Ziel ist die Null-Emission

Von Atomkraft zum Windrad, vom Kopfschütteln zum Schulterklopfen - drei Landkreise haben sich als Bioenergie-Region Hohenlohe-Odenwald-Tauber verbündet. Ihre Erfolge gelten als vorbildlich.

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  • Bioenergiedorf Siebeneich: Zwischen Weinbergen und Obstplantagen werden Strom und Wärme umweltfreundlich erzeugt. Foto: Hans Georg Frank 1/2
    Bioenergiedorf Siebeneich: Zwischen Weinbergen und Obstplantagen werden Strom und Wärme umweltfreundlich erzeugt. Foto: Hans Georg Frank
  • Rolf Weibler testet die Durchwachsene Silphie. 2/2
    Rolf Weibler testet die Durchwachsene Silphie.
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Dem Ausstieg aus der Atomenergie wollte Achim Brötel, Landrat des Neckar-Odenwald-Kreises, eine neue Form der Stromerzeugung folgen lassen. Als das Kernkraftwerk Obrigheim 2005 abgeschaltet wurde, schaltete der Kreischef um auf regenerative Energie in großem Stil. Brötel verbündete sich mit seinen Kollegen Helmut M. Jahn in Künzelsau und Reinhard Frank in Tauberbischofsheim. 2008 entstand die "Bioenergie-Region HOT", wobei das Kürzel für Hohenlohe, Odenwald und Tauber steht, aber auch als "heiß" übersetzt werden kann - denn die Mitstreiter der drei Christdemokraten in den Landratsämtern glühen vor Ehrgeiz.

Das HOT-Konzept stieß 2009 in Berlin auf großes Interesse. Das Bundeslandwirtschaftsministerium wählte den Dreierbund als eine von 25 Modellregionen für erneuerbare Energien, bezuschusst mit 400 000 Euro. In der Geschäftstelle in Buchen, geleitet von Sebastian Damm (33), laufen die Fäden zusammen für die regionale Energiewende.

"Wir verkaufen kein Produkt, sondern eine Idee", erklärt der gelernte Journalist seine Aufgabe in dem 3204 Quadratkilometer großen Landstrich, der auf fossile Energieträger verzichten will. Das ehrgeizige Ziel ist die Null-Emission von Kohlendioxid. Wind, Wasser, Sonne und Biomasse sollen Erdöl, Erdgas und Kohle ablösen. Über 30 Millionen Euro wurden bereits in umweltfreundliche Anlagen investiert. Den Ökostrom können die 400 000 Einwohner der Modellregion schon nicht mehr selber verbrauchen.

"Nichts hinter verschlossenen Türen", heißt die HOT-Devise. "Wir wollen von Anfang an Vertrauen herstellen", sagt Damm. Deshalb wird zu Gesprächsrunden und Bürgerversammlungen geladen, um über die Pläne zu informieren. "Der Neidfaktor ist die Mutter aller gescheiterten Projekte", musste Damm erkennen. Als im vorigen Jahr 150 Agenten einfielen, um sich die besten Flächen für Windräder zu sichern, wurde das nachbarschaftliche Klima merklich gestört. Bis zu 35 000 Euro sei Grundbesitzern als Jahrespacht versprochen worden, während Eigentümer von Nachbarflächen leer ausgehen sollten. "Bauern wurden gegeneinander ausgespielt, das war eine ganz üble Nummer", ärgert sich Damm noch heute. "Da gehen Risse durch Ortschaften." 500 Interessenten ließen sich aufklären über die Machenschaften der "total unseriösen Geschäftemacher".

Zu den pfiffigen Typen der Energieregion gehört Richard Schreiber (75) aus Unterbalbach. Der Gärtner mit Doktortitel widmet sich der Züchtung von "Blattmassenbringern", Pflanzen also, die sich besonders gut für die Biovergasung eignen. Mit der Durchwachsenen Silphie ist Schreiber schon weit gekommen (siehe "Maisersatz" rechts). Jetzt nimmt er sich der Sida hermaphrodita an. Das Malvengewächs stammt aus Nordamerika, heißt dort "Virginia Mallow", seit etlichen Jahren in Polen wird es von der Landwirtschaftlichen Akademie Lublin auf 200 Hektar als Nachschub für die Energiegewinnung getestet. Die Malve eignet sich freilich nicht nur für Biogasanlagen, das Kraut taugt auch als hochwertiges Futter und für Dämmstoffe. Schreiber schätzt, dass Sida hermaphrodita über vier Meter hoch werden kann.

"An der Energiewende möchte ich aktiv mitarbeiten", erklärt der Botaniker seine Motivation. "Das ist mein Job, das kann ich." Dass ihn seine Parkinson-Erkrankung am Engagement behindert könnte, fürchtet Richard Schreiber nicht. Es gibt für ihn einen weiteren Grund für den Tag-und-Nacht-Einsatz im Gewächshaus: "Wenn wir das nicht machen, dann macht es der Chinese."

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