Wieder Ärger mit dem Artenschutz

Erneut hat die Bahn Probleme mit Eidechsen beim Großprojekt Stuttgart-Ulm. Eine Population bei Wendlingen bedrohe den anvisierten Baufertigstellungs-Termin 2021. Der BUND reagiert skeptisch. <i>Mit einem Kommentar von Fabian Ziehe: Immer auf die Echsen.</i>

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Die kleine Zauneidechse (Lacerta agilis) sorgt der Bahn zufolge für neue Terminnöte beim Großprojekt Stuttgart-Ulm.  Foto: 

Grün-braun der schuppige Tarnfleck, das Maul aufgerissen, die Krallen einen Zeigefinger packend: Eine Eidechse schmückt das Magazin "Bezug", das Bahnmitarbeiter am Mittwoch am Hauptbahnhof Stuttgart an die Reisenden verteilten. "Kleine Tiere, großer Aufwand" lautet die Überschrift zum Schwerpunkt des Hochglanz-Produkts, das Themen rund um das Bahnprojekt S 21 und die Neubaustrecke nach Ulm vorstellt.

Der Chef des Projekts, Manfred Leger, legte gestern im Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" nach: "Am meisten Sorgen macht uns der Artenschutz", sagte er in Hinblick auf die "Eidechsen-Problematik" und die Schwierigkeiten, Ausweichquartiere zu finden. Pro umzusiedelnden Tier rechne er mit 2000 bis 4000 Euro Kosten. Im Falle der Reptilien beim Bahnhof Stuttgart-Untertürkheim habe es ein Tier gar auf 8600 Euro gebracht; dort mussten die Tiere genetisch getestet werden. "Das ist ein ausuferndes Thema", resümiert Leger.

Worauf "Bezug"-Artikel und Leger hinaus wollen: Auch bei der Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm, die anders als das Zwillings-Vorhaben Bahnhofsneubau bisher hinsichtlich Kosten und Baufortschritt glänzte, gibt es massive Probleme. Probleme, die den anvisierten Fertigstellungs-Termin Ende 2021 ins Wanken bringen. Der Grund: Im letzten, erst im März 2015 planfestgestellten Abschnitt der Schnellbahntrasse im Albvorland (PFA 2.1) wurden neue Eidechsenpopulationen entdeckt - nur kurz nach der Baufreigabe.

Das Ausmaß der Misere schildert ein Projekt-Sprecher: Die Eidechsen wurden just in der Baueinrichtungsfläche für den Albvorland-Tunnel bei Wendlingen (Kreis Esslingen) entdeckt. Derzeit liege eine Planfeststellungsänderung beim Eisenbahnbundesamt (Eba). Nur im Frühjahr vor der Brut und bis Herbst vor dem Überwintern dürften Zauneidechsen umgesiedelt werden. Das Umsiedeln im Frühjahr sei schon passé, sogar das nötige Plazet des Eba vor Herbst sei nicht sicher. Im schlimmsten Fall könnten die Mineure also erst ein Jahr verspätet loslegen.

Schon wiederholt hatte das Tiefbahnhof- und Schnellbahnprojekt mit dem Artenschutz Probleme gehabt. Eine Juchtenkäfer-Population im Schlossgarten hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht. Eidechsen-Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Projekt-Historie, Populationen in Feuerbach, am Nordbahnhof, in Bad Cannstatt und Untertürkheim plus Querelen um Ausweichquartiere in Steinheim (Kreis Ludwigsburg) und auf den Fildern.

Für Christine Fabricius, Naturschutzreferentin des BUND Baden-Württemberg, sind die Komplikationen wenig überraschend. Zum einen, weil das europaweit gefährdete und deshalb durch die FFH-Richtlinie streng geschützte Reptil gerade im Südwesten noch viele Lebensräume findet. Zudem lieben die Tiere warme, lichte Standorte - Gleisanlagen etwa und Wiesenflächen. "Die Bahn wusste, dass es in dem Bereich Eidechsen gibt", sagt Fabricius. Das stehe so in den Planfeststellungsunterlagen. "Und es ist nie ausgeschossen, dass man noch mehr findet."

"Das Problem für die Bahn dürften weniger die Kosten der Eidechsen-Umsiedlungen sein, die im Vergleich zu den Baumaßnahmen kaum ins Gewicht fallen, als vielmehr die Flächenverfügbarkeit für neue Eidechsenhabitate." Fabricius vermutet, dass die Eidechsen als Grund für allgemeine Bauverzögerungen herhalten müssen.

Hinsichtlich der Ausgleichsflächen widerspricht die Projektgesellschaft. "Probleme mit Umsiedlungsflächen haben wir grundsätzlich immer", sagt der Sprecher, "aber in diesem Fall haben wir Flächen." Derzeit hänge alles an der Bearbeitung durch das Eba. Immerhin wurden für dessen Stuttgarter Büro nun Stellen aufgestockt. Auch wegen des S-21-Bauabschnitts auf den Fildern beim Flughafen. Dort hatte die Bahn wegen der zeitlich angespannten Lage infolge der Umplanungen für einen verbesserten Filderhalt (Bauvariante "Drittes Gleis") angeregt, einen "Steuerkreis" zur Beschleunigung der Prozesse zu etablieren. Doch das Eba spielte da nicht mit. Mittlerweile, so der Projektsprecher, treibe eine Arbeitsgruppe von Land, Bahn und Eba moderiert vom Bundesverkehrsministerium die Planungen voran.

