Wie Besucher das verhagelte Southside-Festival erlebten

Erst kam der Traumstart, dann das Unwetter: Als das Southside Festival richtig losging, musste es in Neuhausen ob Eck abgebrochen werden.

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  • Erst konnten die Southside-Besucher am Freitag noch feiern (l. unten), am Abend aber kam das Unwetter und das Festivalgelände stand schnell unter Wasser (Mitte). Nach der Absage packten am Samstag die Musikfreunde ihre Sachen (links oben). Viele Zelte waren stark beschädigt worden (rechts). 1/4
    Erst konnten die Southside-Besucher am Freitag noch feiern (l. unten), am Abend aber kam das Unwetter und das Festivalgelände stand schnell unter Wasser (Mitte). Nach der Absage packten am Samstag die Musikfreunde ihre Sachen (links oben). Viele Zelte waren stark beschädigt worden (rechts). Foto: 
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  Der Festival-Freitag auf dem Southside-Festival 2016 beginnt vielversprechend. Die Wege sind frisch geschottert, die Stände tragen diesmal extragroße Schriftzüge, sodass der Hungrige unter den 60 000 Besuchern schon von Weitem sieht, ob er da auf den Tapas- oder Kässpätzle-Stand zusteuert. In großen Mengen strömen die Fans erst gegen Spätnachmittag vor die insgesamt vier Bühnen auf dem ehemaligen Flugplatz bei Neuhausen ob Eck.

Während Tom Odells Konzert fallen gegen 19.40 Uhr erste dicke Regentropfen. Eine erfrischende Wohltat. Ein paar Wolken sind am Himmel zu sehen, nur eine davon ist dunkelgrau. Das ist bestimmt nur ein Schauer. Kaum stimmen Flogging Molly auf der Grünen Hauptbühne die ersten Takte an, erscheint auch schon darüber ein Regenbogen.

Doch von Westen ziehen rasch weitere Wolken auf. Kurz nach 20 Uhr wird bei prasselndem Hagel kein Besucher mehr aufs Konzertgelände gelassen. „Das hat so krass wehgetan“, sagt  später die 19-jährige Meike Schmid aus dem Kreis Tübingen. Über Lautsprecher bitten die Veranstalter die Besucher,  schnell zu ihren Autos oder bereitstehenden Shuttlebussen zu gehen. „Nicht in die Zelte! Und nehmt andere Besucher in Eure Autos auf!“

Auf dem Konzertgelände herrscht einigermaßen Chaos, da Ausgänge, durch die man am Nachmittag reinkonnte, geschlossen sind. Nicht mal ein Rollstuhlfahrer, dessen Kumpels beteuern, sie könnten ihn nicht noch weiter über den holprigen Schotter schieben, dürfen auf direktem Weg durch zum Parkplatz. Anweisung von oben, beteuert einer der 5000 zum Teil völlig unerfahren wirkenden Angestellten und Security-Leute – und bleibt standhaft: Der Zaun bleibt hier zu. Die komplett durchnässten Festivalbesucher werden durchs weiße Zelt zum nächsten Ausgang geschickt, kaum im Zelt, aber von einem anderen, wild fuchtelnden, Security-Mann wieder nach draußen gejagt.

Gegen 21.15 Uhr sendet übers Autoradio „Camp FM“ nicht nur Wunschsongs, sondern auch ein  Kurzinterview mit Rocko Schamomi von Fraktus, deren Auftritt gerade zu diesem Zeitpunkt im Weißen Zelt stattfinden sollte. Sie hätten grad noch so nett Bier getrunken und warteten drauf, wann es weitergehe, sagt der Hamburger gutgelaunt.

Die erste Unwetterwarnung gilt bis 22 Uhr, in jeder Durchsage wird betont, das Festival werde nicht ab-, sondern nur unterbrochen. Doch es geht nicht weiter: Gegen 22 Uhr verkündet der Veranstalter via Facebook und Southside-App: „Liebe Freunde, wir haben eine amtliche Unwetterwarnung bis 0 Uhr mit schwerem Gewitter, Orkanböen, extrem heftigem Starkregen und Hagel! Da das Wetter extrem unbeständig ist, können wir vorher keine Aussage treffen, wann eine Besserung der Lage eintritt. Geht in Eure Fahrzeuge, bleibt NICHT in den Zelten, nehmt Leute auf die leeren Plätze in Euren Autos auf und helft einander. Wir halten Euch über ,Camp FM’ auf 91,4 MHz, Twitter, Facebook und die Festival-App auf dem Laufenden!“ Da ist klar: Deichkind, Die Orsons und HVOB werden in dieser Nacht nicht mehr auf einer frisch trockengewischten Bühne auftreten.

Saskia Celine Leo aus dem Kreis Tuttlingen bemängelt über Twitter, dass die Durchsagen mit der Aufforderung, sich in Sicherheit zu bringen, die Festivalbesucher nur auf dem Konzertgelände, nicht aber auf den Campingarealen erreichten. „Nirgends ist jemand, den man ansprechen kann!“ Und: Nicht alle hätten ein Handy dabei, ein Radio oder die Möglichkeit, die Festival-App runterzuladen, um weitere Infos zu empfangen.

