.D. nicht, dass sein vor sich hindümpelnder Landesverband wiederaufleben könnte. Vielleicht gibt es eines Tages Einflüsse von außen, sinniert der Realschullehrer, die heute ganz unvorstellbar seien: "An die Wiedervereinigung von Deutschland hat doch auch niemand mehr ernsthaft geglaubt."

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Hoffen und Bangen vor dem Prozess gegen Mesale Tolu

Am Montag entscheidet sich, ob die Journalistin frei kommt. Die Familie ist optimistisch. Diplomaten und Prominente verfolgen die Verhandlung im Istanbuler Justizpalast. weiter lesen