Ob trotzdem der Fertigstellungstermin 2021 zu halten ist? Leger erklärte, das könne er beantworten, wenn im Frühsommer der Bescheid des Eba zu den Umplanungen auf den Fildern vorliege. Das Motto der Projektgesellschaft lautet derweil: "Wir befinden uns auf einem kritischen Pfad."

Kommentar von Fabian Ziehe: Immer auf die Echsen

Was für ein Gewürge wegen ein paar Echsen. 10.000, so die Bahn, sollen bis Bauende des Großprojekts umgesiedelt sein. Kostenpunkt: 15 Millionen Euro. Und nun könnten Zauneidechsen auch noch die heilige Kuh des Projekts, die Baufertigstellung 2021 gefährden. Darf das sein?

Man kann es auch so betrachten wie Christian Küpfer, der in Nürtingen Fachleute für Landschaftsplanung und Naturschutz ausbildet: "Wenn die Vorhaben sauber bearbeitet werden, dann ist das Thema Artenschutz gut zu bewältigen." Studenten wie Bauträgern rät der Professor: "Kümmert euch rechtzeitig um das Thema, dann fallen die Probleme nicht vom Himmel." Von Ende her betrachtet mag es also stimmen, dass ein paar Eidechsen den Fertigstellungstermin gefährden. Vom Anfang her gedacht ist das Humbug. Es war klar, dass es dort Eidechsen gibt. Und es gibt viel Expertise im Südwesten, wie man solcher Herausforderung begegnet.

Drei Dinge sollten klar sein: Die Bewahrung von Lebensräumen und gefährdeten Arten ist aus gutem Grund Pflicht. Die Kosten für Artenschutz fallen verglichen mit den Gesamtkosten gering aus - gerade bei S 21. Und: Im Gegensatz etwa zu Denkmalschutz und geologischen Ungewissheiten sind artenrechtliche Herausforderungen vorab gut abschätzbar.

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Kommentare

08.04.2016 20:17 Uhr

Ge-Bahn-te Probleme

Wer so von den Querelen um den Flächenerwerb für die Neubaustrecke Ulm-Wendlingen der letzten Jahre aus dem Mund von betroffenen Eigentümern und Pächtern etwas mitbekommen hat, könnte schon bezweifeln, dass die Eidechsen nun Schuld an den Bauverzögerungen sind.

Meines Wissens ist die Bahn bis heute noch nicht im Besitz aller notwendigen Flächen und hat auch noch nicht alle Entschädigungen bezahlt. Vielleicht hätte die Bahn beim Flächenerwerb etwas weniger Probleme gehabt, wenn sie mit den Betroffenen etwas diplomatischer umgegangen wäre, zügiger und angemessener entschädigt hätte.

Gewöhnlich muss jemand, der ein Haus bauen will, auch erst das Baugrundstück bezahlen und besitzen, bevor er bauen kann und nicht, wie die Bahn, erst bauen und dann erst den Grund und Boden im laufe der Jahre bezahlen.

Auch die Kosten für die Umsiedlung auf die einzelne Eidechse umzurechnen, bis zu 4000 Euro pro Stück, und von "plötzlich" auftretenden 10000 Stück zu sprechen ist ja wohl unredlich, wie schon andere Kommentatoren und Leute vom Fach bemerkten.

In Wendlingen-Unterensingen waren wohl, dem Augenschein nach, auch schon im Herbst 2015 Schotterflächen an der Bahnstrecke im Bereich der künftigen Baustelle mit Baufolien abgedeckt, um Eidechsen von einer Ansiedelung in diesem Bereich abzuhalten oder sie zu vergrämen. Das es dort Eidechsen gab war also wohl schon bekannt ...

Die Schaffung von Ersatzflächen für die Eidechsen in der Nähe der alten Standorte hätte auch schon frühzeitig geschehen können. Die Ersatzflächen sollten dann auch so gestaltet sein, dass die Tiere dort dauerhaft überleben können -- was bei einer anderen Umsiedelaktion der Bahn bei einer Population von Echsen von Feuerbach nach Steinheim an der Murr scheinbar nicht so gut geklappt hat. Das sollte man dann beim nächsten Mal versuchen zu verbessern.

Die Kosten für die Ersatzflächen und die Umsetzung der Tiere muss man dann ja wohl eher auf die Jahre des Bestehens der neuen Bahnstrecke und des neuen Lebensraums umlegen und nicht pro Tier. Bei der Anzahl der umzusiedelnden Tiere sollte man dann auch von seriöseren Zahlen, realen Zahlen ausgehen, nicht von Prognosen oder Hochrechnungen. Das ist Hokuspokus.

