Zeuge im Schlecker-Prozess: Firma hatte am Ende keinen Plan

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Die Chefs der Drogeriekette Schlecker sind in der Endphase ihrer Firma nach einer Zeugenaussage ohne Plan der Insolvenz entgegengestolpert. Im Bankrottprozess gegen Anton Schlecker und seine Kinder vor dem Stuttgarter Landgericht sagte am Montag ein früherer Vorstand des Kreditversicherungsunternehmens Euler Hermes aus - die Firma hatte jahrelang Bürgschaften für Lieferungen an Schlecker gegeben, diese im Januar 2012 aber zurückgezogen. Wenig später war Schlecker pleite.

Vertreter des Drogeriekonzerns hätten Anfang Januar 2012 darum gebeten, millionenschwere Rechnungen erst später begleichen zu können, erinnerte sich der Zeuge. Man habe das abgelehnt, denn: „Das Unternehmen hat keinen plausiblen Plan darlegen können, warum man zu einem späteren Zeitpunkt hätte zahlen können.“ Nach seiner Darstellung war es unvermeidlich, die Reißleine zu ziehen und den Schutzschirm über Schlecker einzuklappen.

Er bezog sich dabei auf ein Treffen mit der Schlecker-Tochter Meike Schlecker und dem damaligen Finanz-Konzernvorstand Anfang Januar 2012 sowie auf ein Telefonat mit Anton Schlecker einige Tage später. Anton Schlecker habe ihm versichert, seine Firma sei „ein gutes Unternehmen“, zugleich aber keine realistische Perspektive auf Besserung der miserablen Lage aufgezeigt, so der Zeuge.

Der 50-jährige ehemalige Risikovorstand der Allianz-Tochter Euler Hermes brachte mit seiner Aussage zwar keine wesentlichen neuen Erkenntnisse für den Prozess, er gab aber Einblick in die turbulente Endphase des Konzerns. So versuchte Markant am 10. Januar 2012, gut 30 Millionen Euro von einem Schlecker-Konto für gelieferte Waren abzubuchen, die Abbuchung wurde aber zurückgewiesen.

Euler Hermes sicherte Lieferungen des Ein- und Verkaufsverbundes Markant an Schlecker ab - nach der Pleite wurde die Allianz-Tochter Hauptgläubiger in dem Insolvenzverfahren. Man habe einen finanziellen Schaden in „signifikant zweistelliger Millionen-Euro-Höhe“ erlitten, so der Zeuge. Im Herbst 2011 - also wenige Monate vor der Insolvenz - forderte Schlecker von Euler Hermes die Freigabe von Sicherheiten - etwa Immobilien - ein, um auf deren Grundlage neue Kredite aufnehmen zu können. Das habe man abgelehnt.

Nach der Insolvenz beauftragte Euler Hermes laut Gerichtsdokumenten ein „Post-Mortem-Team“, also eine Expertengruppe, welche Kosten für Euler Hermes nach Insolvenzen analysiert. Arbeitsauftrag für besagtes Team dem Dokument zufolge: „Betrug durch Lügen über die finanzielle Lage von AS“, wobei das Kürzel für den Anton-Schlecker-Konzern steht. Der Zeuge sagte aber, er wisse nicht, ob eine solche Analyse wirklich gemacht worden sei.

Etwas überraschend war, dass Euler Hermes den Schlecker-Konzern laut Zeugenaussage noch bis Mitte 2011 für relativ solide hielt - auf einer Skala von 0 bis 10 (0 sehr gut und 10 pleite) erhielt Schlecker in dem internen Euler-Hermes-Rating eine 6, war also im Mittelfeld - und das, obwohl Schlecker immer tiefer in Schulden versank. Das Rating 6 bedeutete dem Zeugen zufolge, dass das bewertete Unternehmen nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 2 Prozent binnen 12 Monaten insolvent sein würde. Für die Allianz-Tochter erwies sich diese Einschätzung als falsch - Ende Januar 2012 war die Drogeriekette Schlecker pleite.

Mitteilung des Landgerichts vom Dezember 2016

Anklage der Staatsanwaltschaft, April 2016

Insolvenzordnung

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