Wie die Stadt Reutlingen sich auf die Flüchtlingswelle vorbereitet

In der ehemaligen Ypern-Kaserne im Reutlinger Ringelbach-Quartier ist kein Platz für Schöner Wohnen. Hier entsteht eine Flüchtlingsunterkunft.

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Ein Flüchtling in der Reutlinger Ypern-Kaserne sitzt am Fenster und wartet auf seinen Asylbescheid. Ein Stockwerk über ihm baut die Stadt neue Unterkünfte.  Foto: 

Wie eine dieser Uhren von Salvador Dalí hängt der Teppich über der Feuertreppe. Wer Ästhetik an dieser ehemaligen Mannschaftsunterkunft sucht, wird dort fündig - und nur dort. Der Rest: beige Fassade, unten Unkraut, links ein Gas-Tank, rechts ein Dixi-Klo - Zweckmäßigkeit pur. Hier, in der ehemaligen Ypern-Kaserne im Reutlinger Ringelbach-Quartier, ist kein Platz für Schöner Wohnen. Hier entsteht eine Flüchtlingsunterkunft.

Was die Leistung der Planer und Handwerker nicht schmälert: In ein paar Sommermonaten haben sie aus dem Abbruchhaus eine Unterkunft für 65 Leute gemacht. Maler und Elektriker werkeln noch, Architekt Peter Kautt führt derweil durch den Korridor, zeigt in Wohn- und Gemeinschaftsräume. Ende des Monats kommen die Bewohner.

"Das ist eine schnelle Ertüchtigung, keine Kernsanierung", sagt Kautt: die Alternative zu Turnhallen und Zelten. So ist Eile geboten, aber nicht Kopflosigkeit. Die alten Gewehrhalter an der Wand decken nun Platten ab. "Bei kriegstraumatisierten Flüchtlingen ist das besser", sagt Kautt. Der Technikschrank steht aus Brandschutzgründen im Sozialarbeiter-Raum, damit kein Bewohner daran hantiert. In der Küche sind solide Edelstahl-Anrichten montiert und Backöfen, die sich ausschalten, wenn jemand das vergisst. "Wir optimieren die Einrichtung dauernd", sagt Kautt.

So bereitet sich Reutlingen vor. Die Kaserne illustriert die Lage vieler Kreise und Kommunen: Derweil im 1. und 2. Stock des Hauses die "Anschlussunterbringung" der Gemeinde vorbereitet wird, wohnen im Erdgeschoss schon Flüchtlinge. Der Kreis Reutlingen betreibt dort eine "vorläufige Unterbringung": Flüchtlinge mit (bestenfalls) gestelltem Asylantrag wohnen dort, bis ihr Verfahren abgeschlossen ist. Kommt der Aufenthaltstitel oder die Duldung, übernimmt die Stadt die Flüchtlinge in Unterkünften wie jener ein Stockwerk darüber.

Es werden viele Menschen sein. "Das Thema wird uns lange erhalten bleiben", sagt Wolfgang Kühn. Mit dem Chef des Gebäudemanagements geht es im Auto zum Rathaus. Er und sein Team, so sagt er, seien schon mit der Betreuung der 500 städtischen Gebäude gut beschäftigt. Nun richten sie zudem die Kaserne und ein Haus her, planen Neubauten in den Bezirken Oferdingen und Gönningen. Reichen wird auch das wohl nicht. Die Jahre zuvor hätten sie die Flüchtlinge in Häusern der Stadt und Mietwohnungen untergebracht. "In diesem Umfang geht das nicht mehr."

Wie so vieles nicht mehr geht. Das weiß auch Robert Hahn. Als Verwaltungsbürgermeister laufen die Fäden bei ihm zusammenhalten. "Mich kann bei dem Thema kaum noch was überraschen", sagt er und lacht. Als Leiter des Rechts- und Presseamtes beim Landratsamt Tübingen hatte er die Flüchtlingswelle infolge der Balkankriege erlebt. Aber ein "historischer Höchststand" wie nun sei nochmal eine andere Nummer. Verglichen zu damals sei heute die Stimmung heute "offener und differenzierter". Zum Glück. Denn die Lage sei ja die: "Wir sind auf der letzten Rille unterwegs - mit Vollgas durch die Kurve."

Noch Ende 2013 habe man mit 170 Flüchtlingen pro Jahr gerechnet, die Reutlingen zu betreuen hat. Dieses Jahr sind es wohl 200. Doch 2016 werden schon 800 Menschen erwartet. Wohlgemerkt: Die Berechnung geht noch von bundesweit 800.000 Flüchtlingen für 2015 aus. Aktuell orakelt die "Bild"-Zeitung, dass es 1,5 Millionen würden.

"Wir sind in einem Stadium, in dem wir uns über Verteilungsgerechtigkeit keine Gedanken mehr machen können", sagt Hahn. Just diesen Dienstag informiert die Verwaltung in Oferdingen über die dort geplante Unterkunft. Ortschaftsrat und Bürger zürnen: Einige Flüchtlinge seien okay, aber bloß keine Sammelunterkunft!

Doch die Stadt sieht keinen anderen Ausweg. Solcher Ärger, so Hahn, werde sich häufen - zumal Bürgerbeteiligung nur eingeschränkt möglich ist. "Wir haben die Zeit nicht", sagt Hahn. "Es wird Zielkonflikte geben, die müssen wir aushalten." Die Wohnungen seien der Anfang, bald wird es um Kita-Plätze, Arbeitsvermittlung, Sozialarbeit gehen. "Die Arbeit beginnt erst." Und bei vielem zeigten Bund und Land sich noch knauserig. Ob die Stadt, ob Land und Bund die Herausforderungen meistern können? "Wer, wenn nicht wir?", fragt Hahn.

Der Weg führt über den Gang ins Büro von Anke Bächtiger. Sie leitet die Stabsstelle Bürgerengagement, hält Kontakt zu 200 Ehrenamtlichen, zu 15 Freundeskreisen. Hinzu kommen fünf Asylcafés, die Diakonie und Caritas betreiben. Bächtigers Kursangebote für Ehrenamtliche sind übervoll. "Die Bereitschaft zu helfen ist riesig - alle Ehrenamtlichen einzubinden wird eine große Aufgabe." Bächtiger stellt schon fest, wie die Bürger aufblühten, wie Kirchen und Moscheen einen neue Rolle fänden. Die Flüchtlinge brächten Dynamik ins Gemeinwesen - gute Dynamik. "Da sind ganz innige Verhältnisse entstanden", sagt Bächtiger. Sie strahlt.

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