Wie das Land gegen Einbrecherbanden vorgeht

Lange stiegen die Einbruchszahlen im Land, organisierte Banden räumten ganze Wohngebiete aus. Dann stellte die Polizei ihre Arbeit um – erste Erfolge sind messbar.

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Für mobile Einbrecher eignet sich der Rhein-Neckar-Raum perfekt: Die Gegend um die Städte Heidelberg und Mannheim ist ein eng besiedelter Wohlstandsraum, zerschnitten von Autobahnen in alle Richtungen und nah am Drei-Bundesländer-Eck mit seinen föderalen Schatten. Anfahren, ausräumen, abfahren, untertauchen – das geht hier sehr gut.

„Die Banden sind wie Heuschreckenschwärme eingefallen und haben wochenlang versucht, auszuräumen“, sagt Siegfried Kollmar, Leiter der Kriminalpolizeidirektion Heidelberg, wenn er sich an 2014 und 2015 erinnert. „Die haben zum Teil am Autobahnparkplatz geparkt und sind übers Feld ins Wohngebiet gelaufen.“ Früher Abend, Terrassentür aufgehebelt, Zimmer durchwühlt, Schmuck gegriffen und raus. „Das dauert eine Minute, vielleicht zwei.“ Dann auf die Autobahn und weg. Fast immer in Gruppen, „mal vier Mann, mal zwölf“.

Das Delikt „Wohnungseinbruchsdiebstahl“ hat zuletzt eine Blüte erlebt. Kriminalstatistiken weisen 2014 als Gipfeljahr eines bundesweiten Trends aus: Die Einbruchszahlen stiegen, Aufklärungsquoten sanken. Kollmar spricht von „explosionsartiger Entwicklung bei veränderter Täterstruktur“. Er meint Banden aus Osteuropa: Anfangs waren es viele Georgier, inzwischen zähle man mehr Albaner und Rumänen.

Tarnung als Handwerker

Für viele Einbruchsopfer ist nicht der wirtschaftliche Schaden das Problem, sondern der psychische: das Gefühl, da war einer im Haus, im Rückzugsgebiet, und hat alles durchwühlt. Die Politik machte Druck, Kollmar und Kollegen überlegten, wie sie der Sache Herr werden könnten.

„Wir haben uns neu ausgerichtet und eine BAO geschaffen“, erzählt Kollmar. BAO steht für Besondere Aufbauorganisation. „Stellen Sie es sich vor wie eine Sonderkommission.“ Alle mit dem Thema befassten Polizeistellen wurden zusammengefasst: Prävention, Fahndung, Technik, Auswertung: alles unter einem Dach, einem Chef, jeden Tag ein Lagebild. So sei es gelungen, die Banden zu verstehen.

Kollmar spricht von „einem hoch professionellen, arbeitsteiligen Vorgehen“. Einbrecher reisen für Wochen nach Deutschland, kontaktieren einen hier lebenden „Residenten“, oft ein Landsmann, manchmal der Chef des Ganzen, manchmal nur ein Helfer. Der „Resident“ stellt oft Unterkunft, vielleicht Verpflegung, vor allem Logistik und Informationen.

Kollmar erinnert sich an einen „Residenten“, der eine Trockenbaufirma betrieb. Er stellte Einbrecher als Scheinarbeiter an, man fuhr tagsüber als Handwerker getarnt kundschaftend umher und kam abends zum Einbrechen wieder. Oft übernehme der „Resident“ auch die Beute, zahle die Einbrecher aus, besorge Lagerung und Verkauf des Diebesguts.

Weil alles so schnell geht, wird selten ein Täter auf frischer Tat erwischt. Ermittler kommen an einen Tatort und haben nur Spuren, vielleicht mal Zeugen oder ein besonderes Tätervorgehen. In der BAO wird dann alles zusammengetragen und ermittelt. „Das ist kleinteilig, wir fangen jedes Mal bei Null an“, sagt Kollmar.

Ab und zu „knipst die Polizei das Licht an“, wie Innenminister Thomas Strobl (CDU) große Schwerpunktkontrollen gern nennt. Erst neulich rückten in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz drei Tage lang fast 1000 Polizisten, Zöllner und französische Gendarme aus. Es gab Kontrollen in Wohngebieten, an Autobahnparkplätzen, auf Bundes- und Landstraßen, in Hotels, Motels, Campingplätzen, in Fernbussen und Nahverkehr. Gut 4000 Personen und 2370 Autos wurden überprüft. Ergebnis: 14 Festnahmen, 116 Anzeigen, Drogen-, Waffen- und Diebesgut-Funde. „Das ist aber nicht alles“, sagt Kollmar. „Wir decken so Strukturen auf, sehen wer mit wem unterwegs ist. Da ergeben sich neue Ansätze.“

Heidelberg war Vorreiter, inzwischen haben alle Präsidien im Land organisatorisch reagiert, mit speziellen Ermittlungsgruppen oder zentralisierter Kriminaltechnik. „Wir bekämpfen den Einbruch zielgerichtet und sehr erfolgreich“, sagt Minister Strobl. 2016 sanken die Fallzahlen, die Aufklärungsrate stieg. Das setze sich 2017 fort. „In diesem Jahr, zwischen Januar und Oktober, gab es im Vergleich zum Vorjahr einen deutlichen Rückgang der Wohnungseinbruchdiebstähle, sogar im zweistelligen Prozentbereich“, sagt Strobl.

Wichtig sei auch, dass immer mehr Bürger ihre Häuser besser sichern und besser aufpassen. Dass die Strafen erhöht wurden, wirke auch: Der Bundestag hat im Sommer das Gesetz geändert: Für Wohnungseinbruch gilt nun eine Mindeststrafe von einem Jahr. Bisher waren es sechs Monate, in minder schweren Fällen drei. Solche minder schweren Fälle gibt es nun nicht mehr.

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