Wo Touristen noch Fremde sind

Ist der Begriff „Fremdenverkehrsgemeinschaft“ noch zeitgemäß? Im Schwäbischen Wald hat zum 40-jährigen Bestehen das Nachdenken begonnen.

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Beliebtes Ziel für Wanderungen in den Schwäbischen Wald: Die Menzlesmühle bei Kaisersbach im Rems-Murr-Kreis.  Foto: 

Bei seinem Amtsantritt in Waiblingen brauchte der neue Landrat des Rems-Murr-Kreises etwas Nachhilfe in Geografie. Richard Sigel (parteilos) ist 1978 in Münsingen geboren, wuchs in Römerstein auf. Als er erstmals vom Schwäbischen Wald hörte, hat er gleichsam automatisch an die heimatliche Alb gedacht, an lichte Wacholderheiden, nicht an dunkle Wälder. Daraus schließt der Kreischef, „dass der Schwäbische Wald auch nach 40 Jahren noch Nachholbedarf hat“. 1976 hat sich auf Initiative von Sigels Vor-Vorgänger Horst Lässing (CDU) ein Verein namens Fremdenverkehrsgemeinschaft formiert, um als schlagkräftiger Zusammenschluss den erholsamen Landstrich als Ziel für Urlauber und Ausflügler zu vermarkten. Im Buhlen um die Gunst der Gäste wollten sie gemeinsam mit den Wettbewerbern vom Schwarzwald und vom Bodensee wenigstens einigermaßen bestehen, auf keinen Fall aber kampflos aufgeben.

Vor vier Jahrzehnten waren Fremdwörter nicht so en vogue wie heute. Von Tourismus sprachen vielleicht Experten. Im Schwäbischen redete man lieber über Fremdenverkehr, für den es ja auch ein paar Fremdenzimmer gab. Der gesellschaftliche Wandel der Wortwahl hat im Schwäbischen Wald bisher keine Auswirkung gehabt. Unverdrossen sind die Erholungskommunen samt Landkreis in der Fremdenverkehrsgemeinschaft zusammengeschlossen, wie der „political correctness“ zum Trotz.

Der Erfolg, meint Landrat Sigel, gibt ihnen Recht. Der Name trete ja nirgends in den Vordergrund: „Wir vermarkten an erster Stelle den Landschaftsraum Schwäbischer Wald und nicht unsere Organisation.“ Das Erscheinungsbild sei „ein modernes, einladendes, sehr sympathisch, freundlich und zeitgemäß“. Dass das Element „Fremd“ in dem Wortungetüm heutzutage abschreckend wirken könnte, glaubt Sigel nicht.

Tatsächlich hat sich die vom Weltkulturerbe Limes durchzogene Region, gleichsam eine grüne Lunge der Landeshauptstadt, in den vier Jahrzehnten im Wettbewerb um die Gunst von Gästen einen guten Platz gesichert. Anfangs lockte allein der von Lässing persönlich erfundene Mühlenwanderweg die Ausflügler an, komfortable Betten waren eher rar. Inzwischen haben sich Angebot und Qualität der Unterkünfte deutlich verbessert. Diverse Herbergen können insgesamt 4000 Übernachter gleichzeitig aufnehmen, außerdem warten 140 Ferienwohnungen auf die Belegung durch Ruhesuchende. Die Ortschaften sind verbunden mit fünf Freizeitbussen, die auch Fahrräder befördern. In der kalten, besucherärmeren Jahreszeit erfreuen sich die Winterkulturtage in Mühlen und Bauernhöfen einer zunehmenden Auslastung; in der letzten Saison waren 90 Prozent der Karten verkauft.

Auch wenn der lärmige „Schwaben-Park“ mit seinen Karussells und Achterbahnen im Verbandsgebiet liegt, trumpft die Region innerhalb des Naturparks Schwäbisch-Fränkischer Wald eher mit stiller Schönheit auf. Wo Siedlungen Fratzenwiesenhof, Siebenknie und Blindenmannshäusle heißen, wo Telefonnummern noch mit drei Zahlen auskommen, dort kann man sich wandernd auf gut beschilderten Wegen verlustieren, ohne von Mitmenschen gestört zu werden. „Nirgendwo gibt es auf so engem Raum in so rascher Abfolge so abwechslungsreiche Landschaftsformationen wie hier“, wirbt Geschäftsführerin Barbara Schunter für „das größte zusammenhängende Waldgebiet Württembergs“. Dies sei „ein Geschenk seiner besonderen Geologie“. Im Wandern sieht sie die Kernkompetenz auch für die jährlich rund vier Millionen Tagesgäste. Angebote werden kontinuierlich erweitert, im September wird es erstmals einen „Mühlenwandermarathon“ geben.

Andreas Braun, Geschäftsführer des Tourismusmarketings Baden-Württemberg, sieht die Entwicklung im Schwäbischen Wald mit Wohlgefallen. Gleichwohl schlägt er vor, den Namen der Gemeinschaft einer Reform zu unterziehen und „Fremde“ durch „Gäste“ zu ersetzen, „sie sind ja schließlich willkommen“. Völlig verschließen mag sich der Landrat als Vorsitzender gerade am 40. Geburtstag dieser Überlegung nicht, erreichen Schwaben doch dann das Stadium der Gescheitheit. Dies sei, verriet Richard Sigel der SÜDWEST PRESSE, „ein Gedanke, über den man nachdenken kann“.

Feier zum 40-jährigen Bestehen mit Weidefest

Mitglieder Die Fremdenverkehrsgemeinschaft Schwäbischer Wald besteht aus dem Rems-Murr-Kreis und den 15 Kommunen Alfdorf, Althütte, Aspach, Großerlach, Gschwend, Kaisersbach, Mainhardt, Murrhardt, Oppenweiler, Rudersberg, Spiegelberg, Sulzbach, Weissach im Tal, Welzheim und Wüstenrot. Am 1. Juli kommt Berglen dazu. Das 40-jährige Bestehen wird am Sonntag, 29. Mai, mit einem Weidefest in Murrhardt-Vordermurrhärle gefeiert. Beginn ist um 11 Uhr mit einem Frühschoppen.

Ursprünge Der Urlaub im Schwäbischen Wald wurde schon in den 1880er Jahren  geschätzt. Es kamen „Luftschnapper“ aus den Städten zur Sommerfrische, viele blieben sogar mehrere Wochen. Weitere Infos: www.schwaebischerwald.com hgf

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