Auch  Meike Schmid und ihr 22-jähriger Begleiter Manuel Heusel suchen lange nach einem sicheren Ort. Insgesamt drei Stunden lang irren sie über das rund 100 Hektar große Gelände. Zwischendurch erhalten sie Unterschlupf in „einer Art Van“, dann entdecken sie schließlich ihr Auto auf dem weit entfernten Parkplatz. Über Nacht fahren sie zu einer Bekannten, die in der Umgebung wohnt.

Am Samstagvormittag  erleben sie dann einen Schock: Zwei der Zelte ihrer Clique sind gestohlen, dazu Töpfe, Besteck und anderes geklaut. „Ausnahmsweise mal ein Festival, wo viele und gute Bands spielen“, sagt Meike Schmid, deren erstes Festival dies hätte werden sollen. „Und dann sowas.“ Dennoch finden es die beiden gut, dass erst die Veranstalter und  Samstagsfrüh  der Bürgermeister von Neuhausen ob Eck das Open Air angesichts erneut aufziehender Gewitter unter- beziehungsweise abgebrochen haben.

Wie die beiden packen auch die anderen ihre Sachen zusammen. Gegen 14 Uhr sind Konzert- sowie Campinggelände und Parkplätze  schon weitgehend geräumt. Die Helfer scheinen freundlich, aber erschöpft. Viele haben die Nacht so gut wie durchgearbeitet.

Nachfragen nach einer Erstattung des Ticketpreises gebe es kaum, teilt ein Kassenmitarbeiter am Green Camping mit. Aber die Leute auf diesem gepflegteren und ruhigeren Campingplatz, auf dem wie anderswo am Samstagvormittag neben schlammverkrusteten Schuhen, zurückgelassenen Kugelgrills und einer vereinzelten aufblasbaren Palme zahlreiche vom Sturm zerfetzte Zelte zurückblieben, seien „eh ziemlich relaxt“. Die Veranstalter sprechen am Morgen von 25 verletzten Besuchern, die zum Teil in Krankenhäuser gebracht werden mussten, später ist von 82 Verletzten die Rede,  von denen 25 in eine Klinik kamen.  Sie hatten leichte Blessuren, entstanden beim Verlassen des Geländes, gibt die Polizei später bekannt. Verletzungen direkt durch das Unwetter habe es nicht gegeben.

Silas Barth (27), ein erfahrener Festivalgänger, dessen Handgelenk neben dem Southside-Bändel auch das des Greenfield und von Rock im Park schmückt, findet es schade, dass die Veranstalter dieses Festival vorzeitig beendet haben. „2010 war’s vom Regen her schlimmer“, sagt er. Als klar war, dass in Neuhausen ob Eck auch nach Mitternacht das Programm nicht wieder aufgenommen wird, ist Silas mit Freundin Jenny Bocian (30) nach Hause gefahren, nach Rottweil.  Ihr Fazit: „Dieses Jahr ist es vom Wetter her mit den Open Airs ziemlich kritisch.“ Immerhin haben sie ihre Lieblingsband The Offspring schon zwei Wochen zuvor im Schweizerischen Interlaken gesehen.

In vielen Landkreisen liefen die Keller voll

Pfullingen Nicht nur das Southside-Festival war von den sintflutartigen Regenfällen betroffen. Stark gefordert war Freitagnacht etwa die Feuerwehr in Pfullingen (Kreis Reutlingen): Der Eierbach, ein kleines Rinnsal, wurde binnen kurzem zu einem reißenden Strom. Auch der übliche Pegelstand der Echaz in der Kleinstadt wurde um zwei Meter überschritten. In der 18 000-Einwohner-Gemeinde gingen 400 Notrufe ein.

 

Flughafen Am Stuttgarter Landesflughafen musste die Vorfeldabfertigung infolge des starken Gewitters zwischen 21.52 Uhr und 1.20 Uhr komplett eingestellt werden. Insgesamt waren rund 3100 Fluggäste in 28 Flugzeugen betroffen. Teilweise kam es zu Verspätungen, mehrere Flüge wurden annulliert.

 

Weitere Einsätze In Reutlingen  wurde ein überschwemmtes Parkhaus leer gepumpt. In Freiburg waren mehr als  140 Kräfte mit 38 Fahrzeugen im Einsatz, um umgestürzte Bäume wegzuräumen und überflutete Keller abzupumpen. Im Landkreis Biberach musste die Feuerwehr fast 1000 Mal ausrücken, wie das dortige Landratsamt mitteilte. In einem Ortsteil der Gemeinde Mietingen seien rund 100 Keller vollgelaufen. Auch in Baltringen standen einige unter Wasser. „Es bot sich erneut ein Bild der Verwüstung“, erklärte Landrat Heiko Schmid. Im Landkreis Esslingen rückte die Feuerwehr insgesamt 176 Mal aus. Sie wurde unter anderem zum Löschen eines Wohnhausbrandes in Unterensingen gerufen, der vermutlich durch einen Blitzschlag ausgelöst worden war. In Stuttgart lief eine Staustufe im Neckar wegen eines technischen Defekts über. Das Wasser flutete anschließend angrenzende Autos und Gebäude. dpa

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