Wieder erfolgreiche Raster-Fahndung

Die Beweislage ist oft schwierig, die Tatverdächtigen sind längst Greise oder tot. Trotzdem setzen die Nazi-Jäger aus Ludwigsburg unbeirrt ihre Suche fort. Wieder stehen neue Namen auf ihrer Liste.

|

Nach dem NS-Konzentrationslager Auschwitz haben die Nazijäger der weltweit einzigartigen NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg Verbrecher im früheren deutschen Vernichtungslager Majdanek im Visier: Nach Auskunft des Behördenleiters Kurt Schrimm stehen derzeit 17 Ex-Aufseher in Majdanek auf der Liste der Fahnder, darunter auch vier Frauen. "Ihnen wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen", sagte Schrimm.

Drei Fälle seien bereits an die zuständigen Staatsanwaltschaften abgegeben worden, zwei nach Stuttgart, einer nach Mainz. "Die Beweislage ist aber schwierig", betonte Schrimm. Die Ludwigsburger hatten nach Verdächtigen gesucht, die von September 1942 bis September 1943 aktiv waren. In diesem Zeitraum wurde Majdanek als Vernichtungslager genutzt. "Majdanek ist ein sehr kompliziertes Lager und für uns schwieriger zu bearbeiten, weil es keinen abgegrenzten Tötungsbereich gab wie in anderen Nazi-Lagern", sagte Schrimm.

Zur Verschleierung ihrer Taten hätten die Lagerangehörigen zum Kriegsende hin in Majdanek Juden nicht selbst getötet, sondern von Einheiten von außerhalb beispielsweise erschießen lassen. "Wir haben wenig Material, die Dokumentenlage ist nicht optimal."

Bereits Ende 2013 hatte die Zentrale Stelle wegen Beihilfe zum Mord in Auschwitz 32 Vorermittlungen an Staatsanwaltschaften in elf Bundesländern abgegeben. Wie eine dpa-Umfrage ergab, sind neun mutmaßliche Täter verhandlungsunfähig. In einem weiteren Fall war ein Tatverdächtiger bereits in Polen verurteilt worden. Vier Tatverdächtige sind gestorben. Somit sind insgesamt noch 14 Auschwitz-Verfahren bei den Staatsanwaltschaften anhängig, davon fünf in Stuttgart. Sieben weitere mutmaßliche Auschwitz-Täter leben im Ausland; in diesen Fällen wurde das Bundeskriminalamt eingeschaltet.

In Auschwitz wurden mindestens 1,1 Millionen meist jüdische Häftlinge ermordet. Nach Schätzungen von Experten starben mindestens 250 000 Menschen im KZ Majdanek - Männer, Frauen und Kinder aus rund 50 Nationen.

Zuletzt hatte die Würzburger Staatsanwaltschaft Ende Juni ihre Ermittlungen gegen zwei mutmaßliche frühere KZ-Wachmänner in Auschwitz eingestellt. Die um die 90 Jahre alten Männer aus den Räumen Aschaffenburg und Coburg sind aus gesundheitlichen Gründen dauerhaft nicht verhandlungsfähig.

Schrimm und zwei seiner Kollegen kamen jüngst aus Brasilien zurück. "Leider keine heiße Spur", lautet das vorläufige Fazit nach der zweiwöchigen Reise, bei der 800 000 Karteikarten gesichtet wurden. 600 handschriftliche Aufzeichnungen müssen nun mit den hauseigenen 1,7 Millionen Daten der Zentralkartei abgeglichen werden.

Die Kriterien bei der Suche nach NS-Tätern weltweit sind seit Jahren gleich: Gerastert wird nach den Geburtsjahren 1915 bis 1928, die Einreisezeit sollte 1945 bis 1955 sein. Alleinreisende erregten Aufmerksamkeit und erst recht, wenn sie mit einem Pass des Deutschen Roten Kreuzes ausgestattet waren. Rot-Kreuz-Helfer erhielten Zugang zu Konzentrationslagern. Bekannt ist laut Schrimm aber auch, dass viele Nazis sich mit Hilfe von Rot-Kreuz-Dokumenten in andere Länder absetzten.

Die NS-Fahndungsstelle

Aufgaben Die "Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg wurde 1958 gegründet. Sie soll Nazi-Täter ermitteln und mit Hilfe der Staatsanwaltschaften vor Gericht bringen. Sie lieferte das Material für zahllose NS-Verfahren und ermöglichte erst die großen Auschwitz-Prozesse 1963 bis 1965 und 1964 bis 1966 in Frankfurt/Main und den Majdanek-Prozess von 1975 bis 1981 in Düsseldorf. Leiter ist seit Oktober 2000 Oberstaatsanwalt Kurt Schrimm. 

 

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Kostenlos Bus fahren an vier Adventssamstagen

Alle Ulmer Fraktionen wollen den baustellengeplagten Handel vor Weihnachten unterstützen. Der Nahverkehr soll an Adventssamstagen kostenlos sein. weiter lesen