Windkraft in Baden-Württemberg: Zurück auf Null

Kaum kommt der Windkraft-Ausbau auf Touren, folgt die Vollbremsung: Im Vergabe-System geht Baden-Württemberg leer aus. Nun kommt es auf die neue Bundesregierung an.

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    Düstere Zeiten für die Windkraft im Südwesten: Der Ausbau kommt vorerst zu einem Stopp, die Zukunft ist unklar. Foto: 
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Im Stuttgarter Umweltministerium hat man lange auf gute Nachrichten bei der Windkraft gewartet, nun werden sie auch ausgekostet. Auf mehr als 600 ist die Zahl der Rotoren im Land mittlerweile geklettert. Bei der Strom-Ausbeute fallen Rekordmarken: Der erste Sturm Mitte September wehte laut Netzbetreiber TransnetBW für einige Stunden erstmals über 1000 Megawatt Windkraft-Strom ins Netz. Das entspricht etwa der Leistung eines kleineren Atommeilers. Für Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) der Beweis, dass Windkraft im Land „maßgeblich zur Energiewende und zum Klimaschutz beitragen kann“.

Doch die Zeit der guten Nachrichten ist bald vorbei. Der Windkraft im Land droht eine jähe Vollbremsung. Die Zahl der Bauanträge nähert sich bereits der Nulllinie. Genehmigte Projekte werden noch abgearbeitet – neue kommen nicht hinzu. „Dass der Ausbau im Land einbricht, ist keine Frage“, sagt Ralf Heineken, Sprecher des Umweltministeriums. Nur ändern könne das Land daran nichts. „Wir haben darauf nur noch wenig Einfluss und hängen am Tropf des Bundes.“

Ursache für das Ende des Windkraft-Märchens ist das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das Anfang 2017 in Kraft getreten ist. Das Gesetz hat zwei Elemente: Erstens wird der jährliche Ausbau gedeckelt. Und zweitens wird per bundesweiter Ausschreibung entschieden, welche Projekte zum Zug kommen. Bewerber müssen sich beim Vergütungssatz für den Strom gegenseitig unterbieten, das soll den Wettbewerb erhöhen. Dabei wird Süddeutschland abgehängt: Aus beiden Tranchen, die die Bundesnetzagentur dieses Jahr vergeben hat, bekam kein einziges Projekt aus Baden-Württemberg den Zuschlag. In Bayern sieht es kaum besser aus.

Wie Ananas auf Grönland

„Wir sehen ein klares Ungleichgewicht“, sagt Christian Oberbeck, Landesvorsitzender des Windenergie-Verbands BWE. „Es kommen fast nur Projekte in Norddeutschland zum Zug.“ Eigentlich sollen regionale Unterschiede in der Wind-Ausbeute per „Referenz-Ertragsmodell“ berücksichtigt werden. In der Praxis klappt das aber offenbar nicht. „Mit den Werten, die da berechnet werden, kommen wir bei weitem nicht hin“, sagt Oberbeck. Zudem würden höhere Erschließungs- und Logistikkosten nicht berücksichtigt.

„Wir haben auch in Süddeutschland gute Standorte für die Windkraft“, sagt Minister Untersteller auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. Der Aufwand für den Bau sei aber wegen der „völlig anderen landschaftlichen Voraussetzungen“ im Süden höher im Norden. So verteuern etwa die umständlichere Zuwegung sowie längere Leitungen bis zum nächsten Netzanschluss die Projekte. Das werde im Vergabemodell nicht berücksichtigt. Schon früh hatte Untersteller sich für ein „eigenes Kontingent für den Süden“ ausgesprochen – vergeblich.

Was der grün geführten Landesregierung und der Branche Sorgen macht, lässt Windkraftgegner frohlocken. Auch die FDP im Landtag fühlt sich bestätigt: Nun sei durch die Netzagentur amtlich bestätigt, was die Liberalen schon lange vermuteten. „Ganz offensichtlich ist Baden-Württemberg im Wettbewerb der Standorte nicht attraktiv genug“, sagt Gabriele Reich-Gutjahr, bei der FDP-Fraktion für Umwelt zuständig. Es sei im Sinne der Effizienz sinnvoll, dort zu bauen, wo am meisten Wind weht – also nicht im Süden. „Es werden große Investitionen getätigt, um Windstrom aus dem Norden, der dort keine Abnehmer findet, in den Süden zu bringen“, sagt Reich-Gutjahr. Weitere Dezentralisierung sei nicht nötig – auch im Sinne der Verbraucher, die alles bezahlen müssten: „Windräder in Baden-Württemberg sind so sinnvoll wie Ananas-Anbau auf Grönland.“

Im Umweltministerium sieht man das anders. „Auch die aktuellen Pläne zum Netzausbau setzen den weiteren Ausbau der Windenergie im Süden voraus“, sagt Untersteller. Es sei sinnvoll, auch dort zu produzieren, wo die industriellen Verbrauchszentren seien. Genügend Potenzial und geeignete Standorte gebe es im Land durchaus zur Genüge.

Mit Spannung blicken die Befürworter deshalb im Moment zu den anstehenden Koalitionsverhandlungen nach Berlin – wie es weitergeht, entscheidet die neue Koalition im Bund „Die neue Bundesregierung muss die aktuelle Schieflage beim EEG beseitigen“, fordert Untersteller. Ob er bei einem möglichen Jamaika-Bündnis Gehör findet, ist völlig unklar.

