Zehn schicksalhafte Jahre

"Wo ist die schnelle Hilfe gewesen?" Zehn Jahre nach dem Badeunfall ihres Sohnes, der seither ein Pflegefall ist, äußern sich die Eltern über die Klage gegen die Stadt Heidenheim. Sie wollen Gerechtigkeit.

|

Vor zehn Jahren ist ihr Sohn im Heidenheimer Waldbad fast ertrunken. Die Schuld für das Unglück, so das Gerichtsurteil, liegt hauptsächlich bei der Stadt Heidenheim. Deren Versicherung aber will Berufung einlegen. Jetzt äußern sich die Eltern zum ersten Mal in der Öffentlichkeit - zum Unfall, zum Prozess, zum Leben mit ihrem schwerbehinderten Sohn.

29. Mai 2005. In die Köpfe einer Familie aus dem Kreis Heidenheim hat sich dieses Datum eingebrannt wie kein zweites. Es ist der Tag, der den damals sechsjährigen Sohn der Familie beinahe das Leben kostete. Im übervollen Nichtschwimmerbecken des Waldbades geht der Junge unter, wird erst Minuten später aus dem Wasser gezogen und reanimiert. Zu spät, wie sich nach mehreren Wochen auf der Intensivstation zeigt. Der Junge ist und bleibt schwerstbehindert, ein Pflegefall.

Die Schuldfrage blieb lange Zeit unbeantwortet. Der Opa, der versäumt hatte, den Nichtschwimmer zu beaufsichtigen? Die Stadt Heidenheim, die als Betreiberin des Waldbades für die Schwimmmeister zuständig ist? Kann im juristischen Sinne überhaupt jemand verantwortlich gemacht werden für das Schicksal, das die Familie seither zu tragen hat?

Im Zivilprozess vor dem Landgericht Ellwangen wurde Anfang Dezember ein Urteil gefällt: Der Großvater haftet zu 30, die Stadt zu 70 Prozent. Der Familie stehen 100.000 Euro Schadenersatz zu. Mindestens. Doch die Haftpflichtversicherung der Stadt legt sich quer, Der Fall geht jetzt vor das Oberlandesgericht Stuttgart. Ein Verhandlungstermin steht noch nicht fest.

"Wir wären mit dem Urteil zufrieden gewesen", sagt die Mutter. Zum ersten Mal seit jenem 29. Mai 2005 möchte sie sich mitteilen. Es gehe nicht um Mitleid. Nach all den Jahren und unzähligen Gerüchten hätten sie und ihr Mann schlicht das Bedürfnis, ihre Sicht der Dinge zu schildern. "Viele Leute sagen, wir sind nur auf das Geld aus", andere seien neidisch, sagt die Mutter, doch worauf? Auf den Sohn, der künstlich ernährt werden muss? Auf seine Geschwister, deren Leben sich an dem des großen Bruders orientiert?

Knapp fünf Jahre hat die Familie nach dem Unfall mit der Klage gewartet. Man habe versucht, sich außergerichtlich zu einigen. Tatsächlich geklagt wurde dann erst wenige Monate vor Ablauf der Frist, innerhalb derer ein Prozess auf Schadenersatz möglich ist. Der Druck des Umfeldes sei damals groß gewesen. Hinzu kommt die finanzielle Belastung, die die Familie zu stemmen hat. Medikamentenaufzahlungen; Umbau von Bad und Zimmer; ein behindertengerechtes Auto, um den Sohn zur Schule zu fahren; Therapien, die nicht von der Krankenkasse getragen werden. Je älter ihr Sohn werde, desto schlechter werde sein Zustand, sagt die Mutter. Die Probleme mit dem Skelett nehmen zu, die Muskeln bauen immer mehr ab. Die Kosten werden steigen.

Gepflegt wird der heute 16-Jährige jetzt im Eigenheim der Familie. 24 Stunden ist eine 1:1-Betreuung durch Pflegedienst oder Eltern notwendig. Weil sich der Kiefer des Jungen nach hinten verschoben hat, besteht Erstickungsgefahr durch die Zunge. Hinzu kommt eine Vielzahl Krankheiten des Wachkoma-Patienten: Wirbelsäulenverkrümmung, Spastik, Epilepsie, Osteoporose. Die Sehnen verkürzt, die Hände verkrampft, ständige Gefahr des Wundliegens. "Wir haben ein halbes Krankenhaus hier", sagt die Mutter. Fragen können sie den 16-Jährigen nicht, sprechen kann er nicht mehr. Und auch die Hör- und Sehfähigkeit ist stark eingeschränkt. Dass er etwas oder jemanden registriert, erkennt man nur am Gesichtsausdruck. Früher sei das anders gewesen: Ihr Sohn sei fröhlich gewesen, sportlich - und gesund.

Im Gespräch werden Erinnerungen wach, Wunden wieder aufgerissen. Trotzdem will sie sich über den Grund für die Klage gegen die Stadt äußern. Man sei sich sehr wohl bewusst, dass ein Teil der Schuld beim Opa des Jungen liege, sagen die Eltern. Es gehe ihnen um das Danach, um das, was ihrer Meinung nach nicht oder zu spät geschehen ist. "Wo ist die schnelle Hilfe gewesen?", klagt der Vater. Und vor allem: Wie könne es sein, dass nur zwei Bademeister 5400 Badegäste beaufsichtigen? "Klar möchte man irgendwann ein Ende", sagt die Mutter. Aber man sei geduldig. Der Wunsch nach Gerechtigkeit steht über allem.

Versicherung bleibt stur

Berufung Die Stadt Heidenheim wäre, wie Bürgermeister Rainer Domberg (SPD) sagt, froh gewesen, wenn der Fall mit dem Ellwanger Urteil beendet worden wäre. Doch die Haftpflichtversicherung will sich diesem Spruch nicht beugen und Berufung einlegen. "Ob der Schaden ersetzt wird, entscheidet allein die Versicherung", sagt Domberg. Daher habe die Stadt selbst auch keinerlei Möglichkeit, sich für oder gegen eine Berufung zu äußern.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Eine rauschende Nacht der Wohltätigkeit

Schon zum zwölften Mal stieg die Charity Night. Erstmals in der Ratiopharm Arena, die sich in elegantes Dunkel hüllte. Mehr als 700 Gäste genossen Stars, erstklassige Speisen und stilvolle Showeinlagen. weiter lesen