Windräder und Sturmläufe

Die roten Leuchten der Windräder blinken am Nachthimmel über Temmenhausen, vom östlichen Ortsrand hat man einen guten Blick auf die acht Anlagen. Jeden Morgen, wenn Wolfgang Dreher sich auf den Weg zur Arbeit macht, fällt sein Blick auf die hohen Stahltürme und die Rotoren neben der Autobahn.

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Strommix im Südwesten.  Foto: 

"Man gewöhnt sich dran", sagt Dreher. Auch wenn er den Anblick noch immer nicht erbauend findet. "Das Panorama hat sich verändert", sagt Dreher. Früher habe man von Temmenhausen oft einen unverstellten Blick auf die Alpen gehabt. Auch die Blinklichter, die nachts in wirren Intervallen in die Fenster funkelten, seien anfangs sehr störend gewesen. "Mittlerweile sind sie synchronisiert, es ist besser geworden", sagt Dreher. "Man kann damit leben."

Vor etwa zehn Jahren, als der Windpark "Keltenschanze" geplant wurde, war er das große Thema in dem 640-Einwohner-Ort und den Nachbardörfern im Alb-Donau-Kreis. 57 Anlagen hatte der erste Regionalplan-Entwurf als "Potenzial" an dem Standort vorgesehen, das ließ die Wogen bei vielen hochschlagen.

Dreher hat noch viele Unterlagen von damals, auch das Bild einer Computersimulation: Rotoren, soweit das Auge reicht, so hätte das ausgesehen, mit 57 Anlagen. "Das Dorf war in Aufruhr", sagt Dreher, der mit anderen eine Bürgerinitiative (BI) gründete. "Eine Unverschämtheit, dass man so etwas überhaupt plant." Heute stehen acht Anlagen, drei weitere sind geplant. Doch die Sorgen im Ort sind nun andere: Für den A8-Ausbau und die ICE-Neubaustrecke Ulm-Stuttgart wird vor dem Ort die Alb umgegraben. Lärm, Dreck, Baustellenverkehr: "An Windräder denkt im Moment keiner mehr", sagt Dreher.

Das Leben, das Ortsbild, das Panorama: All das hat sich verändert in Temmenhausen. Heute wachsen Kinder im Ort auf, die es nicht mehr anders kennen, die nicht wissen, wie der Horizont mal aussah. Manchen gefällt der Anblick sogar, viele andere haben sich daran gewöhnt. Und wer stört sich zum Beispiel noch am Anblick der allgegenwärtigen Hochspannungsleitungen?

Um diesen Prozess geht es beim Thema Energiewende: Es geht um das Neue, Ungewohnte, um Veränderungen, um Eingriffe: ins Landschaftsbild, in Wälder, in die Perspektive vor dem eigenen Fenster. Alles, was gewohnt wird, war irgendwann einmal neu. Doch das Neue provoziert heute vielerorts zunächst einmal eines: Widerstand.

Ende November 2015 sitzt Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf einem Podium in Ulm, und er hat ein Geständnis zu machen. Es belastet ihn, wie langsam die Windkraft im Land in fast fünf Jahren Regierungszeit vorangekommen ist. Die Vorschriften, die Verfahren, die Belange, die man beachten müsse, von Radarstationen bis zu den Nistplätzen des Roten Milan. Und dann auch noch: die Gegner. Überall, wo Windräder geplant würden, gründe sich eine Bürgerinitiative, die erbittert dagegen kämpfe. "Es sind immer dieselben Argumente", sagt Kretschmann halb resigniert, und jedesmal versuche er mit Engelszungen, zu erklären: Dass Baden-Württemberg alternative Energien brauche, dass dafür auch Eingriffe nötig seien. Dass man keine Angst zu haben brauche. Und dass man mit der Haltung "Windkraft ja - aber nicht bei uns" nicht weiterkomme.

Doch so leicht lassen sich Bürger nicht überzeugen, auch nicht vom Landesvater ."Können Sie das jetzt akzeptieren?", habe er eine Gruppe Windkraft-Gegner in Nordwürttemberg nach einer Diskussion gefragt. Als die Antwort nein lautete, "da bin ich ausgerastet", gesteht Kretschmann. Es tue ihm leid, sowas dürfe ihm nicht passieren, sagt er - und ist froh, dass keiner den Vorfall mit einem Smartphone gefilmt hat.

Der Frust, die ungewohnten Emotionen, sie kommen nicht von ungefähr. "Wir wollen bis 2020 mindestens 10 Prozent unseres Stroms aus heimischer Windkraft decken", haben Grüne und SPD sich 2011 in den Koalitionsvertrag geschrieben. Davon ist das Land noch weit entfernt. 2014 verharrte der Wert bei 1,2 Prozent. Aktuell steigt die Zahl der Anlagen und Genehmigungen stark an. Doch das Land braucht den Strom, und das schnell.

Denn auch die Trassen, die Windstrom von Nord nach Süd bringen sollen, kommen kaum voran. Dabei kann der Energiehunger Baden-Württembergs seit jeher nur durch Importe gestillt werden: 21 Prozent des Stroms kommt aus anderen Bundesländern und dem Ausland - Tendenz steigend. Ein Eckpfeiler fällt indes bald weg: die Atomenergie, die noch immer ein Drittel des Stroms im Land produziert. 2019 und 2022 werden die letzten Atommeiler in Philippsburg und Neckarwestheim vom Netz gehen.