In Kirchheim unter Teck gab es 2013-2014 beim neu erschlossenen Gewerbegebiet Hegelesberg auch eine Eidechsenpopulation die vergrämt oder umgesiedelt wurde. Dort scheint es ja, Dank vorausschauender Planung und Organisation geklappt zu haben.

Es liegt also vielleicht doch eher an den Handelnden bei der Bahn als an irgendwelchen geschützten Tieren oder Wutbürgern, wenn es zu Bauverzögerungen kommt ;-)

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08.04.2016 20:14 Uhr

Gott ach Gott - immer dieser Artenschutz!

Richtig: Die Eidechsenpopulation im Albvorland muss mal wieder für allgemeine Bauverzögerungen und fehlende Planänderungsbescheide herhalten. Diese Spielchen der Bahn sind doch inzwischen hinreichend bekannt.

Zudem muss ein Pendant zum massiven Zeitrückstand beim Kellerbahnhof und dem Flughafenabschnitt geschaffen werden. Deshalb ist die Bahn wohl gut beraten, auch bei der Neubaustrecke künstliche Schikanen im Bauablauf einzubauen, schließlich will man doch beide Projekte zeitgleich im Jahre 2021 plus XXX oder gar an einem St.-Nimmerleinstag in Betrieb nehmen.

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08.04.2016 18:34 Uhr

Ge-Bahn-te Probleme

Wer so von den Querelen um den Flächenerwerb für die Neubaustrecke Ulm-Wendlingen der letzten Jahre aus dem Mund von betroffenen Eigentümern und Pächtern etwas mitbekommen hat, könnte schon bezweifeln, dass die Eidechsen nun Schuld an den Bauverzögerungen sind.

Meines Wissens ist die Bahn bis heute noch nicht im Besitz aller notwendigen Flächen und hat auch noch nicht alle Entschädigungen bezahlt. Vielleicht hätte die Bahn beim Flächenerwerb etwas weniger Probleme gehabt, wenn sie mit den Betroffenen etwas diplomatischer umgegangen wäre, zügiger und angemessener entschädigt hätte.

Gewöhnlich muss jemand, der ein Haus bauen will, auch erst das Baugrundstück bezahlen und besitzen, bevor er bauen kann und nicht, wie die Bahn, erst bauen und dann erst den Grund und Boden im laufe der Jahre bezahlen.

Auch die Kosten für die Umsiedlung auf die einzelne Eidechse umzurechnen, bis zu 4000 Euro pro Stück, und von "plötzlich" auftretenden 10000 Stück zu sprechen ist ja wohl unredlich, wie schon andere Kommentatoren und Leute vom Fach bemerkten.

In Wendlingen-Unterensingen waren wohl, dem Augenschein nach, auch schon im Herbst 2015 Schotterflächen an der Bahnstrecke im Bereich der künftigen Baustelle mit Baufolien abgedeckt, um Eidechsen von einer Ansiedelung in diesem Bereich abzuhalten oder sie zu vergrämen. Das es dort Eidechsen gab war also wohl schon bekannt ...

Die Schaffung von Ersatzflächen für die Eidechsen in der Nähe der alten Standorte hätte auch schon frühzeitig geschehen können. Die Ersatzflächen sollten dann auch so gestaltet sein, dass die Tiere dort dauerhaft überleben können -- was bei einer anderen Umsiedelaktion der Bahn bei einer Population von Echsen von Feuerbach nach Steinheim an der Murr scheinbar nicht so gut geklappt hat. Das sollte man dann beim nächsten Mal versuchen zu verbessern.

Die Kosten für die Ersatzflächen und die Umsetzung der Tiere muss man dann ja wohl eher auf die Jahre des Bestehens der neuen Bahnstrecke und des neuen Lebensraums umlegen und nicht pro Tier. Bei der Anzahl der umzusiedelnden Tiere sollte man dann auch von seriöseren Zahlen, realen Zahlen ausgehen, nicht von Prognosen oder Hochrechnungen. Das ist Hokuspokus.

In Kirchheim unter Teck gab es 2013-2014 beim neu erschlossenen Gewerbegebiet Hegelesberg auch eine Eidechsenpopulation die vergrämt oder umgesiedelt wurde. Dort scheint es ja, Dank vorausschauender Planung und Organisation geklappt zu haben.

Es liegt also vielleicht doch eher an den Handelnden bei der Bahn als an irgendwelchen geschützten Tieren oder Wutbürgern, wenn es zu Bauverzögerungen kommt ;-)

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08.04.2016 08:49 Uhr

Sarazin hatte recht

aber anders als er dachte: "Deutschland schafft sich nicht nur ab", sondern macht sich auch noch lächerlich.

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Themenschwerpunkt

Das Bahnprojekt Stuttgart 21 und die Neubaustrecke

Die Bahn preist Stuttgart 21 und die Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm als zukunftsweisendes Projekt an, Kritiker widersprechen. Auf dieser Seite finden Sie alle Artikel zur Neubaustrecke und Stuttgart 21.

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