„Es ist auch die Frage, wie ernst man es mit dem Klimaschutz nimmt“, sagt Oberbeck. Denn Windkraft sei weltweit schon lange keine Energie mehr, die man massiv subventionieren müsse – sondern vielmehr die kostengünstigste Erzeugungsform für Strom. Derzeit beherrschten aber noch Überkapazitäten durch billigen Kohlestrom den Markt. „Es steht auch eine Entscheidung an, ob man endlich die Kohlekraft zurückfährt – oder die heimischen Windkraft-Branche gegen die Wand fahren lässt.“

Kommentar zum Windkraft-Stopp im Südwesten

Wer schon immer gegen die „Verspargelung der Landschaft“ gewettert hat, dürfte frohlocken: Zumindest vorerst ist Schluss mit dem Windkraft-Ausbau im Südwesten. Der Bund hat den Ausbau gedeckelt und einen Vergabe-Wettbewerb um begehrte Kontingente aufgesetzt. Unter diesen Bedingungen hat der Süden kaum eine Chance. An der Küste weht nicht nur mehr Wind – dort sind Projekte auch billiger zu bauen.

So wird Baden-Württemberg, wo die Windkraft unter CDU-Regie jahrelang politisch blockiert worden war, ein zweites Mal abgehängt. Wie schlimm das ist, ist Ansichtssache. Man kann einen Glaubenskrieg darüber ausfechten, ob es sinnvoller ist, Windstrom über hunderte Kilometer durch teure Trassen von Nord nach Süd zu pumpen – oder ob man ihn besser direkt vor Ort produziert. Die reine Wahrheit gibt es nicht. Der Industriestandort Südwesten war – trotz Atomkraft – schon immer ein Netto-Strom-Importeur.

Doch allzu laut sollten die Jubelschreie der Windkraftgegner nicht ausfallen: Mittelfristig dürfte der Siegeszug der Rotoren nicht aufzuhalten sein. Weltweit geht es ohnehin voran; und auch im Südwesten ist ein Comeback möglich. In der jüngsten Ausschreibung der Bundesnetzagentur kamen Projekte mit einer Durchschnitts-Vergütung von 4,28 Cent pro Kilowattstunde zum Zug. Mit solchen Preisen sind die Anlagen auch ohne Förderung am Markt konkurrenzfähig – erst recht, wenn alte Kohlemeiler, die das Netz mit schmutzigem Strom fluten, abgeschaltet werden. Es ist diese Baustelle, die die künftige Bundesregierung endlich angehen muss, wenn sie es mit Klimaschutz und Energiewende ernst meint.

An den Genehmigungen für neue Anlagen lässt sich Auf- und Abschwung der Windkraft im Land gut ablesen: Erst seit 2014 lief der Ausbau gut – doch seit diesem Jahr bricht die Zahl neuer Projekte ein. Für 2017 rechnet die Landesregierung zwar noch mit einem Zubau von mehr als 100 (bereits genehmigten) Anlagen, danach ist aber wohl vorerst Schluss.

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Kommentare

10.10.2017 10:54 Uhr

Schein und Sein - Wunschdenken und Realität

Das Eine sind (Wunsch-)Träume, das Andere ist die Realität: man lese nur die zwei Beiträge und erkenne den Unterschied.
Darüber sollte sich dann auch der Kommentator der SWP so mal seine Gedanken machen.
Es geht bei beiden Beitägen um den auch landespolitisch gewollten und auch hofierten Windpark Simmersfeld im Schwarzwald.
Ein leistungsfähiger Windpark
In Simmersfeld aber erkärt der Bürgermeister den Bürgern von Pfronstätten, "dass die Erwartungen an "Voll-Laststunden und Leistungshergabe" bei weitem nicht erfüllt wurden. Und daß nach Jahren immer noch keine Gewerbesteuern angefallen sind. (Ein Alptraum für jeden Bürgermeister)
http://www.swp.de/muensingen/lokales/alb/ein-leistungsfaehiger-windpark-7578332.html
Windenergie, Flaute am Windrad
https://www.swr.de/odysso/flaute-am-windrad/-/id=1046894/did=12799370/nid=1046894/7h0jab/index.html

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10.10.2017 02:01 Uhr

Hub-bidu ! Guckesthu !: Deutscher Strom zu billig

In den Niederlanden geht eine Aluminiumhütte pleite. Sie gibt billigem deutschem Strom die Schuld.


http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/deutscher-strom-zu-billig-energiewende-verrueckt-12747532.html


Deutscher Strom kann richtig billig sein - wenn man ein Unternehmen ist. Über Strompreise von 25 Cent pro Kilowattstunde (kWh) und mehr, wie sie Privathaushalte zahlen müssen, können Firmen nur lachen. Kleinere Unternehmen zahlen oft nur 12,8 Cent/kWh - und selbst diese schauen neidisch auf die Großindustrie, die ihren Strom schon für knapp 6,4 Cent/kWh bekommt.


http://www.t-online.de/finanzen/energie/id_66145756/strompreise-fuer-unternehmen-so-billig-kann-deutscher-strom-sein.html


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Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
Immanuel Kant

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09.10.2017 19:16 Uhr

Deutschland auf dem Weg zum Spitzenplatz

Die Energiewende, die angeblich nichts kosten soll, hat Deutschland den zweithöchsten Strompreis in Europa verschafft. Die Windkraft-affinen Dänen haben noch teureren Strom.
Mit dem weiteren Ausbau sinnloser Windräder werden wir die Spitze erreichen und damit kann die Welt lernen, wie eine Industrienation durch Ideologie sich selbst schadet.

Jetzt kommt bald die Dunkelzeit mit Windflaute, wo man seltsamerweise wenig über die tolle Windkraft lesen kann. Wer dann zuverlässig Strom liefern kann, hätte Subventionen verdient.

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