Auch wenn aktuell die Windkraft endlich Fahrt aufnimmt: Die strukturellen Probleme bleiben. Um einen Termin hat die grün-rote Regierung denn auch nicht viel Aufhebens gemacht: Die Eröffnung des bundesweit größten Kohlekraftwerks in Mannheim im September fand ohne Kretschmann statt. Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) sagte, Kohle sei zwar nicht "der Brennstoff der Zukunft", doch für eine "sicherere Stromversorgung" seien die 2150 Megawatt des Mannheimer Meilers vorerst unerlässlich. Dass klimaschädliche Kohle auf Sicht das Rückgrat der Energiewende ist, zeigt sich nirgends so klar wie im Südwesten.

Für Wolfgang Dreher ist alles eine Frage der Alternativen. "Wir müssen weg von der riskanten Atomenergie", ist er überzeugt, dafür müsse man sich zusammenraufen. In der Temmenhauser Bürgerinitiative hat er sich daher immer dafür stark gemacht, dass man sich nicht total verweigert. "Unsere Position war von Anfang an die, dass wir mit zehn Anlagen leben können", sagt Dreher. Für diese Kompromissbereitschaft habe er sich "einiges anhören" müssen. Doch mit der Prämisse brachte die BI das Dorf hinter sich, sammelte 2500 Unterschriften. Am Ende habe die Bürgerinitiative ihr Anliegen durchgesetzt, auch eine Höhenbegrenzung wurde in die Pläne geschrieben. Man müsse nicht immer Extrempositionen vertreten, um etwas zu erreichen. "Unser Einsatz hat sich gelohnt", sagt Dreher, sonst wäre Temmenhausen damals politisch unter die Räder gekommen. Leider sei später durch neue Beschlüsse einiges wieder aufgeweicht worden: Nun werden es bald elf Anlagen sein, die auch höher ausfallen werden.

Wenn er heute andere Bürgerinitiativen betrachtet und verfolgt, wie professionell und auch unversöhnlich manche agieren, wundert er sich. "Das war bei uns noch eine ganz andere Zeit." Auch der Artenschutz, an dem heute viele Windkraft-Projekte scheitern, sei damals kein großes Thema gewesen. "Dass bei uns der Rote Milan fliegt, war bekannt, wir haben mehrfach darauf hingewiesen, doch es ist nie jemand darauf eingegangen." Dennoch seien die Probleme immer dieselben, ob es um Windräder oder um Stromtrassen gehe. "Jeder, bei dem so etwas geplant wird, wehrt sich erstmal dagegen."

Wahlprogramme: Was die Parteien wollen

Erneuerbare Energien, Klimaschutz, grüne Technologien: Beim Thema Energiewende liegen die Unterschiede der Parteien nur noch im Detail - sieht man von der AfD ab.

Bei den Regierungsparteien haben die Grünen thematisch klar den Hut auf: Auf 14 Seiten skizzieren sie ihre Vision der Energie-Zukunft: Ausbau von Wind- und Solarenergie, Förderung von Energieeffizienz, eine Klima-Stiftung im Land, mehr erneuerbare Wärme. Bei der SPD gibt es davon die Kurzfassung (3 Seiten). Im Wesentlichen propagiert Grün-Rot die Fortsetzung ihrer Regierungspolitik: Bis 2020 sollen zehn Prozent des Stroms aus Windkraft kommen, bis 2050 sollen CO2-Verbrauch (minus 90 Prozent) und Energieverbrauch (minus 50 Prozent) massiv gesenkt werden. 2050 sollen 80 Prozent der Gesamtenergie im Land erneuerbar sein.

"Wir sagen ja zur Energiewende", schreibt auch die CDU, fasst sich aber kurz und widmet dem Thema von 156 Programm-Seiten nur 4. Die CDU will die Stromnetze intelligent machen, außerdem soll ein Kompetenzzentrum das Know-How aller Forschungseinrichtungen im Land bündeln. Das von Grün-Rot zum "Bürokratiemonster" aufgeblähte Erneuerbare-Wärme-Gesetz soll ausgesetzt werden. Bei Windrädern soll ein Mindestabstand von 1000 Metern zu Wohnhäusern gelten (bisher 700 Meter).

Die FDP setzt ihren Schwerpunkt auf die massive Förderung von Forschung und Innovation - für den Ausbau der Erneuerbaren sollen Subventionen hingegen "Stück für Stück" wegfallen. Gestoppt werden soll der Ausbau der Windkraft im Staatswald - den Mindestabstand zu Wohnhäusern will die FDP sogar auf 1500 Meter erhöhen.

Die Linke fordert Sozialtarife für Strom und Wärme, ein öffentliches Bau-Investitionsprogramm - und den Komplettumstieg auf erneuerbare Stromerzeugung bis 2040.

Die AfD setzt hingegen voll auf die Zukunft der Atomkraft; die Kerntechnikkompetenz im Land solle "erhalten" bleiben, für die Energiewende ein "zehnjähriges Moratorium" gelten. Diese sei ohnehin ideologisch motiviert und "illusorisch" - ob der Ausstoß von CO2 wirklich den Klimawandel verursache, sei hingegen fraglich.

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